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Das Grauen an der Front

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Die Zerstörungen in den Städten an der Ostfront sind groß. red(3) © Harald Schuchardt

Bad Nauheim - Vom beschaulichen Bad Nauheim aus haben sich Tatiana und Gunther Schuster bereits fünfmal an die polnisch-ukrainische Grenze aufgemacht, um Menschen zu helfen. Nun waren sie dort, wo es brandgefährlich ist: Die Schusters halfen Menschen im Osten der Ukraine, erlebten das Grauen des Krieges hautnah - und nahmen eine Freundin und deren Sohn mit nach Nieder-Mörlen.

Eine ukrainische Fahne hängt seit März am Stand von Käse-Schuster, der an beiden Markttagen in der Bad Nauheimer Alicestraße steht - allerdings war dies nicht in den ersten Oktoberwochen der Fall. Inhaber Gunther Schuster und Ehefrau Tatiana waren jedoch nicht im Urlaub, sondern in der ukrainischen Heimat der Ehefrau, um die Nichtregierungsorganisation „Base UA“ vor Ort zu unterstützen.

Die Organisation wurde von Aktivisten und Journalisten nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegründet. Einer der Gründer ist Patrick Münz aus Schifferstadt, der zuvor schon in Griechenland gestrandeten Flüchtlingen geholfen hatte. Base UA kümmert sich in erster Linie darum, Menschen aus den am stärksten umkämpften Gebieten im Osten der Ukraine herauszuholen. Durch eine BBC-Reportage wurden die Schusters auf die NGO aufmerksam und nahmen Mitte Juli Kontakt auf.

Schon seit Kriegsbeginn engagiert sich das Ehepaar aus Nieder-Mörlen für die Menschen in und aus der Ukraine. Fünfmal fuhren sie an die polnisch-ukrainische Grenze, um dort gespendete Lebensmittel und vieles andere mehr im „Niemandsland“ an ihre Kontaktpersonen zu übergeben.

Beim ersten Transport hatten sie zwei Notstromaggregate dabei. Auf den Rückfahrten nahm das Ehepaar Flüchtlinge mit, teilweise zu Verwandten nach Polen. Eine im achten Monat schwangere Frau mit ihrem acht Jahre alten Sohn nahm das Paar mit in ihr Haus in Nieder-Mörlen. Die Frau bekam ihr Kind in Bad Nauheim, lebte drei Monate im Gästezimmer der Schusters. Inzwischen ist sie in Polen, wo sie nun mit einer Freundin aus ihrem Heimatort lebt. Der Entschluss, direkt vor Ort mitten im Kriegsgebiet zu helfen, stand für die Schusters schnell fest und stieß nicht nur auf Gegenliebe. „Ich war wegen der Gefahr schon sauer“, sagt Sveta, die 19-jährige Tochter von Tatiana Schuster.

SPENDEN

Das Ehepaar Tatiana und Gunther Schuster sammelt weiterhin Geld für Base UK. Da Auslandsüberweisungen mit relativ hohen Gebühren verbunden sind, bietet das Ehepaar Schuster an, dass man Spenden auf ihr Konto überweisen kann. Diese Spenden werden wöchentlich in die Ukraine transferiert.

Unter Angabe des Verwendungszwecks „Humanitarian Aid“ können Spenden auf das Konto von Käse-Schuster bei der Bensberger Bank in Bergisch Gladbach, IBAN DE92370 621240300466010 überwiesen werden. „Wir garantieren, dass jeder Euro bei der Hilfsorganisation vor Ort ankommt“, sagt das Ehepaar. har

Ende September ging es in die Ostukraine nach Kramatorsk, wo „Base UA“ seinen Hauptsitz in einem fast fertig renovierten und kostenlos zur Verfügung gestellten Haus hat. Bevor es zum ersten Evakuierungseinsatz in das Kampfgebiet ging, erhielten die Freiwilligen, darunter auch Männer aus Schottland, Irland und den USA, einen Crashkurs in Erster Hilfe. „Das hat nichts mit den Kursen für den Führerschein zu tun“, sagt Gunther Schuster, der gelernt hat, wie man schnell Blutungen stillt.

Was das Paar in seinen fünf Evakuierungseinsätzen direkt hinter der Front erlebt hat, beschreibt Schuster so: „Du siehst so viel, was du nicht mehr aus dem Kopf bekommst.“ Da sind die zerstörten Häuser und tiefen Krater, das ständige Gewehrfeuer, die Luftalarme und vor allem die völlig verzweifelten, oft sehr alten Menschen, die bis zum Schluss in ihrem Dorf geblieben waren. „Die älteste Frau war 98 Jahre alt. Sie wollte in unserem Wagen bleiben und nicht in den Evakuierungszug steigen“, erzählt Gunther Schuster, der mit seiner Frau auch beim Abtransport zweier ums Leben gekommener ukrainische Soldaten aus dem von den Ukrainern zurückeroberten Gebieten mithalf.

Dank der sehr gut strukturierten Hilfsorganisation gelangen alle Evakuierungen, die zuvor von verschiedenen Stellen angemeldet worden waren. „Es wird sehr viel Wert auf Sicherheit gelegt“, sagt Gunther Schuster.

Auf dem Hinweg besuchte das Paar Olga, eine gute Freundin und ehemalige Arbeitskollegin von Tatiana, in Kiew und bot ihr an, zusammen mit ihrem fünfjährigen Sohn Maksym mit nach Deutschland zu kommen. Das lehnte Olga ab. Doch nach dem Beginn der russischen Luftangriffe auf für die Infrastruktur wichtige Ziele meldete sie sich bei den Schusters und fragte: „Steht euer Angebot noch?“ Am vorletzten Wochenende holten die Schusters Mutter und Sohn an der polnisch-ukrainischen Grenze ab. „Wir wohnten in einem Hochhaus neben einem Wärmekraftwerk, lebten eine Woche im Keller, ohne Strom und Wasser“, erzählt Olga, während Maksym mit einem Panzer spielt. „Er malt nur Kriegsbilder und zieht oft seine Schutzweste an“, erzählt Gunther Schuster.

Olga hofft, dass der Krieg im Januar vorbei ist. Die Frage nach dem Warum beantwortet sie schnell: „Weil ich zurück nach Kiew und zu meinem Mann will.“

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Tatiana und Gunther Schuster haben Freundin Olga und Sohn Maksym aufgenommen. © Harald Schuchardt
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Sicherheit wird bei den Einsätzen an der Front großgeschrieben © Harald Schuchardt

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