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Der Rettungshubschrauber Christoph II.

Wetterau

Schnelle Hilfe aus der Luft

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Der Ober-Mörlener Arzt Hans-Werner Feder hat vor 50 Jahren die Luftrettung für Verkehrsopfer erfunden. Die Idee kam ihm beim Sonntagsausflug.

Es war ein verrückter Gedanke, aber wenn ich fliegen könnte, wäre ich gleich da“, erzählt der heute 83-jährige Hans-Werner Feder. Schnell wollte er zu den Verletzten von Verkehrsunfällen auf der Autobahn. Der praktizierende Arzt aus Ober-Mörlen hat vor 50 Jahren in Deutschland die Luftrettung per Hubschrauber erfunden. Die Idee kam ihm per Zufall und bei einem Sonntagsausflug mit der Familie zum Flugplatz Reichelsheim.

Der Statistik nach glichen die deutschen Straßen von 1960 bis 1970 mit bis zu 19 000 Verkehrstoten im Jahr (2016 waren es rund 3200) einem Schlachtfeld. „Ich hatte als junger niedergelassener Arzt einen Beamten der Autobahnpolizei als Patient, dem die schrecklichen Unfälle in der Nacht vor allem nicht mehr losgelassen haben“, erzählt der heute in Kassel lebende Feder der FR.

Dem Mann sagte er zum Trost: „Wenn’s mal ganz schlimm ist, ruf‘ mich an.“ Lange musste Feder nicht warten. Am Reisewochenende soll das Telefon bei Feder kaum mehr still gestanden haben. Von da an war der Mediziner häufig auch in der Nacht auf der A5. „Oft konnte ich nur noch den Totenschein ausstellen“, sagt er.

1967 starben rund 17 000 Menschen auf den Straßen, sagt Feder. Landstraßen und Autobahnen waren besonders gefährlich. Letztere hatten eine Fahrbahndecke aus Betonplatten, erinnert sich der Arzt. „Die Autos fuhren zwar nicht so schnell wie heute – ein VW-Käfer schaffte maximal 105 Kilometer pro Stunde -, aber sie besaßen miserable Fahrwerke und Bremsen.“ Und Sicherheitsgurte gab es auch nicht. Feders notärztlichen Einsätze auf der Autobahn etablierten sich schnell, dabei führte der Mann noch hauptberuflich seine Praxis in Ober-Mörlen.

Um schneller am Unfallort zu gelangen, stellte das DRK ihm einen Ambulanzwagen mit Blaulicht und Martinshorn. „Mit meinem Privatwagen und dem gelben Arzt-Schild auf dem Dach ließen mich die Autofahrer nicht zügig vorbei. Die dachten wohl, da kommt ein Taxi. Rettungsgassen wurden schon kaum gebildet“, sagt Feder.

Sein Einsatzgebiet auf der A5 reichte vom Bad Homburger-Kreuz bis kurz vor Reiskirchen. Nur 45 PS besaß der Opel Olympia des DRK. „Das war der älteste Wagen, der auf dem Hof stand. Es handelte sich um ein Ersatzfahrzeug, bei dem auch noch die Bremsen nach rechts zogen.“ An das Gegenlenken beim Bremsen gewöhnte er sich, aber nicht daran, dass immer noch zu viel Zeit verstrich, bis er bei den Verletzten eintraf.

„Ich setzte mir eine Frist von 15 Minuten bis zum Unfallort“, so Feder. Innerhalb dieser Zeit sei es um die Chancen der Unfallopfer am besten gestellt.

Doch dann kam der Ausflug nach Reichelsheim und der „verrückte Gedanke“, als Feder dort den Hubschrauber von Fluglehrer Franz Hartmannsberger sah. „Mensch genau so etwas brauche ich“, dachte sich Feder und beriet sich mit dem in Heusenstamm lebenden Piloten. Hartmannsberger sei sofort begeistert gewesen. Über drei Wochen sollte der Versuch laufen. Während ein Auto in der 15-Minuten-Frist bei einem Durchschnittstempo von 60 Km/h 15 Kilometer schafft, sind es beim Hubschrauber 50 Kilometer, rechnete er sich aus.

„Als Hartmannsberger mir den Preis von 10 000 D-Mark für die drei Wochen nannte, musste ich erstmal nach Luft schnappen“, sagt Feder. Aber einer seiner Patienten war ein Top-Versicherungsvertreter. Feder überzeugte den Mann, dass es für seine Firma günstiger sei, den Versuch zu finanzieren, als in dieser Zeit eine Lebensversicherung wegen Unfalltod auszuzahlen. Überdies wurden der ADAC Gau Hessen und der DRK-Landesverband ins Boot geholt.

In einem Polizeihubschrauber musste Feder seine Flugtauglichkeit unter Beweis stellen, bevor er sich im Herbst 1967 von Hartmannsberger zum ersten Einsatz fliegen lassen konnte. Keine große Sache. Eine Frau hatte sich mit ihrem Auto überschlagen. Ihr wurde die Hand bandagiert. Das war für das Duo nur das Prelude, „danach kam es knüppeldick“. Insgesamt 52 Einsätze in drei Wochen. Basis für den Brantly, der für den Transport von Verletzten zu klein war, war der günstiger gelegene Flugplatz Neu-Anspach.

Den Bericht zum Versuch übergab Feder Bundesverkehrminister Georg Leber persönlich. „Bitte stellen Sie Geld für weitere Versuche zur Verfügung“, sagte er zu Leber. Der später vom Land und Bund ausgezeichnete Hans-Werner Feder übernahm bald darauf eine Praxis in Kassel. Nach weiteren Versuchen startete 1970 der ADAC in München mit Christoph I die Luftrettung in Deutschland. Zwei Jahre später wurde Christoph II in Frankfurt stationiert. Mittlerweile besteht ein Netz aus Rettungshubschraubern, die zudem nicht nur bei Verkehrsunfällen in die Luft gehen.

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