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Wenn die rettende Pille fehlt

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Steht immer öfter vor leeren Regalen: Cora Menkens zeigt in ihrer Apotheke, wie prekär die Situation ist. koberg
Steht immer öfter vor leeren Regalen: Cora Menkens zeigt in ihrer Apotheke, wie prekär die Situation ist. koberg © ULRIKE KOBERG

Apotheken kämpfen gegen gefährliche Engpässe bei Medikamenten

BAD HOMBURG - Das Problem ist nicht neu: Auch in den vergangenen Jahren gab es immer mal wieder Schwierigkeiten bei der Nachlieferung von bestimmten Medikamenten. Doch der Engpass, der momentan bei manchen Arzneimitteln herrscht, bereitet vielen Ärzten, Apothekern und natürlich vor allem erkrankten Menschen große Sorgen. „Wir machen zurzeit eine echte Mangelverwaltung“, beschreibt Ursula Funke, die Präsidentin der Landesapothekerkammer Hessen, die gegenwärtige Situation. Notstand herrscht vor allem bei Fiebersäften für Kinder, manchen Antibiotika und Psychopharmaka sowie stellenweise auch bei Krebsmedikamenten und Magensäureblockern.

Die Ursachen für die Verknappung sind vielfältig. Ein Großteil der Arzneistoffe, so Funke, werde in China produziert, viele Arzneimittel in Indien, weil die Herstellungskosten dort um ein Vielfaches geringer seien. Zeitweiliger Rohstoffmangel, unterbrochene Lieferketten, aber auch die Einstellung mancher Produktionen aus Kostengründen gehören zu den Hauptursachen der Medikamenten-Engpässe. Darüber hinaus komme es wegen des Krieges in der Ukraine auch zu Nachlieferungsproblemen von dort produzierter Pappe. Und so führe das fehlende Verpackungsmaterial auch zu einer zeitweiligen Mangelsituation, selbst wenn das Medikament als solches vorhanden sei.

Als „äußerst unbefriedigend“ beschreibt Dr. Cora Menkens, Inhaberin der Hirsch-Apotheke in Bad Homburg, die Notlage bei manchen Arzneimitteln. In ihrer Apotheke fehlen zurzeit rund 100 Positionen. Um festzustellen, welche Medikamente geliefert werden können, kann sie online das Lager ihres Großhandels einsehen. „Es ist ein bisschen wie an der Börse. Wird etwas vom Großhändler eingebucht, dann muss ich innerhalb von zwei Sekunden zuschlagen, sonst ist es weg“, sagt sie.

Bundesbehörde schaltet sich ein

Welche Medikamente aktuell von Lieferschwierigkeiten bedroht sind, kann auch auf der Seite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) nachgesehen werden (www.bfarm.de). Diese Bundesoberbehörde ist, so teilt das Kreisgesundheitsamt mit, dafür zuständig, Lieferengpässe von Arzneimitteln „durch geeignete Maßnahmen abzuwenden beziehungsweise abzumildern“. So ordnete die Behörde beispielsweise im Februar an, dass ein bestimmtes Krebsmedikament weder von Apotheken noch von Ärztinnen oder Ärzten auf Vorrat bestellt werden durfte, um damit sicherzustellen, dass möglichst viele Krebspatienten zu diesem Zeitpunkt mit dem Medikament behandelt werden konnten.

Apothekerin Menkens versucht, so oft wie möglich eine Lösung für ihre Kunden zu finden. „Bestimmte Fiebersäfte für Kinder gibt es zurzeit nicht mehr“, sagt sie, „da kann man auch auf Fieberzäpfchen umsteigen. Allerdings ist momentan die Nachfrage so groß, dass es auch die jetzt nicht mehr so häufig gibt.“ Relativ einfach sei es, wenn jemand Tabletten in der Dosierung 100 Milligramm brauche, dieses Medikament jedoch nur noch in der Form 50 Milligramm vorhanden sei. Dann könne man auch 2 mal 50 Milligramm nehmen. Wesentlich komplizierter sei es dagegen, wenn der Patient ein ganz bestimmtes Medikament brauche. Ist das Präparat nicht vorhanden, muss der betroffene Kunde wieder zu seinem Arzt zurück, damit dieser ihm ein Rezept für ein anderes Medikament verschreibt. Eine unbefriedigende Situation, die gleichzeitig einen höheren Arbeits- und Zeitaufwand besonders für die Ärzte bedeute.

„Zum Glück gibt es für viele Medikamente noch Alternativen“, sagt Dr. Susanne Drissler, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Bad Homburg. Unabhängig von dem momentanen Engpass sei es generell allerdings eine Hiobsbotschaft, wenn ein Patient mit einem Medikament gut eingestellt sei und zurechtkomme und dann die Meldung komme, dass dieses Medikament nicht lieferbar sei. Diese Medikamente mit einer sogenannten Sonderstellung könnten nicht so einfach ausgetauscht werden. Für die Ärzte, so Drissler, sei es in diesem Fall immer eine Schwierigkeit, das Medikament zu finden, das dem bisherigen am ähnlichsten ist. Denn im schlimmsten Fall könnten Patienten, die Anti-Depressiva benötigen und gut eingestellt waren, durch einen Medikamenten-Wechsel einen Rückfall erleiden.

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