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Das Bachneunauge siedelt in der Werra nur, wo kein Salzabwasser eingeleitet wird.
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Das Bachneunauge siedelt in der Werra nur, wo kein Salzabwasser eingeleitet wird.

Umwelt

Werra-Versalzung: „Viele Fischarten sind geschädigt oder krank“

  • Jutta Rippegather
    VonJutta Rippegather
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Der BUND-Experte Thomas Norgall spricht im Interview über das Verschwinden des Bachneunauges und den Dauerkonflikt mit K + S.

Die Politik muss die Europäische Wasserrahmenrichtlinie durchsetzen, sagt Thomas Norgall, stellvertretender Landesgeschäftsführer des BUND. Sie darf den aktuellen Antrag von K + S nicht genehmigen.

Herr Norgall, was richten die Salzwasser von K + S in der Natur an?

Salzwasser bewegt sich, gerät ins Grundwasser. Dort verunreinigt es entweder über die Brunnen das Trinkwasser oder strömt in Fließgewässer. Steigender Salzgehalt bringt den Stoffwechsel von Süßwassertieren durcheinander. Das Artenspektrum ist stark reduziert, die vorhandenen Arten haben überproportional mit gesundheitlichen Schäden zu kämpfen.

Was beobachten Sie?

Da die Werra schon seit Jahrzehnten benutzt wird, um die Abwässer der Kaliproduktion abzuführen, ist die gesamte Süßwasserfauna und -flora in Bedrängnis geraten. Es hat kaum noch etwas überlebt. Im Vergleich zu den 90er Jahren sind die Eintragmengen zwar zurückgegangen, hat sich manches regeneriert. Doch wir sind weit von der Ursprungssituation entfernt. Die Folgen ziehen sich bis in die Weser hinein.

Gibt es Erkenntnisse über die Folgen für die Tierwelt?

Bei der Befischung durch das Land Niedersachsen wurden im vergangenen Jahr in der Werra nur acht Arten mit insgesamt 192 Individuen, in der Oberweser immerhin 25 Arten mit 2576 Individuen festgestellt. Die Krankheits- beziehungsweise Schädigungsraten im Fischbestand der vergangenen Jahre war überproportional hoch. Sie betrug in der Werra über elf Prozent und war in der Oberweser mit über vier Prozent immer noch überproportional hoch. Auffällig ist auch, dass das seltene Bachneunauge den Oberlauf der Werra nur bis zur Einleitung des Salzabwassers in die Werra besiedelt.

K + S hat angekündigt, zum Jahresende alternative Entsorgungswege zu gehen. Die seien mit BUND und den Umlandgemeinden abgesprochen. Versprechen Sie sich davon eine Verbesserung?

Es gibt keine verbindlichen Absprachen zwischen K + S und dem BUND. Es gibt einen Vergleich, in dem die Firma sich verpflichtet hat, ab 2022 kein Salzwasser mehr in den Untergrund zu verpressen. Das ist auch der politische Wille der Bundesländer. Ein Fortschritt ist, dass sich K + S seit einigen Jahren mit dem Problem beschäftigt und es nicht mehr leugnet. Und dass sie versuchen, die Eintrittsmengen zu reduzieren. Andererseits hat K + S im Frühjahr 2020 einen Antrag gestellt, doch größere Mengen einzuleiten als im noch geltenden amtlichen Bewirtschaftungsplan vorgesehen ist, weil sie es angeblich nicht schaffen, die politischen und rechtlichen Vorgaben zu erfüllen. Das ist der große Konflikt.

Chronologie

1893: Beginn des Bergbaus in der Werraregion, als eine Tiefbohrung bei Kaiseroda Kalisalz nachweist.

1894: Gründung der Kalibohrgesellschaft Wintershall, benannt nach dem
Bohrunternehmer Julius Winter.

1900: Das erste Kalisalz aus dem
Werrarevier wird verkauft. Es stammt
aus dem Werk Bernhardshall. Das Salzabwasser aus dem Kalibergbau wird in die Werra geleitet. Sie ist heute der am stärksten mit Salz belastete Fluss in Mitteleuropa.

1939–1945: In den Gruben werden
Kriegsgefangene und andere Zwangsarbeiter eingesetzt.

1946–1949: Nach dem Krieg verliert
Wintershall durch Enteignung 80 Prozent des Betriebsvermögens.

1958 und 1960: Die hessischen Behörden erteilen Bewilligungsbescheide für die Versenkung von Kaliendlauge für die Werke Wintershall (Heringen) und Hattorf (Philippsthal) nach dem Preußischen Wassergesetz von 1913. Sie sind bis 1976 befristet.

1960: Das Wasserhaushaltsgesetz tritt in der Bundesrepublik in Kraft. Es verstärkt den Schutz des Grundwassers. Es hätte nach Auffassung der Staatsanwaltschaft Meiningen der Erteilung von Erlaubnissen zur Versenkung von Lauge entgegenstehen müssen.

1976 bis 2016: Das Regierungspräsidium Kassel erteilt zehn Versenk- erlaubnisse für fast 365 Millionen Kubikmeter Lauge. Allein die erste von 1976 gestattet die Versenkung von nahezu 100 Millionen Kubikmeter Lauge.

1990: Der deutschen Einheit folgt die
Zusammenführung der Kaliunternehmen in Ost und West. 1999 wird das Unternehmen in K+S AG umbenannt.

2014: Hessens Umweltministerin Priska Hinz stellt gemeinsam mit dem K+S-Vorstandsvorsitzenden Norbert Steiner einen „Vier-Phasen-Plan“ vor. Danach wird die Laugenversenkung in den Untergrund Ende 2021 endgültig gestoppt. Eine Leitung zur Oberweser entsteht, um Abwässer abzuleiten. Die Werra soll bis 2075 (!) wieder Süßwasser-Qualität erreichen.

2015: Die Flussgebietsgemeinschaft Weser, der sieben Bundesländer angehören, einigt sich auf den „Masterplan Salzreduzierung“. Er beruht auf dem „Vier-Phasen-Plan“ und sieht neben der Oberweser-Pipeline Folgendes vor: den Bau einer Anlage zur Verdampfung der Salzabwasser, eine Abdeckung von Halden sowie die Einstapelung unter Tage als Pilotprojekt.

2016: Das Regierungspräsidium Kassel erteilt letztmalig eine Versenkgenehmigung, diesmal für 7,5 Millionen Kubikmeter Lauge bis Ende 2021.

2017: Burkhard Lohr tritt an die Spitze des Unternehmens K+S. Er spricht sich für einen „Umweltfrieden“ aus und setzt sich damit vom oft konfrontativen Kurs seines Vorgängers Steiner ab. pit

Wie argumentieren Sie?

Die europäische Wasserrahmenrichtlinie sieht eine eindeutige Norm vor. Ende 2027 muss der gute ökologische Zustand der Werra wieder erreicht sein. Das bedeutet, es darf eine bestimmte Salzmenge nicht mehr überschritten werden. Zum Jahresende läuft die jetzige Genehmigung von K + S aus.

Das heißt, Sie trauen dem Unternehmen nicht?

Der im Frühjahr 2020 gestellte Antrag ist nach Meinung des BUND völlig unzureichend. Darin beantragen sie eine Genehmigung für ein Jahr und dann eine für vier Jahre bis Ende 2027. Und sagen, dass sie die geplanten Minderungen für die Salzeinträge überschreiten müssen. Damit kollidiert der Antrag mit der EU-Vorgabe, dass Ende 2027 der gute ökologische Zustand der Gewässer, also auch der Werra, erreicht sein muss.

Der Konflikt ist seit Jahrzehnten eine Dauerbrenner. Jetzt ist die Verfügung der Thüringer Staatsanwaltschaft aufgetaucht, der zufolge von K + S auf die Entscheidungsträger Druck ausgeübt worden sein soll. Eine Überraschung?

Es gibt solche Diskussionen schon lange. Was früher lediglich ein Verdacht war, hat die Staatsanwaltschaft, die ja Akteneinsicht hat, sich jetzt zu eigen gemacht. Das ist bemerkenswert.

Was erwarten Sie von der Grünen Umweltministerin Priska Hinz?

Was wir von jeder Umweltministerin und jedem Umweltminister erwarten: die Einhaltung des Rechts. Wenn die Europäische Wasserrichtlinie eine Norm vorgibt, muss die Genehmigung darauf ausgerichtet sein, dass das Recht eingehalten wird. Die Probleme sind ja deshalb so groß und dringend, weil in den zurückliegenden Jahren eben nicht so strikt vorgegangen worden ist, und das Unternehmen nicht so stark gezwungen wurde, auf Reduktion zu setzen. Man hat dann doch immer genehmigt und genehmigt. Das geht nicht mehr. Jetzt muss zwingend die Entscheidung kommen.

Interview: Jutta Rippegather

Thomas Norgall ist Naturschutzreferent und stellvertretender Geschäftsführer des Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Hessen.

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