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Aufrecht durchs Leben gehen: Das tun die Musiker von City seit vier Jahrzehnten.
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Aufrecht durchs Leben gehen: Das tun die Musiker von City seit vier Jahrzehnten.

Veranstaltungstipp

Wenn der Zufall mitspielt

  • Meike Kolodziejczyk
    VonMeike Kolodziejczyk
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Auf ihrer Jubiläums-Tour machen die Rocker der DDR-Band City Station in Offenbach.

Vor 40 Jahren erschien „Am Fenster“ und begründete den Erfolg von „City“ in Ost- wie Westdeutschland. Dabei war der Song so eigentlich gar nicht geplant, jedenfalls nicht vom DDR-Plattenlabel Amiga.
Fritz Puppel: Wir hatten „Am Fenster“ schon vorher in unserem Live-Programm und auch eine Kassetten-Fassung mitgeschnitten. Wir haben den Song der Amiga angeboten und auch dem DDR-Rundfunk. Und die haben gesagt: „Was soll denn das? Was ist denn das? Das ist viel zu lang. Macht doch lieber Country“. Kein Quatsch.

Wie kam der Sinneswandel?
Fritz Puppel: Im Februar 1977 waren wir bei Amiga im Studio und haben eine Single aufgenommen. Aber zwei völlig andere Titel. Und als die beiden Songs im Kasten waren, hatten wir noch ein bisschen Zeit. Da haben wir den Tonmeister gebeten: „Mach uns mal ‘ne Grundeinstellung, wir haben da noch so ein Lied.“ Das haben wir dann live gespielt. Auf zwei Spuren. Der Tonmeister ist rausgegangen, hat auf den Knopf gedrückt und gemeint: „Sagt Bescheid, wenn ihr fertig seid.“ Und das ist die Aufnahme von „Am Fenster“, die wir jetzt kennen.

Und die Sie klammheimlich dem Radio zugespielt haben.
Fritz Puppel: Wir wollten mal testen, ob das eigentlich wirklich keiner haben will. Und ein befreundeter Rundfunk-Redakteur hat gesagt: „Passt auf, ich sende das jetzt einfach mal.“ Und da ging der Sturm los. Ein westdeutscher Musik-Manager, Peter Schimmelpfennig, hat das Lied gehört und sofort gesagt: „Das brauch’ ich.“ Er ist zur Amiga gegangen und hat gefragt: „Wer ist das? Das ist ja riesig.“ Und dann sind die aufgewacht.

Toni Krahl: Das ganze Ding kam ins Rollen. Plötzlich gab es eine wahnsinnige Nachfrage, alle wollten wissen, auf welcher Platte sie den Song finden. Mit dem Ergebnis, dass „Am Fenster“ im September 1977 in der DDR als Single herauskam.

Noch im selben Jahr erschien der Song in Westdeutschland. Wie sehr hat Sie der Erfolg überrascht?
Toni Krahl: Damit haben wir absolut nicht gerechnet. Wenn man eine Produktion macht, ist ja normalerweise alles genau geplant und vorbereitet, da liegt der Text bereit, da sitzen die Arrangeure im Studio und diktieren, wie was klingen und wie was gemacht werden soll: Hier die Höhen runter, da die Bässe rauf und so weiter. Wir haben „Am Fenster“ sogar ohne Bass aufgenommen, weil unser Bassist Georgi Gogow in dem Stück ja gerade Geige spielt. Alles war schon sehr, sehr zufällig.

Wie die Sache mit der dritten Strophe . . .
Toni Krahl: Der Text ist ein Gedicht von Hildegard Maria Rauchfuß. Und ich habe bei der Aufnahme in der dritten Strophe die ersten zwei Zeilen der zweiten Strophe wiederholt. Ich habe das erst mal niemandem gesagt, weil wir ja eigentlich nur ein Demo für Bewerbungen aufnehmen wollten. Auf zwei Spuren. Da konnte man nichts nachmischen oder ausbessern. Als sich dann herausstellte, dass das ernst wird mit der Nummer und es ein Album geben soll, haben wir versucht, das Lied neu aufzunehmen, richtig im Studio mit 16 Spuren, großer Technik und allem. Aber den Zauber, der in dieser ersten Aufnahme war, haben wir nie mehr hingekriegt.

Und dann ist es bei dieser Aufnahme geblieben?
Toni Krahl: Ja. Und da musste ich mit der Sprache ‘raus: Übrigens, da ist ein Fehler drin, ich hab’ in der dritten Strophe den Text verwechselt. Aber scheiß drauf. Das Lied ist dann in der Version bekannt und berühmt geworden. Und sogar die Dichterin hat mit dem Makel leben können und gesagt: „Gut, es gibt mein Gedicht, das hat ein paar andere Zeilen, und es gibt dieses Lied, das ist eben so.“ Ein Zufall eben.

Zufällig sind jetzt 40 Jahre vergangen. Wie lautet die Bilanz?
Toni Krahl: Naja, wir sind jetzt 40 Jahre älter. Wir können unsere Erfahrungen nicht gegen eine neue Naivität eintauschen. Unsere Festplatte ist ganz anders gefüllt als vor 40 Jahren. Was aber geblieben ist: Wir bestätigen uns und unsere Lieder immer wieder. Wir feiern 40 Jahre „Am Fenster“, aber wir feiern es mit einem neuen Album, das im April erschienen ist, mit 13 neuen Songs. Geblieben ist auch die Vereinbarung zwischen uns und unserem Publikum, dass wir uns regelmäßig treffen. Deswegen auch die Tour. Wer zu City kommt, will unser Statement hören, auch zu dem, was momentan um uns herum passiert.

Zum Beispiel?
Toni Krahl: Das lässt sich nicht in einem Satz zusammenfassen. Aber City hat schon immer Position bezogen, auch zu DDR-Zeiten. Schon auf dem ersten Album haben wir von Leuten gesungen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Ich will jetzt nicht den Begriff „Loser“ benutzen, aber sie entsprachen jedenfalls nicht dem Ideal der sozialistischen Erziehung . . .

Fritz Puppel: Selbstbewusst und aufrecht durchs Leben gehen: Ich denke, das haben wir glaubhaft über 40 Jahre verkörpert. Auch weil wir als Band nie aufgehört haben, selbst dann nicht, als die Mauer fiel. Wir sind zusammen in derselben Besetzung, in der vor 40 Jahren „Am Fenster“ aufgenommen wurde.

„Keine Macht für niemand“ haben Ton Steine Scherben etwa zeitgleich auf der anderen Seite der Mauer gefordert. Doch für DDR-Bands war es weit riskanter, Kritik am Staat zu üben.
Fritz Puppel: Tatsächlich waren wir durch unsere Popularität ein bisschen geschützt. Auch, weil wir in der glücklichen Lage waren, beizeiten Konzerte im Westen zu geben. Wir waren in der DDR ja sowas wie ein Devisen-Bringer, also nichts, was man einfach hätte wegwischen können, bloß, weil wir mal was gegen die Mauer gesagt haben. Aber es gab jede Menge Versuche, uns zu beeinflussen.

Toni Krahl: Wir haben uns benommen, als wären wir freie Menschen in einem freien Land. Es war aber nicht so: Wir waren nicht frei und das Land war nicht frei. Aber wir waren freischaffende Künstler und konnten uns immer wieder zurückziehen auf uns selbst. Aber wir mussten auch Kompromisse schließen mit Veranstaltern, Kulturpolitikern und weiß der Teufel, mit wem. Da hieß es eben manchmal auch: „Dieses Lied singt ihr heute mal nicht.“

Was hat denn den Groll erregt?
Toni Krahl: Es gab so einige Songs, die es zwar auf Platte geschafft haben, aber nicht in die Medien. Es wurde dann nicht im Radio gespielt und schon gar nicht im Fernsehen. Von unserem Album „Casablanca“ von 1987 waren viele Songs auf dem Index. Sogar Margot Honecker hat sich dazu geäußert.

Wie denn?
Toni Krahl: Sie hat gesagt, wir hätten mit dem Album den Boden des Sozialismus verlassen. Daraufhin wurde „Casablanca“ aus dem Handel zurückgezogen. Zufällig waren wir zu der Zeit gerade im Westen auf Tournee. Als wir von der Sache erfuhren, haben wir im Kulturministerium angerufen und gesagt: „Wir kommen gern wieder nach Hause – aber erst, wenn das Album wieder da ist.“ Ein paar Tage später war es wieder im Handel.

Die Beziehungen von City in den Westen übten also einen gewissen Druck aus?
Toni Krahl: Der Erfolg im Westen war ein Druckmittel, ganz klar.

Hatten Sie auch Kontakt zu westdeutschen Bands?
Fritz Puppel: Wir haben alles verfolgt, was deutschsprachig war. Es war schließlich unsere freie Entscheidung, deutsche Songs zu machen. Das war damals nicht von der DDR oktroyiert, wir wollten einfach in der Sprache singen, die das DDR-Publikum verstand. Aber es gab keine direkten Kontakte zu Bands im Westen.

Toni Krahl: Außer zu Udo Lindenberg. Der war schon     auf einem unserer ersten Konzerte in Hamburg. Etwas später haben wir dann ein paar Worte gewechselt. Heute weiß er, wo er sich melden kann, wenn eine Aktion gegen irgendwelche Nazis ansteht, speziell im Osten. Dann ruft er an und sagt: „Kommt mal vorbei, wir müssen da gemeinsam Gesicht zeigen.“ Und dann machen wir das in der Regel auch.


Sie stehen „Am Fenster“: Wie ist die Aussicht?
Fritz Puppel: Der Titel hat für viele Menschen eine Bedeutung, die Tour heißt ja nicht umsonst „40 Jahre ‚Am Fenster‘“. Wir wollen Gemeinsamkeiten und Erinnerungen zusammenfügen, mit dem neuen Album und natürlich mit dem Song selbst. Und für unsere Zukunft als Band gilt: Einfach nicht aufhören. So lange die Blutwerte stimmen.

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