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In Hessen fehlen aktuell 56 000 Fachkräfte.

Fachkräftemangel in Hessen

"Die Unternehmen wollen attraktiver werden"

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Chefvolkswirt Christian Weßling von der Frankfurter Industrie- und Handelskammer spricht im FR-Interview über den Umgang mit dem Fachkräftemangel.

Christian Weßling ist bei der Frankfurter Industrie- und Handelskammer Chefvolkswirt. Der 31-Jährige kam vor fünf Jahren zur IHK. Eine Spezialität von ihm sind Konjunkturumfragen.

Herr Weßling, wo ist der Fachkräftemangel bereits zu spüren?
Man kann branchenübergreifend schon sagen, dass die Herausforderungen für die Unternehmen größer werden, ihre Stellen zu besetzen.

Welche Branchen sind am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen?
Zum Beispiel können in der Industrie nicht alle Stellen für Industriemechaniker oder Maschinen- und Anlagenführer besetzt werden. Auch Logistikunternehmen suchen Berufskraftfahrer. Die Logistikbranche ist in Frankfurt und Rhein-Main generell sehr stark vertreten, eine expandierende Branche mit entsprechend wachsendem Fachkräftebedarf.

Wie sieht der Trend für die nächsten Jahre aus?
Wir gehen davon aus, dass sich der Fachkräftemangel verstärken wird. In den nächsten Jahren werden die sogenannten Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden.

Gibt es Zahlen?
Aktuell fehlen in Hessen etwa 56 000 Fachkräfte. Zu befürchten ist, dass es im Jahr 2030 über 200 000 sein werden.

Stimmt die Einschätzung, dass die Berufsbilder immer anspruchsvoller werden, so dass viele jüngere, aber auch ältere Arbeitnehmer nicht mithalten können?
Die Anforderungen nehmen tatsächlich zu, wenn man an den internationalen Wettbewerb oder auch die Digitalisierung denkt. Wir sehen aber, dass eventuelle Lücken durch Nachhilfe oder Weiterbildung ausgeglichen werden können. Zudem hat Deutschland generell den Standortvorteil der dualen Berufsausbildung, die das Fachkräfteniveau hochhält, und um die wir weltweit beneidet werden.

Sehen sich die Unternehmen auch im Ausland um?
Nach wie vor stehen die heimischen Potenziale an erster Stelle. Die Rekrutierung von Fachkräften im Ausland kann aber zusätzliche Potenziale heben. Etwa ein Viertel der Unternehmen mit unbesetzten Stellen versuchen das. Allgemein betrachtet, möchten die Betriebe mehr in Aus- und Weiterbildung investieren und ihre Attraktivität als Arbeitgeber verbessern.

Nun gibt es gesetzliche Auflagen für die Beschäftigung von Fachkräften, die nicht aus einem Land der Europäischen Union kommen.
Schon länger wird ja über ein Einwanderungsgesetz diskutiert. Was wir begrüßen, ist, dass einige Maßnahmen auf den Weg gebracht wurden, die die Zuwanderung von Fachkräften erleichtern.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Ja, etwa die blaue Karte EU, die Angehörigen aus Drittstaaten unter gewissen Umständen einen Aufenthalt und eine Beschäftigung in europäischen Ländern ermöglicht.

Früher wurde die Produktion oft ins Ausland verlagert, weil es dort billige Arbeitskräfte gab. Wird jetzt an eine Verlagerung gedacht, weil es im Ausland noch Fachkräfte gibt?
Es stimmt, dass Fachkräfte immer mehr zu einem Standortfaktor werden. Gerade in Deutschland sind die klugen Köpfe eine Voraussetzung für unser Wirtschaftsmodell – aber dank unseres Ausbildungssystems gibt es hier auch viele gut ausgebildete Arbeitnehmer. Mögliche Niederlassungen im Ausland werden also mit der heimischen Produktion abgestimmt, um sie zu stärken.

Woher wissen Sie das?
Das sehen wir zum Beispiel an den Arbeitsmarktzahlen. In Hessen wurden in den letzten zehn Jahren über 370 000 sozialversicherungspflichtige Jobs neu geschaffen. Da sieht man schon, dass die Unternehmen eine sehr weitsichtige Personalpolitik fahren.

Welche Bedeutung hat die Weiterbildung in den Betrieben bekommen?
Eine sehr, sehr große Bedeutung und sie wird weiter zunehmen. Eine Umfrage hat gezeigt, dass 45 Prozent der Betriebe mehr in Weiterbildung investieren wollen. An erster Stelle stehen firmeneigene Seminare, viele Firmen unterstützen aber auch ein berufsbegleitendes Studium oder eine Ausbildung zum Meister.

Wie groß ist die Bereitschaft bei den Arbeitnehmern, dazuzulernen und sich auf Neues einzulassen?
Da merken wir einen Anstieg und zwar deutschlandweit. Das zieht sich auch durch alle Altersgruppen hindurch. Natürlich ist da noch Potenzial nach oben, gerade auch zum Beispiel im Bereich Digitalisierung.

Wird die Digitalisierung der Arbeitswelt den Fachkräftemangel beschleunigen?
Einige Studien gehen ja davon aus, dass bestimmte Tätigkeiten durch die Digitalisierung ersetzt werden könnten. Aber die Digitalisierung kann auch zum Jobmotor werden, indem zusätzliche Geschäftsmodelle und damit zusätzliche Arbeitsplätze entstehen.

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