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Marcus Norz ist Musiklehrer an der Carl-Schurz-Schule.

Schule in Hessen

Zu wenig Lehrer für Musik und Kunst

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Hessens Musik- und Kunstlehrer schlagen Alarm: Ihre Fächer sind bedroht. Eine Studie, die der Frankfurter Rundschau exklusiv vorliegt, scheint die Befürchtungen zu bestätigen.

Hessen gehen die Lehrer aus. Gerade erst hat das Kultusministerium bei Pensionären angefragt, ob sie nicht wieder unterrichten wollten, weil an Grund- und Förderschulen Stellen nicht besetzt werden können (wir berichteten). Doch auch eine andere Gruppe schlägt Alarm: Die Musik- und Kunstlehrer fürchten, ihre Fächer könnten an den Rand gedrängt werden. Eine Studie des renommierten Bildungsforschers Horst Weishaupt, die der Frankfurter Rundschau exklusiv vorliegt, scheint die Befürchtungen zu bestätigen.

Die kulturelle Bildung an Hessens Schulen ist auf dem Weg, zu einer bedrohten Art zu werden. So jedenfalls sieht es der Deutsche Kulturrat, der das Tätigkeitsfeld erstmals in seine Rote Liste gefährdeter Projekte und Strukturen aufgenommen hat: Kategorie Vorwarnstufe. Künstlerische Fähigkeiten erschienen oft nur noch als entbehrlicher Luxus, mahnte gerade erst wieder Kulturrat-Geschäftsführer Olaf Zimmermann.

Tatsächlich ist der Anteil von Lehrkräften in Kunst und Musik im vergangenen Jahrzehnt deutlich zurückgegangen. Besonders davon betroffen sind Förderschulen sowie Grund-, Haupt- und Realschulen. „Nur für das Gymnasium scheint eine einigermaßen ausreichende Fachlehrerausbildung gewährleistet“, sagt Bildungsforscher Weishaupt, der früher am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (Dipf) in Frankfurt den Arbeitsbereich „Steuerung und Finanzierung des Bildungswesens“ leitete.

Für seine Untersuchung hat er Daten und Zahlen des Kultusministeriums sowie der Schul- und Hochschulstatistik ausgewertet. Einen Überblick über den tatsächlich erteilten Unterricht gebe es in Hessen, im Unterschied beispielsweise zu Nordrhein-Westfalen, nicht. Erfasst würden hier lediglich die Lehrkräfte, die über eine entsprechende Qualifikation verfügten. Schon dabei aber werde deutlich, dass diese Lehrkräfte kaum den in der Stundentafel vorgesehenen Unterricht in den musischen Fächern abdecken könnten.

Keine vorausschauende Personalbedarfsplanung

Um die Bedeutung ihrer Fächer fürchten die Kunst-, Musik- und Theaterlehrer schon länger. Bereits vor knapp einem Jahr hatten sie die Alarmglocken schrillen lassen. Die Kürzungen der Stellenzuweisungen an den gymnasialen Oberstufen gingen vor allem zulasten des musischen Unterrichts, mahnten sie. Zudem würden die Beratungsleistungen der Staatlichen Schulämter für die kulturelle Bildung zurückgefahren.

Auf Nachfrage sehen sich die Vertreter der Fachverbände jetzt in ihren Befürchtungen zumindest teilweise bestätigt. Grundkurse in Kunst oder Musik würden von drei auf zwei Wochenstunden verkürzt, die Kurse mit Schülern vollgestopft und das Angebot an Leistungskursen reduziert. „Den Lernenden steht eine umfängliche Bildung zu“, sagt Dorothee Graefe-Hessler vom Bundesverband Musikunterricht Hessen. Doch die Chancen dafür seien eher gering.

Nicht nur der Bestand, auch die Ausbildung künftiger Lehrkräfte sei insgesamt völlig ungenügend, kritisiert Weishaupt. Hessen scheine bei den musischen Fächern vor allem darauf zu setzen, dass Lehrkräfte die nötigen Qualifikationen auf dem Weg der Ergänzungsprüfung erlangten – also unterrichteten, ohne das Fach studiert zu haben.

Wo auch das nicht ausreiche, nehme man Unterrichtsausfall in Kauf. Denn obwohl die Mangelsituation schon lange bestehe und sich in den vergangenen Jahren noch verschärft habe, gebe es immer noch keine vorausschauende Personalbedarfsplanung. „Es sind keine Maßnahmen erkennbar, um dem Missstand abzuhelfen“, bilanziert Weishaupt.

Auf Anfrage bestätigt das Kultusministerium, dass keine verlässlichen Zahlen über den tatsächlich erteilten Unterricht in den Fächern Kunst, Musik und Theater (Darstellendes Spiel) vorlägen. Dies liege unter anderem daran, dass Schulen vielfältige Möglichkeiten hätten, die Unterrichtsstunden eines Faches in andere Jahrgänge zu verschieben, Blockunterricht zu planen sowie Musik und Kunst zum Lernbereich ästhetische Bildung zusammenzufassen.

Allerdings geht das Ministerium davon aus, dass insgesamt genügend Lehrkräfte vorhanden seien, um die Fächer abzudecken. Engpässe bestünden allenfalls bei Kunst am Gymnasium sowie Musik im Haupt- und Realschulbereich. Beide Fächer seien deshalb für Quereinsteiger geöffnet worden, teilt das Ministerium mit.

Auch könnten ausscheidende Lehrkräfte durch neu ausgebildete ersetzt werden. Lediglich beim Fach Kunst an Grund-, Haupt- und Realschulen werde dies möglicherweise nicht gelingen. Es gebe allerdings genug Pädagogen an den Schulen, um die Abgänge ersetzen zu können, versichert ein Ministeriumssprecher.

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