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Angst und Ablehnung im Dorf

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Entschieden ist bislang noch nichts. Es könnte aber sein, dass der Wetteraukreis in diesem Winter das Bürgerhaus in Gelnhaar nutzen wird, um dort bis zu 80 geflüchtete Menschen unterzubringen. Leo © Björn Leo

Dörfer wie Gelnhaar und Bindsachsen sehen sich vor einer Herausforderung, die bislang Dagewesenes der vergangenen 20, 30 Jahre übersteigt: Wie so viele Orte im Land, werden sie geflüchtete Menschen aufnehmen müssen, die aus Krisengebieten kommen. Ängste, Unruhe und Verunsicherung nehmen zu.

Die Bürgermeisterin bemüht gewiss einen treffenden Vergleich. Die Adventszeit jedoch haben sich die Menschen in Gelnhaar und Bindsachsen ganz anders vorgestellt. Flucht und die verzweifelte Suche nach einem Obdach sind zwar seit mehr als 2000 Jahren ein Thema. Im Bürgerhaus jedoch quittieren die Leute Ulrike Pfeiffer-Pantrings Querverweis auf die Weihnachtsgeschichte mit einem Raunen.

Keine Frage: Zum Jahreswechsel 2022/2023 stehen in den Dorfgemeinschaften nicht nur die christlichen Werte auf dem Prüfstand. In den nächsten Wochen wird sich zeigen, wie es um das Zusammenleben auf dem Land bestellt ist. In Gelnhaar genau wie in Bindsachsen, wo der Wetteraukreis demnächst geflüchtete Menschen unterbringen will, droht die Stimmung zu kippen.

In Bindsachsen ist eine Unterkunft für bis zu 120 Flüchtlinge auf dem Festplatz geplant. In Gelnhaar soll das Bürgerhaus vorübergehend zur Unterkunft umfunktioniert werden. Doppelstockbetten für 80 Menschen in der Halle, Küchencontainer und Toiletten im Umfeld. Im Gespräch ist die kurzfristige Unterbringung in den Wintermonaten Januar bis März. Ortenbergs Bürgermeisterin teilt mit, was sie weiß, hört sich über zwei Stunden die Bedenken der Bevölkerung an, will sie nun dem Landrat vortragen.

„Wer sagt uns denn, dass aus drei Monaten nicht drei Jahre werden?“, fragt sich Volkmar Heil, Ortsvorsteher von Bindsachsen. Er befürwortet humanitäre Hilfe, vertritt die Sozialdemokraten in der Gemeindevertretung. „Die Angst im Dorf, vor allem der Frauen um ihre Kinder, nimmt aber zu. Das ist ein richtiges Problem.“ Und so sind Angst und Verunsicherung vieler Leute in den Ortschaften längst der Türöffner für die Politik, zumal für die Extremen. Die AfD verteilt am Montagabend in Gelnhaar Flyer mit der Aufschrift „Massenimmigration stoppen“. Keine zehn Meter von ihren plakatierten Parolen entfernt steht ein Mannschaftswagen der Polizei. Die Präsenz der Beamten ist spürbar. Später dagegen fabulieren vereinzelte Bürger, die Ordnungskräfte seien in der Region derart dezimiert, die hätten gar nicht genug Personal, um im Notfall zu helfen. Einer denkt sogar laut über eine Bürgerwehr nach.

UNTERBRINGUNG

Die vorübergehende Nutzung ihres Bürgerhauses als Flüchtlingsunterkunft käme für manche Menschen in Gelnhaar einer „Katastrophe“ gleich. Im 1000-Seelen-Dorf gibt es eigentlich nichts mehr, keinen Laden, noch nicht mal einen Geldautomaten.

Den Erhalt ihres Bürgerhauses haben sich die Gelnhaarer vor 50 Jahren bei der Gebietsreform schriftlich garantieren lassen. Das Gebäude sei, das räumt auch die Bürgermeisterin ein, das „kulturelle Zentrum“ des Dorfes.

Die Tischtennisabteilung des Turnvereins, die es endlich wieder bis in die Bezirksliga geschafft hat, müsste die Runde quittieren, der Gesangverein Concordia könnte nicht mehr proben, die Gymnastikgruppe nicht mehr turnen. Die gründliche Sanierung des zugigen Kastens, endlich in greifbare Nähe gerückt, würde wieder ausgesetzt. Und wenn es richtig schlecht liefe mit den Flüchtlingen, „dann bleibt uns am Ende nichts anderes übrig, als alles abzubrennen, wenn die wieder raus sind“, so lautet denn der einhellige Tenor . jub

Nein, es sind alles andere als Rechte im Saal, aber die dürften sich angesichts der äußerst aufgeladenen Gemengelage die Hände reiben. Ein älterer Mann raunt draußen in Richtung AfD: „Wir wollen die Unterkunft nicht. Aber euch wollen wir hier auch nicht.“

Für heute jedenfalls hat die AfD erneut ihr Erscheinen angekündigt. In Kefenrod befasst sich die Gemeindevertretung mit der Eilvorlage des Ortsbeirats Bind-sachsen, die Unterbringung am Festplatz abzulehnen. Gleiches strebt der Ortsbeirat Gelnhaar an. Ruhig und sachlich legt Ulrike Pfeiffer-Pantring dar, warum es aus Sicht der Stadt zum Bürgerhaus keine Alternative gibt, dass sie verpflichtet ist, dem Landkreis Möglichkeiten der Unterbringung aufzuzeigen. Vorschlägen aus dem Auditorium, doch das Ortenberger Bürgerhaus zu nutzen oder eine Zeltstadt zu errichten, erteilt sie gut begründete Absagen: Das Bürgerhaus fungiert als Grundschulmensa, der Herrngarten ist Retentionsraum. Bei Hochwasser würden die Unterkünfte komplett unter Wasser stehen. Anderen Hallen und städtischen Gebäuden fehlt es am Brandschutz beziehungsweise am Platz.

Dass der Wetteraukreis unter Umständen im Sommer eine Möglichkeit vertan hat, die Situation frühzeitig zu entschärfen, bringt der Ortenberger FWG-Fraktionschef Markus Bäckel am Rande der Veranstaltung vor. Die Freien Wähler, die Bäckel auch im Kreistag vertritt, haben im Juli einen Antrag gestellt, nach mobilen winterfesten Behelfslösungen zu suchen, damit vor allem Sporthallen, wie zum Beispiel in Nidda geschehen, nicht zu Flüchtlingsunterkünften umfunktioniert werden müssen. „Das ist von CDU und SPD im Kreistag mit der Begründung abgelehnt worden, die Unterbringung in Containern sei nicht menschenwürdig.“ Mit Blick auf Geplantes in Bindsachsen und Gelnhaar stellt Bäckel die Frage, wie es dann dort um die Menschenwürde bestellt wäre.

Fest steht zweieinhalb Wochen vor Weihnachten nur, dass noch gar nichts feststeht. Der Druck in Kefenrod genau wie in Ortenberg ist aber immens, vor allem in den Rathäusern. Die Kommunen müssen handeln, der Landkreis steht ebenfalls unter Zugzwang. Tun sich zeitnah keine praktikablen Alternativen auf, könnten die auch in Friedberg bestimmt werden. Dem Kreis gehören die Sporthalle an der Herzbergschule und eine Halle in Konradsdorf. In Kefenrod befinden sich der Interimskindergarten und der Pausenhof der Grundschule in unmittelbarer Nachbarschaft. In Konradsdorf wäre die Unterkunft mitten im Schulzentrum.

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