1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Wetterau
  4. Bad Nauheim

Ein Lokal als Inklusionsbetrieb

Erstellt:

Kommentare

Bad Nauheim - Das Café Bistro Jost in der Bad Nauheimer Trinkkuranlage ist eröffnet. Das Besondere: Es ist ein Inklusionsbetrieb, in dem Menschen mit und ohne Handicap zusammenarbeiten. Bei der Eröffnung war die Aufregung noch groß.

Eigentlich wollte die Betreiberin, die „proLiLo Gastrowelt gGmbH“, eine Inklusionsfirma der Lebenshilfe Gießen, schon im Sommer die Gäste im inklusiven Café Bistro Jost in der Bad Nauheimer Trinkkuranlage bewirten, aber Lieferschwierigkeiten zögerten die Eröffnung Monat für Monat hinaus. Viele fragten ungeduldig nach, wann es denn so weit sei. So kamen die geladenen Gäste am Freitag in Scharen.

Geschäftsführer Swen Groß begrüßte sie vor der Tür. Die Freude war ihm anzumerken. Drinnen schenkten Pia und Kyra an der Getränketheke Sekt aus, der kochbegeisterte 16-jährige Schüler Tim bot als Aushilfe Kuchenstückchen an, Service-Chefin Alexandra koordinierte. „So soll es sein, Man soll nicht gleich erkennen, wer hat nun ein Handicap und wer nicht“, sagte Dirk Oßwald, Geschäftsführer der Lebenshilfe Gießen, in seinem Grußwort.

Die 30-jährige Kyra machte selbst auf ihr Handicap aufmerksam: „Ich bin so glücklich, dass ich hier arbeiten kann. Denn im Altenheim konnte ich nicht bleiben, da war ich zu langsam.“ Natürlich müssen die Gäste wissen, dass es manchmal etwas langsamer gehen kann oder man genau hinhören muss, wenn jemand leise spricht. „Im Rahmen dessen, was sie können, fordern wir die Menschen mit Handicap genauso wie die anderen“, betonte Oßwald. Von den 16 neu geschaffenen Arbeitsplätzen sind acht für Menschen mit Handicap vorgesehen. Außerdem werden Praktikumsplätze angeboten.

Das Café Bistro Jost - der Name ist eine Hommage an den Schöpfer des Bad Nauheimer Jugendstils, Wilhelm Jost, - sei die Königsdisziplin unter den bisher 13 Kantinen der „proLiLo“-Gastrowelt und einzigartig in der Region, lobte Oßwald die inklusionsfördernde Stadt Bad Nauheim. „Mitten in der Stadt, mitten im Leben, das ist richtig“, freute sich Bürgermeister Klaus Kreß ebenso wie die heimische SPD-Bundestagabgeordnete Nathalie Pawlik, die als Schirmherrin der Charity-Gala Inklusion in der Kurstadt über die Grenzen hinaus trägt.

ÖFFNUNGSZEITEN

Das Café Bistro Jost in der Bad Nauheimer Trinkkuranlage ist mittwochs bis sonntags von 9 bis 19 Uhr geöffnet. Montag und Dienstag sind Ruhetage. Von 9 bis 12 Uhr gibt es Frühstück, danach die Tageskarte sowie Kaffee und Kuchen.

Kooperationspartner bei der Bewirtung der Säle in der Trinkkuranlage sind die Freunde des TAF. Man kann das Café auch für private Veranstaltungen oder Firmen-Events buchen.

Finanziell wurde das Café Jost durch die Aktion Mensch, den Landeswohlfahrtsverband Hessen und den Förderverein Inklusion Bad Nauheim gefördert. hms

Thomas Fritsch, Vorsitzender des Fördervereins Inklusion Bad Nauheim, nannte das Vorhaben einen großen Schritt. Erster Stadtrat Peter Krank sagte: „Inklusion ist eine Haltung. Wir haben hier die Chance, diese Haltung den Menschen zu vermitteln.“

Mit seinem Dank an alle meinte er auch Andreas Weigand, Mitglied im Förderverein, der das Designkonzept des Jost vom Jugendstil-Schriftzug bis zur Raumgestaltung entwickelt hatte. Bequeme und stilgerechte Bistrostühle locken und Fahnen mit Jugendstilmotiven schmücken den Raum. Auf der Rückseite der exklusiven Speisekarte ruht ein „Münsterländer, ein Hund der in der Jugendstilzeit in Bad Nauheim beliebt war“, verriet Weigand.

Unterdessen kämpfte die 23-jährige Pia mit einer Sektflasche, deren Korken sich nicht lösen wollte, bis es ein leises „Plop“ machte. „Pia will alles allein machen, sie gibt nicht auf, lobte Hausmeister Sven Mutterlose, der den jungen Frauen an diesem Tag zur Seite stand. Pia und Kyra kennen sich schon lange und freuen sich auf die Arbeit. Es ist das Ziel von Inklusionsbetrieben, Menschen mit Handicap in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln.

Die gehörlose Victoria aus der Ukraine, gelernte Zahntechnikerin, ist erst seit ein paar Tagen als Küchenhilfe im Team. „Wir verständigen uns mit Händen und Füßen, denn ich kann noch keine Gebärdensprache“, erklärte Küchenchef Frederic Seibold. Was in der Küche meist auf Zuruf geht, macht er bei ihr mit Antippen. Die Speisepläne sind auf Ukrainisch übersetzt, sie helfen sich mit Bildern oder mit dem Übersetzungsprogramm auf dem Handy. „Ich war früher bei einem großen Caterer. Dann habe ich mich hier initiativ beworben, weil diese Konstellation mich sehr interessiert“, erzählte Seibold. Er kommt aus Reichelsheim und kennt die regionalen Anbieter. Denn auf Regionalität legt er Wert: „Die Bäcker in der Lebensgemeinschaft Bingenheim haben extra für uns ein neues Brot kreiert. Den Kuchen bekommen wir auch von dort. Der Kaffee stammt aus der inklusiven Kaffeerösterei Kehna in Weimar (Lahn).“ Das Bistrokonzept sieht fünf Gerichte vor, dazu Salat, Suppen, Nachspeisen und reichlich saisonal belegte Brote.

Im Jost greifen zwei Inklusionsbetriebe ineinander: Gastronomie und Hausmeister- mit Reinigungsservice. Die Chefin des Reinigungsteams ist Edyta aus Polen, die hier in ihrem ursprünglichen Beruf nicht arbeiten kann. Zur Eröffnung hilft sie im Service. „Manche sind die Belastung nicht gewohnt. Da müssen wir Verantwortliche auf Pausen achten, wenn jemand müde wird. Es ist ein schönes Miteinander“, freute sich Service-Chefin Alexandra. Als sich an den Tischen die Grüppchen unterhielten, sprang Pia umher und räumte gebrauchte Gläser und Teller weg. Alles spielt sich ein.

Auch interessant

Kommentare