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Weiter Weg zum Umweltfrieden

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Von: Pitt von Bebenburg

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Der BUND paddelt weiter gegen die Werra-Versalzung. Eines allerdings hat sich gravierend geändert: K+S hat sich geöffnet für Gespräche mit Betroffenen und Umweltverbänden

Die Werra ist zu salzig. Seit Jahrzehnten belastet der Bergbau in Nordhessen das Gewässer – so sehr, dass die Anliegergemeinde Gerstungen in Thüringen zeitweise um ihr Trinkwasser bangte. Auch von den Halden mit den Abfällen der Kali- und Salzproduktion des Unternehmens K+S wird immer weiter Salz in den Grund gewaschen, der in den Gewässern landet. Was tun?

Es gibt viele ungelöste Fragen dazu, technische, politische und finanzielle. Eines allerdings hat sich gravierend geändert: K+S hat sich geöffnet für Gespräche mit Betroffenen und Umweltverbänden, seit Burkhard Lohr vor genau einem Jahr an die Spitze des Unternehmens gerückt ist und den knallharten Sturkopf Norbert Steiner ablöste.

Der Ton ist anders geworden. Zuweilen finden sich sogar Lösungen – wie im vorigen Jahr, als sich K+S erst mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und dann mit der Gemeinde Gerstungen einigte. Nach der Verständigung mit der parteilosen Gerstunger Bürgermeisterin Sylvia Hartung wählte Lohr große Worte. „Ich möchte für K+S einen ,Umweltfrieden’ erreichen“, sagte der 55-jährige Unternehmenslenker.

Doch ob ihm das gelingt, steht längst nicht fest. Am 1. Mai paddeln jedenfalls Umweltaktivisten, um den Druck auf K+S hoch zu halten. Man habe „manches erreicht“, aber „die Hauptprobleme nicht gelöst“, heißt es im Aufruf des BUND Hessen für die Kanutour. „Legen wir den Finger in die Salzwunden, die von K+S verursacht werden.“

Eine Klage der Gerstunger hatte Lohr im Dezember mit der Zusage abgeräumt, der Gemeinde bei der Optimierung ihrer kommunalen Trinkwasserversorgung unter die Arme zu greifen – mit einem einstelligen Millionenbetrag, der nicht genauer bestimmt wurde. Den Streit mit dem BUND hatte er schon einen Monat vorher beigelegt.

Der K+S-Chef sicherte zu, bis zu einer Million Kubikmeter weniger Salzabwasser im Boden zu versenken als erlaubt. Wenn die Genehmigung zur Versenkung Ende 2021 ausläuft, werde das Unternehmen keinen Antrag auf eine Fortsetzung stellen, versprach Lohr den Umweltschützern.

Schon Lohrs Vorgänger Steiner hatte ungewohnte Zugeständnisse machen müssen, um die Versenkgenehmigung bis 2021 zu ergattern. Er musste im Jahr 2014 mit der neuen grünen Umweltministerin Priska Hinz verhandeln; de beiden verständigten sich darauf, dass K+S die Versenkung dauerhaft beenden muss, aber Einschränkungen der Produktion vermieden werden.

Deswegen sollten die Abwässer ab 2021 über eine Pipeline weiter nordwärts geleitet werden. Sie würden dann nahe der hessisch-niedersächsischen Grenze in die Oberweser eingelassen. Damit wäre der Fluss zwar in Hessen sauberer, aber nicht im weiteren Verlauf. Insofern erstaunt es nicht, dass das Nachbarland sich vehement dagegen wehrt.

Als Alternative erwägt der Konzern die sogenannte Einstapelung. In diesem Fall würden die Salzabfälle in Kavernen abgeladen, in denen früher Bergbau betrieben wurde. Das Salz käme quasi dorthin zurück, wo es herkam. Technische Probleme bestehen bei beiden Möglichkeiten. „Wir sind auf der Suche nach einer Lösung, mit der alle leben können“, betont Lohr.

Ein Schritt dazu soll eine 180 Millionen Euro teure Anlage sein, die Salzlauge eindickt und von sauberem Wasser trennt. Damit soll die Menge des Materials verringert werden, das verpresst werden muss. Anfang dieses Jahres ging diese „Kainitkristallisations- und Flotationsanlage“ (KKF) am Standort Hattorf in Betrieb.

Schwierig und teuer wird auch die Abdeckung der riesigen Halden, zu der sich K+S in dem „4-Phasen-Plan“ mit Ministerin Hinz verpflichtet hat. Nirgends sonst gibt es vergleichbare Vorbilder dafür, wie man die weißen Berge abdecken kann. Der Konzern zeigt sich aber zuversichtlich. „Für die Abdeckung und Begrünung der Rückstandshalden hat K+S auf der Basis eigener langjähriger Erfahrungen und der Zusammenarbeit mit Universitäten ein Verfahren entwickelt, das nachweislich funktioniert und auch an die lokalen Besonderheiten der Werra-Standorte angepasst werden kann“, teilt er auf Anfrage mit.

Kritiker sehen die Entwicklung mit gemischten Gefühlen. „Es gibt jetzt eine Dialogbereitschaft, aber noch keine Lösung“, sagt die Linken-Landtagsabgeordnete Marjana Schott. Solange es aber keine Lösung gehe, drohe immer noch eine Drosselung der Produktion nach 2021. Darüber spreche derzeit aber niemand.

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