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Einer, der Spuren hinterlassen hat

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Von: Jürgen Wagner

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Bernd Witzel war ein Naturmensch. IHM-Fahle (3) © Jürgen Wagner

Seinen letzten Kampf konnte er nicht gewinnen: Nach langer Krankheit ist Alt-Bürgermeister Bernd Witzel (UWG/Freie Wähler) am Sonntag im Alter von 76 Jahren verstorben. Freunde und Weggefährten würdigen ihn als einen Macher, der in seiner Heimatstadt Bad Nauheim Spuren hinterlassen hat.

Wer Bernd Witzel in seinem Element erleben wollte, musste seine Kulturscheune „Zum Grünen Baum“ in Nieder-Mörlen besuchen. In seiner Scheune, hergerichtet wie ein landwirtschaftliches Museum mit historischem Pferdegeschirr an den Wänden, fühlten sich nicht nur er und seine Lebensgefährtin Margrit Lehmann wohl. Griff der Altbürgermeister zum Mikrofon, um ein Lied anzustimmen oder eine Anekdote zu erzählen, stieg die Stimmung unter den Gästen merklich an.

Witzel war ein geselliger Mensch und ein guter Unterhalter, er war ein (Alt-)Bürgermeister zum Anfassen. Einer, der auf dem Traktor durch Bad Nauheim tuckerte, um am Johannisberg mit den Weinbaufreunden Rebstöcke zu pflegen. Witzel war naturverbunden und ein Vereinsmensch. Kam die Sprache auf die Politik, konnte er aber auch die Ellenbogen ausfahren.

Witzel polarisierte. Als er 2011 nach nur sechs Jahren als Rathauschef abgewählt wurde, ging ein Ära zu Ende: Der vormalige Stadtrat war 18 Jahre Hauptamtlicher im Magistrat und 30 Jahre lang in der Kommunalpolitik aktiv.

Den Anstoß, in die Politik zu gehen, gab die Schließung des familieneigenen Lebensmittelgeschäfts in Nieder-Mörlen, nachdem die Stadt die Ansiedlung eines Supermarktes genehmigt hatte. Witzel war wütend. „Ich habe gesagt: Mir reicht es jetzt, ich gehe selber in die Politik“, erzählte er im August 2021. Da hatte er sich gerade gesundheitlich etwas erholt. Es war ein schleichender Rückzug. Seine Wähler hielten weiter zu ihm. Bei der letzten Kommunalwahl wurde er auf der FW/UWG-Liste von Platz 26 auf 15 gewählt, Witzel verzichtete aber aufs Mandat.

Witzel war Bürgermeister mit Leidenschaft. Politische Kontrahenten bekamen das zu spüren. Er konnte austeilen, übte sich auch öfter im Einstecken. Ein Mann mit konservativen Wertvorstellungen, der im Kreistag aber die verbale Keule auspackte, wenn Redner von Rechtsaußen die nationalsozialistischen Verbrechen kleinreden wollten.

Witzel wusste, dass er öfter aneckte. Als die Bad Nauheimer CDU jüngst eine Koalition mit der SPD und den Grünen einging, weil die Christdemokraten, wie er gehört hatte, verhindern wollten, „dass man auf uns rumkloppt“, erwiderte er feixend: „Ich bin doch gar nicht mehr da.“ Für seinen langjährigen Weggefährten Christian Weiße war Witzel „ein Macher, ein Schaffer, einer, der viel erreicht hat für die Stadt“. Er sei ein „streitbarer Weggefährte mit liebenswerten Seiten“ gewesen. Weiße: „In seiner Amtszeit wurde in Bad Nauheim unglaublich viel bewegt, das waren Millionen-Investitionen.“ Parkstraße, Bahnhof samt Umfeld, Kastanienrondell und noch viel mehr falle einem ein: „Der Freischnitt des Johannisbergs und der Weinanbau werden ewig mit ihm verbunden bleiben.“ Dass so vieles vorangebracht wurde, sei Witzels „unkonventioneller Art“ zu verdanken. „Wäre er ein Technokrat gewesen, hätte das nicht funktioniert.“

Auch Stadtrat Klaus Englert war eng mit Witzel verbunden. „Er war ein Kämpfer. Ich dachte, er würde auch diesen Kampf gewinnen.“ Was Witzel auszeichnete: „Er hat die Probleme angepackt.“ Witzel war für den Neubau eines Eisstadion, setzte früh auf eine neue Therme, entwickelte die Idee, den Windmühlenturm zu reaktivieren. „Im Nachhinein kann man sagen: Er hatte in vielen Dingen recht.“

Viele Projekte tragen seine Handschrift: Goldsteingebiet, Rosengarten, Kommunalisierung des Staatsbades. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Aber er war nicht für alle Themen empfänglich, besonders nicht für jene der Grünen. Fotovoltaik auf städtischen Dächern? „Ich kann das nicht mehr hören“, lautete sein Kommentar.

„Er war ein sehr emotionaler Mensch mit einem riesengroßen Herz“, sagt Bürgermeister Klaus Kreß. „Er konnte aufbrausend sein, aber er konnte auch Fehler zugeben und um Entschuldigung bitten. Deshalb hatte er immer die Loyalität seiner Mitarbeiter.“ Die Landesgartenschau wäre ohne ihn „nicht so gelaufen, das war maßgeblich sein Verdienst“. Komplexe Sachverhalte habe er aufs Wesentliche reduziert. „Er wollte schnell entscheiden und handeln.“ Ein Macher eben, der den Mitarbeitern im Bauhof zeigte, wie man richtig die Straße kehrt - aber auch mit ihnen Fleischwurst aß. Ein Spitzname lautete „der Besen“. Kreß: „Ein sauberes Erscheinungsbild der Stadt lag ihm am Herzen.“

Witzel habe viel bewegt, sagt auch Kreß und nennt den erhöhten Betreuungsschlüssel in den Kitas, die Windmühlen-Rekons-truktion, den Weinberg. Im Oktober 2021 wurde das Clubhaus auf den Namen „Weinberghaus Bernd Witzel“ getauft. Kreß: „Darüber hat er sich sehr gefreut.“ Bernd Witzel habe „Hummeln im Hintern“ gehabt, konnte nie still sitzen. Die letzten Monate seien die Hölle für ihn gewesen, der Tod komme als Erlösung.

Im Bürgerbüro des Rathauses liegt bis zum 25. November ein Kondolenzbuch öffentlich aus, das später der Familie übergeben wird.

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