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Wenn Spanisch nicht gleich Spanisch ist

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Von: Timur Tinç

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Hannes Schaefer mit Sohn Benjamin und Frau Nancy Ramirez, dahinter Geraldine Santana. Adriana Maximino dos Santos steht hinter Dalila (hinten), Helena und Lay Gleim.
Hannes Schaefer mit Sohn Benjamin und Frau Nancy Ramirez, dahinter Geraldine Santana. Adriana Maximino dos Santos steht hinter Dalila (hinten), Helena und Lay Gleim. © Renate Hoyer

Kinder mit nicht-spanischen Eltern sind vom herkunftssprachlichen Unterricht Spanisch in Hessen ausgeschlossen. Die Frankfurter KAV fordert eine Gleichbehandlung aller spanischsprechender Kinder.

Hannes Schäfer und seine Frau Nancy Ramirez sprechen mit ihren Kindern Helena (9) und Benjamin (5) zu Hause sehr viel Spanisch. Ramirez ist aus Guatemala, Schäfer hat einige Jahre im Land seiner Frau gelebt und spricht die Sprache ebenfalls fließend. „Die Kids haben beide Pässe“, sagt der 42-Jährige. Damit die Kinder unter anderem mit den Verwandten in Mittelamerika kommunizieren können, sieht die Familie die Mehrsprachigkeit als großes Gut und als Reichtum an.

Irgendwann haben die Eltern herausgefunden, dass es an der Grundschule von Helena auch herkunftssprachlichen Wahlunterricht Spanisch gibt. An dem darf die Neunjährige aber nicht teilnehmen. In Hessen wird der herkunftssprachliche Wahlunterricht Spanisch vom spanischen Ministerium für Bildung und Berufslehre der Aulas de Lengua y Cultura Españolas (ALCE) organisiert - ausschließlich für Kinder von spanischen Eltern.

„In Hessen findet in Verantwortung des Landes Hessen und in Verantwortung der jeweiligen Herkunftsländer herkunftssprachlicher Wahlunterricht in den Amtssprachen der sogenannten ehemaligen Anwerbeländer statt“, erklärt das Kultusministerium auf Anfrage. Das seien Länder, mit denen die Bundesrepublik Deutschland in den 1950er- und 1960er-Jahren Abkommen für die Anwerbung von Arbeitskräften abgeschlossen hatte. Einst gab es den herkunftssprachlichen Unterricht, um die Menschen auf die Rückkehr in die Heimat vorzubereiten. Dieser Spanischunterricht war auch offen für Kinder mit Müttern oder Vätern aus anderen Nationen.

Die ursprüngliche Zielsetzung verlor mit den Jahren jedoch an Bedeutung, weil die Menschen ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland sahen. „Seit dem Jahr 2000 erfolgt die schrittweise Übertragung des Unterrichts in der Herkunftssprache in die Verantwortung der Herkunftsländer, und es wurden seither keine Lehrkräfte mehr neu in den hessischen Landesdienst übernommen“, teilt das Land mit. Deshalb wird der Sprachunterricht ausschließlich nur noch von den Herkunftsländern organisiert.

Dass es kein Angebot für andere Spanisch sprechende Kinder gibt, kann Lay Gleim nicht verstehen. Sie ist Brasilianerin, ihr Mann Peruaner. Sie würde ihre neunjährige Tochter Dalila gerne in den Spanischunterricht schicken, „da es viel einfacher ist, wenn sie in der Grundschule anfangen zu lernen. Die Grammatik später aufzubauen ist schwieriger“, findet die 41-Jährige. Obwohl Spanisch die Muttersprache sehr vieler Menschen aus Süd- und Mittelamerika sowie der karibischen Inseln ist, seien die Kinder, die in Frankfurt und Hessen leben, in der Schule benachteiligt.

In Frankfurt leben rund 3300 Menschen mit einer Staatsangehörigkeit aus einem dieser Länder. Die größte Community sind rund 1130 Menschen aus Kolumbien.

Im Juli hat die Kommunale Ausländerinnen- und Ausländervertretung (KAV) in einem Antrag den Magistrat aufgefordert, sich für die Gleichbehandlung Spanisch sprechender Kinder beim Land Hessen einzusetzen. Darin wird gefordert, dass die Landesregierung die Kosten für den herkunftssprachlichen Wahlunterricht übernimmt. „In Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gibt es das“, sagt Adriana Maximino dos Santos, stellvertretende Vorsitzende der KAV. Ein weiterer Punkt, der sie stört: Es gebe viel zu wenige Informationen zum Thema herkunftssprachlicher Unterricht seitens der Schulen. „Wir hätten uns gefreut, wenn wir von der Schulbehörde oder der Schule eine Information zum Sachverhalt bekommen hätten“, sagt Schäfer. Die gab es aber nie.

Eine andere Benachteiligung hat Geraldine Santana erfahren, die aus der Dominikanischen Republik stammt. Sie wollte ihre Tochter in die bilinguale Klasse der Liebfrauenschule schicken, wo Deutsch und Spanisch sprechende Kinder unterrichtet werden. „Die Überraschung war, dass es in dieser Schule nur zwei Klassen für Spanisch gibt“, erzählt die 47-Jährige. Im Gespräch mit der Direktorin habe sich herausgestellt, dass dieses Angebot ebenfalls nur für Kinder gilt, deren Eltern aus Spanien kommen, sowie Kinder deutscher Eltern.

„In unseren bilingualen Klassen sind spanischsprachige Kinder aus den verschiedensten lateinamerikanischen Ländern ebenso wie aus Spanien“, teilt die Schulleitung der Liebfrauenschule mit. Die Herkunft spiele keine Rolle, lediglich die Sprachkenntnisse. Darüber hinaus gebe es auch nicht nur zwei bilinguale Klassen, sondern in jedem Jahrgang eine bilinguale Klasse.

Ferran Ferrando kennt die Probleme von hispanoamerikanischen Familien. Er ist Direktor des Instituto Cervantes Frankfurt, wo es seit Jahren Unterricht für Kinder von 4 bis 14 Jahren gibt. Für Spanisch sprechende Kinder aller Nationalitäten, aber auch für Kinder mit anderen Muttersprachen. „Die Kinderkurse sind sehr erfolgreich. Samstags sind alle Räume belegt“, sagt Ferrando. Die Nachfrage sei in den vergangenen Jahren – nicht nur seitens hispanoamerikanischer Familien – stark gestiegen. Neben dem Unterricht gebe es Kulturveranstaltungen, Kindertheater und eine stetig wachsende Familienbibliothek. „Wir können den Unterricht natürlich nicht kostenlos anbieten“, sagt Ferrando. Ein zwanzigstündiger Kurs für Spanisch sprechende Kinder koste 200 Euro. Er und sein Institut wären offen, Kindern mit nicht-spanischen Eltern zu unterrichten, wenn es eine Vereinbarung mit dem Land Hessen gäbe und die Kosten getragen würden. Bislang sei aber noch niemand auf ihn und das Institut zugekommen.

Hannes Schäfer und Nancy Ramirez könnten sich vorstellen, dass ihre Kinder am vom spanischen Bildungsministerium angebotenen Unterricht teilnehmen. Dass sich die Konsulate aus Guatemala und anderen Ländern zusammenschließen, um Schulunterricht für Kinder zu organisieren, glauben sie nicht, da die Konsulate in ganz Deutschland verteilt und teils sehr klein sind.

Lay Gleims Tochter Dalila hat an ihrer Schule immerhin zusätzlich Kunst- und Musikunterricht auf Spanisch. „Sie sagt aber zu mir: Mama, ich möchte mich abmelden“, berichtet Gleim. Ihr fehle die Basis. Wenn sie von Anfang an Spanischunterricht gehabt hätte, würde es vielleicht anders aussehen.

*In einer vorherigen Version fehlte die Stellungnahme der Liebfrauenschule.

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