Manche Männer und Frauen der Behindertenhilfe Wetteraukreis arbeiten heute schon in ganz normalen Betrieben.
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Manche Männer und Frauen der Behindertenhilfe Wetteraukreis arbeiten heute schon in ganz normalen Betrieben.

Wetterau

Alternativen zur Behindertenwerkstatt

  • Andreas Groth
    vonAndreas Groth
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Aktion Mensch fördert Angebot der Lebenshilfe und der Behindertenhilfe für geistig behinderte Menschen.

Jochen Rolle erzählt gerne die Geschichte von Moritz. Moritz hat das Down-Syndrom und will Bürgermeister werden. Er mag die Arbeit am Schreibtisch in der Verwaltung. Wie bei den meisten ist die Wahrscheinlichkeit, dass der 23-Jährige einmal auf dem Chefsessel im Rathaus Platz nehmen wird, eher gering. Doch im Vergleich zu seinen Freunden ohne Behinderung ist es für Moritz auch ungleich schwerer einen anderen Job in der Verwaltung zu finden. Aber er schaffte es, machte ein Praktikum bei der Stadt Ortenberg. Der Vater musste unzählige Formulare ausfüllen, eine mühselige Angelegenheit.

Moritz und sein Vater wären genau unser Fall, sagt Jochen Rolle, der künftige Geschäftsführer der InkA Wetterau. InkA steht für Inklusive Arbeit. Die neue gemeinsame Tochtergesellschaft der Lebenshilfe Wetterau und der Behindertenhilfe Wetteraukreis (BHW) will vor allem Menschen mit einer geistigen Behinderung helfen, die einer ganz „normalen“ Arbeit nachgehen möchten – außerhalb von Behindertenwerkstätten und speziellen Ausbildungen für Behinderte.

Die „Aktion Mensch“ fördert das Vorhaben in den nächsten fünf Jahren mit einer Viertelmillion Euro. Die beiden Gesellschafter geben zusammen etwas mehr als 130 000 Euro. Am 1. August nimmt InkA Wetterau die Arbeit auf.

Besonders Abgänger von Förderschulen und von Regelschulen, die sonderpädagogisch gefördert werden müssen, sind die Zielgruppe. „Mit dem Ende der Schulzeit hört die Inklusion oft auf“, sagt Rolle. Das dürfe sie aber nicht. Der Arbeitsmarkt könne den jungen Menschen mit Behinderung ganz unterschiedliche Chancen bieten, ob Praktika, Hospitationen, Qualifizierungen, Ausbildungen oder mehr.

Unternehmen sind aber nicht einfach zu finden, weiß die stellvertretende BHW-Geschäftsführerin Eva Reichert. Das könne ein ganz schönes „Klinkenputzen“ sein. Rolle will den Firmen klarmachen, dass es viele Unterstützungsangebote gibt. So seien nach dem neuen Bundesteilhabegesetz finanzielle Hilfen für Arbeitgeber möglich, um Menschen mit Behinderung besser am Arbeitsplatz einzubinden. Zudem könne man jungen Menschen einen „Job-Coach“ zur Seite stellen.

Eine vergleichbare Beratung bieten die Industrie- und Handelskammer Gießen-Friedberg und die Handwerkskammer Wiesbaden nicht. In der Handwerkskammer hat lediglich ein Ausbildungsberater eine Weiterbildung zum Thema Inklusion. Die Stelle der Inklusionsbeauftragten wurde dort Mitte 2016, nachdem die öffentliche Förderung ausgelaufen war, wieder gestrichen. Die Nachfrage der Unternehmen nach einer Beratung sei viel zu gering, sagt Andreas Haberl, Hauptabteilungsleiter für Berufliche Bildung bei der Handwerkskammer. Bei der IHK in Friedberg sieht es ähnlich aus. Es gebe kaum Anrufe, sagt Elke Ehlen, die Leiterin des Geschäftsbereichs Aus- und Weiterbildung. Ohnehin biete man aber keine auf den einzelnen Arbeitnehmer zugeschnittene Beratung.

InkA will diese Lücke für geistig behinderte Menschen, die in den allgemeinen Arbeitsmarkt wollen, und Unternehmen, die Interesse an ihnen haben, schließen. Dafür will die gemeinnützige GmbH auch ein Netzwerk in der Wetterau aufbauen – zu Förderschulen, den regionalen Werkstätten für behinderte Menschen, den Integrationsfachdiensten und der Agentur für Arbeit. So sollen in den nächsten fünf Jahren mindestens 30 junge Menschen mit einer geistigen Behinderung in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung gebracht werden.

Moritz mit seinem Traumberuf Bürgermeister ist dann vielleicht schon in einem Wetterauer Rathaus angestellt.

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