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Kreative Köpfe: Wolfgang Sünkel und Pia Nußbaum, Mitglieder des TAF-Vorstands, im aktuellen Spielort im Badehaus 2.

Kultur

Bad Nauheim: Dramen auf der Bühne und im Leben

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Das Bad Nauheimer Theater Alte Feuerwache besteht 30 Jahre, die Konflikte mit der Stadt sind ausgestanden, und zum runden Geburtstag beschenkt man sich mit „Mutter Courage“.

Genau 30 Jahre und mehr als 50 Stücke alt ist das Theater Alte Feuerwache (TAF). Es sind lauter Laien, die mit viel Talent sich gerne auch an große Werke herantrauen, an Weltliteratur. Das Publikum goutiert das nicht nur aus Lokalpatriotismus. Über die drei Jahrzehnte ist das TAF eine Institution in Sachen Kultur der Stadt geworden. Was jedoch nicht heißt, dass das TAF stets Hätschelkind der Bad Nauheimer Politik gewesen ist. Man musste sogar auf die Straße gehen, eine Menschenkette zum Rathaus bilden, um für den Erhalt der jetzigen Spielstätte zu demonstrieren.

Seit gut einem Jahr sitzen die TAF-Leute nun wieder mit der Ungewissheit über die Spielstätte auf gepackten Koffern. Doch zeigt sich das TAF erneut unerschrocken. Trotz drohenden Auszugs aus dem Badehaus 2 hat man 2018 für 2019 geplant wie immer und die „Mutter Courage“ inszeniert – dies aber auch wegen der besseren Raumverhältnisse in der Johanneskirche.

Nach langem Hin und Her über den Neubau einer Therme unter Einbeziehung des Sprudelhofs sowie dem 2018 vollzogenen Abriss es alten Heilbades und dem Beschluss der Stadtverordneten, einen Neubau zu errichten, ist der Verbleib des TAF im Badehaus 2 zeitlich begrenzt. Das Jugendstilgebäude, in dem bis in die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts Wannenanwendungen durchgeführt wurden, wird in die Saunalandschaft der neuen Therme integriert. „Das TAF hat die Perspektive, nach dem Abriss eines Behälterraums zwischen den Badehäusern 2 und 3 einen Neubau zu bekommen“, sagt Wolfgang Sünkel, Vizevorsitzender des Theaters. Man sei seit einem Jahr mit der Stadt in der Planung, habe sich hierzu auch schon andere Häuser angesehen, etwa das Marburger KFZ.

Ungelöst ist aktuell die Frage, wohin es während der Bauphase gehen soll. Es hat Besichtigungen von möglichen Übergangsspielorten geben, doch keiner schien geeignet. Den Theaterbetrieb pausieren zu lassen, könnte tödlich sein, das wissen sogar Staatstheater im Umbau.

Der quadratische und sehr hohe Wartesaal von Badehaus 2 war immer das Provisorium – mittlerweile ist es das seit 20 Jahren. Damals hieß es raus aus der alten Feuerwache, rein in das seit zwei Jahrzehnten leer stehende und in den 1980er Jahren von einem Hochwasser heimgesuchten Badehaus 2. „Mit viel ehrenamtlicher Arbeit ist das Badehaus renoviert worden“, sagt Pia Nußbaum, eines der frühen TAF-Mitglieder und Regisseurin von „Mutter Courage“. Die Bühne ist an drei Seiten offen, bis zu 99 Zuschauer dürfen in die Wartehalle, deren Wände auch wegen der Akustik mit schwarzem Tuch verhängt sind. Als Pausenfoyer fungiert der lange Gang zu den Badekabinen. „Wir hatten das Glück, uns hier schnell zu Hause zu fühlen“, sagt Nußbaum. „In dem Neubau wird das TAF hingegen nur ein Nutzer unter mehreren sein.“

Protest mit Menschenkette

Gegründet wurde das TAF von einem halben Dutzend Mitglieder einer Schultheater AG, weil es in der Stadt außer reisenden Bühnen kein Theaterensemble gab. „Wir sind noch heute alle Fachfremde, unsere Erfahrung hat uns professionalisiert“, sagt Pia Nußbaum. Für einige Jungdarsteller war jedoch das TAF auch das Sprungbrett für das Profi-Lager. Der Applaus und das gute Miteinander im Verein sind vermutlich der Brennstoff für das hohe, anhaltende Engagement bei allen zeitweiligen Querelen. „Es ist nicht schwierig, neue, junge Leute für Aufgaben auf und hinter der Bühne zu bekommen, jedoch sehr, sie nach Schule, Lehre oder Studium zu halten“, erzählt Nußbaum. Ehemalige, die wieder in die Nähe ziehen, kommen nicht selten als Aktive zurück.

Die heimliche Hausmacht musste sich das TAF vor 13 Jahren erkämpfen. Damals hatte die Rathausführung die Vision von einer Therme unter dem Sprudelhof. Bürger und TAF-Mitglieder riefen aus Protest zu einer Menschenkette auf. „Das war der Anfang der heißen Zeit“, sagt Nußbaum. In den Stadtverordnetensitzungen seien Beschlüsse gefasst und wieder gekippt worden, die die Existenz des TAF bedrohten, aber auch das Flair des Sprudelhofs.

„Wir haben dann angefangen, politische Entscheidungsprozesse kritisch zu begleiten“, sagt Wolfgang Sünkel. Das TAF habe Fakten geliefert, wo die Politik vage argumentierte. Zum damaligen Bürgermeister Bernd Witzel habe ein sehr problematisches Verhältnis bestanden. Eine Wertschätzung sei erst mit seinen Nachfolgern aufgekommen. Das Badehaus 2 ist inzwischen auch Spielort für die städtische Kultur mit Programm für Erwachsene und Kinder sowie für die seit 2004 existierenden Wetterauer Schultheatertage. „Das Kulturamt ist heute unser starker Partner. Zur Zeit der Menschenkette war das undenkbar“, berichtet Pia Nußbaum. Und noch etwas stellt sie fest: „Mit der aktuellen Planung zur Therme sind zum ersten Mal Ruhe und eine Perspektive eingekehrt.“

Premiere hat am Donnerstag, 11. Mai, das Brecht-Stück „Mutter Courage und ihre Kinder“, bis Juli folgen neun weitere Vorstellungen. Karten kosten ab 17,50 Euro und sind an Vorverkaufsstellen und online erhältlich. Weitere Infos unter www.taf-badehaus2.de.

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