Bad Vilbel

Mit asiatischer Philosophie gegen Hitzköpfe

Sportverein bietet für die Aktiven beim Hessentag Training zur Deeskalation.

Konrad Baier nimmt als Beispiel eine Trivialität: „Ein angebranntes Würstchen am Imbissstand kann Auslöser einer verbalen Konfrontation werden, die in einem Handgemenge endet.“ Das sperrig abgestellte Fahrrad oder die Parkplatzsuche könnten ebenso dazu führen, manches Gemüt hochkochen zu lassen. „Wer in dieser Lage einen kühlen Kopf behält und die richtigen Worte findet, kann die Situation entschärfen.“ Baier, Kampfkunsttrainer mit Meistertitel beim Turnverein (TV) Bad Vilbel, bietet daher für Leute, die sich beim Hessentag 2020 einbringen, Würstchenbrater inklusive, ein Deeskalationstraining nach asiatischer Philosophie – eine Novität.

„Als die Stadt die Aktion ‚Fit für den Hessentag‘ startete, hat sich der TV Gedanken gemacht, wie er einen Beitrag leisten kann“, sagt Baier. Es sollte etwas sein, das einen „Mehrwert für den Bürger“ hat, ergänzt Armin Weiß vom Vorstand. Der TV sei der älteste Verein in der Stadt, da stehe man in der Pflicht bei einem besonderen Fest wie dem Hessentag, sagt Weiß. Man besann sich auf die Abteilung für das chinesische Wing Tsun Kuen und Escrima, eine philippinische Kampfart. Ersteres wird international etwa bei der Polizei für den Nahkampf geübt. Flugbegleiter der Hongkong Airline soll auf gleiche Weise Frieden in der Kabine stiften können.

Dennoch: Wer zu Wing Tsun oder Escrima Kampfsport sagt, wird von Baier flugs korrigiert. Es sei Kampfkunst, bei der das Konfliktmanagement ein bedeutender Teil sei, der für den zweistündigen Deeskalationsworkshop herausgelöst werde. Die Inhalte lassen sich laut Baier auch nach dem Hessentag noch gut im Alltag anwenden, etwa bei Familiendisputen. Jedoch gehören zur Ausbildung keine Lektionen, die dann greifen, wenn Worte nicht mehr wirken. Ohnehin gilt für Baier: „Ein vermiedener Kampf ist ein gewonnener Kampf.“

Die Kursteilnehmer werden individuell betreut. Themen sind Selbstbehauptung, Erkennen kritischer Situationen, Techniken der verbalen Entschärfung von Konflikten und Methoden zur Eigensicherung vor überraschenden Angriffen. Zu den ersten Regeln zählen jedoch Achtsamkeit und sein eigenes Ego zu kontrollieren, damit die Mechanismen der Deeskalation gar nicht erst anlaufen müssen, so Baier, der von Beruf promovierter Historiker ist.

Auflage Sicherheitskonzept

„Wir haben Bürger und Teilnehmer in Infoveranstaltungen auf den Hessentag vorbereitet“, heißt es aus den Rathäusern Rüsselsheim (Hessentag 2017) und Korbach (2018) auf Anfrage der FR. In Rüsselsheim übernahm die Agentur für die Organisation auch die Betreuung der Standbetreiber, heißt es von dort. Ein Deeskalationstraining habe es nicht gegeben. Die zehn Festtage seien sehr friedlich verlaufen, melden beide Städte. Ohnehin bestehe die Auflage, ein aufwendiges Sicherheitskonzept vorzubereiten. „Die Polizeipräsenz war bei uns überdurchschnittlich hoch“, sagt Anke Hofmann, Hessentagsbeauftragte von Bad Hersfeld, wo dieses Jahr das Fest stattfand. Bei den Musikveranstaltungen mit bis zu 15 000 Zuschauern sei der Sicherheitdienst auch stark aufgestellt gewesen. Laut Hofmann ist das Publikum verständnisvoll und weitgehend ein anderes als etwa auf Volksfesten. Viele Gäste besuchten Jahr für Jahr den Hessentag. „So wurde aus Sicherheitsgründen auf dem Festgelände ein Glasverbot verhängt, das problemlos eingehalten wurde“, sagt Hofmann. Es sei jedoch grundsätzlich nicht falsch, einen solchen Workshop anzubieten, sagt sie zu den Vilbeler Vorbereitungen.

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