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Der größte Chor von Wiesbaden.

Stadtfest in Wiesbaden

Wenn der Funke überspringt

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Rund 1500 Menschen singen beim Stadtfest in Wiesbaden spontan Volkslieder, als hätten sie schon eine Ewigkeit geprobt.

Beim Spiritual „Rock my Soul“ bricht Chorleiter Christoph Nielbock nach den ersten schlappen Klängen ab. „Nein, das geht so nicht, das klingt schwach und traurig.“ Nielbock will mehr, will mehr Herz, mehr Bewegung, mehr Spirit. „Wir sind doch Wiesbadener und fit“, ruft er seinem Chor zu, der sich auf dem Dern’schen Gelände hinter der Marktkirche formiert hat. Also in freier Formation je nach Ankunft vor der Bühne.

Die ersten paar Hundert Sangeswilligen kriegen Sitzplätze, der Restchor muss stehen bis an die Schattengrenze am späten Nachmittag. Gemessen an der Zahl der verteilten Songbooks bilden ungefähr 1500 Frauen (hauptsächlich), Männer (eher weniger) und Kinder (viele) den Chor. „Wiesbaden singt“ wird bei der zehnten Auflage zum echten „Rudelsingen“, wie es mancherorts despektierlich genannt wird, wenn viele bunt zusammengewürfelte Menschen sich dem gemeinsamen Gesang hingeben.

Keiner im vorderen Bereich nahe der Bühne mit Vorsänger Christoph Nielbock, einem begleitenden Pianisten, und zwei jungen Mädchen im Dirndl als „vokale Unterstützung“ (so steht’s im Songbook) entgeht der Dynamik, die sich schnell entwickelt. Binnen Minuten klingt es vor allem in Bühnennähe, wo der Funke am schnellsten vom einen zum anderen überspringt, als würden die Menschen, die sich hier treffen, schon immer zusammen singen.

„Die Gedanken sind frei“, das schöne Lied von Hoffmann von Fallersleben, eignet sich wunderbar zum Einstimmen auf ein spontanes Konzert mit vielfältigem Programm. „Singen entspannt, ist pure Lebensfreude“, sagt eine junge Mutter mit zwei kleinen Kindern, die mit dem Lieder-Mix genauso bedient werden wie die Freunde von Schlagern und Klassikern des deutschen Volksliedgutes. Das Lied von den freien Gedanken wird traditionell als Einstieg intoniert, wenn Wiesbaden singt.

Auf der anderen Seite des Rathauses versuchen Autohändler, die neuesten Modelle bei der Autoschau zum Stadtfest anzupreisen, in der Einkaufszone ist Herbst– und Kunsthandwerkermarkt, die „Rue“, die Wilhelmstraße, bietet Modenschauen unter freiem Himmel, auf dem Dern’schen Gelände wird gesungen, was das Zeug hält. Wiesbaden hat den gelben Teppich zu den Hauptveranstaltungsorten ausgerollt, von den Türmen der Marktkirche kann man hinunterblicken auf das singende Volk.

Ja, „Tage wie diese“, an denen man sich Unendlichkeit wünscht, das kommt gut an so einem herrlich sonnentrunkenen Spätsommer-Frühherbsttag in der Landeshauptstadt. Gemeinsam intoniert voller Inbrunst wie später John Denvers Klassiker von den „Country Roads“, die einen immer wieder nach Hause tragen.

Um 17 Uhr muss das Marktkirchengeläut mit Kindermusik konkurrieren, Jungen und Mädchen der Hebbelschule haben als Gastsänger auf der Bühne einen „Wiesbadener Obstsalat“ aus Kiwis, Mango, Ananas und Bananen angerichtet, der große Chor auf dem Platz sorgt in laut Nielbock „alter Bass-Ostinato-Tradition“ (Männer) und etwas höherer Tonlage (Frauen und Kinder) für die Hintergrundmusik. Wiesbaden singt, Wiesbaden swingt.

Oder es sitzt kauend ein paar Schallwellen entfernt beim Erntedankfest der Landwirte auf dem ausgetrockneten Gelände am Warmen Damm an den Tischen und Bänken oder gleich auf dem Boden vor dem Weiher. Zwischen Kürbissen, zu Pyramiden aufgetürmt, Strohballen in ähnlicher Form als Kletterburgen, Tieren im Gatter zum Streicheln. Und jede Menge Gerstensaft, vergorener Traubensaft und natürlich passend zur Jahreszeit frischer „Süßer“, in den mancher Kelterer auch eine Gräfin von Paris (Birne) in gepresster Form integriert hat.

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