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Alles neu, schön weiß und hell: Das Sinclair-Haus, in dem es noch nach frischer Farbe riecht, gefällt den Besuchern.

Bad Homburg

Weitblick zum Neuanfang

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Das Museum Sinclair-Haus öffnet mit seiner ersten Ausstellung nach dem Umbau Fenster zur Welt. Die neue Energie ist spürbar.

Viele erste Blicke sind in diesen ersten Tagen des Neubeginns dem Rahmen für die Kunst gewidmet. Auge und Nase spüren die lebendige Frische im alten Haus zuerst. „Schön ist es geworden“, sagt die Frau mit dem perfekt zur lichten Atmosphäre passenden blauen Schal. „Alles irgendwie wie immer und doch ganz anders.“ Dezent sind die Umgestalter ans Werk gegangen und doch mit klarer Linie. Das Museum Sinclair-Haus atmet einen völlig neuen Geist nach der langen musealen Ruhephase.

Es ist wieder Leben eingezogen in das über 300 Jahre alte Haus mit den grünen Flügeltüren vis-à-vis vom Schlosspark. Die neue Energie ist spürbar, fast greifbar auch Tage nach der Wiedereröffnung. Nach dieser Vernissage, bei der im Gedränge der Menschenmassen, die gekommen waren, die Revitalisierung eines beliebten Ortes der Kunst zu feiern, kaum Raum zu deren Betrachtung blieb. Mehr als 700 Besucher wollten bei Begrüßung und Abschied dabei sein. Das kleine Museum gegenüber der großen Erlöserkirche, das der scheidende Direktor Johannes Janssen „ein Juwel“ nennt, strahlt in neuem Glanz, für Janssen war es nach 14 Jahren die letzte Eröffnung.

„Der Platz am Fenster ist ein idealer Ort, um am schönen Draußen teilzunehmen und zugleich weltverloren zu sein“, steht auf einer der blütenweißen neuen Wände. Drinnen sollen bis zum Frühjahr mit der Premieren-Ausstellung „Aussicht – Einsicht“ Fenster zur Welt geöffnet werden. Mit Blicken in und durch Fenster hinaus vom Drinnen nach Draußen und in die andere Richtung. Jetzt wieder mit freiem Blick auf die Kunst. Nach neun Monaten Umbau im innersten Kern, der nun als federleichte Geburt daherkommt. Licht und Wände alles neu, schön weiß und hell, der Holzboden dünstet noch aus, es riecht nach frischer Farbe. Vom „nahtlosen Übergang von Baustelle in Ausstellungsbetrieb“ hatte Janssen bei seiner Abschiedsrede gesprochen.

Nun nehmen sie wieder in Besitz, was alle hier, jeder auf seine Art, „unser Haus“ nennen. Sven Bücher etwa, der Haustechniker, der nun Herr über eine komplett neue Anlage zur Belüftung, Heizung- und Klimatechnik ist, für die extra ein riesiger Raum unter dem Museumshof geschaffen wurde. Um das Juwel mit allseits automatisierten Verfahren fit zu machen für die nächsten 20 Jahre. Neue Licht- und Tontechnik, nur noch LED-Leuchtbänder, versenkt in der Decke wie die Lautsprecher.

Nur „sehr, sehr positive Reaktionen“ hat Beate Böhm bisher vernommen, die zum Stamm der „Hausdamen“ gehört, die dem Publikum nur dezent auf die Finger schauen, damit die hohe Kunst nie Schaden nimmt. „Es ist schön geworden, eine schöne Ausstellung, ich freue mich auf den Kontakt mit den Besuchern, auch bei den spannenden Formaten im Begleitprogramm.“

Wusch, prompt kommt Ina Fuchs mit fünf Studentinnen vom Institut für Kunstpädagogik Frankfurt vorbeigefegt. Die neue Chef-Kuratorin strahlt: „Wir sind froh, dass wir endlich wieder richtig loslegen können.“ Für das Format „Kopfstand!“, bei dem Besucher an fünf Stationen praktischen Zugang zu den Kunstwerken bekommen, suchen die sechs Damen die passenden Werke aus.

Jeder hier ist auch ein Multiplikator der Kunst. Im Atelier „Kunst & Natur“ oben unter dem Dach Kristine Preuß, sie leitet die Abteilung Kunstvermittlung. Findet „toll, dass wir wieder da sind, toll wieder im Atelier zu sein“, strotzt vor Tatendrang bei der Planung von Kursen etwa für Lehrer und Erzieher. Ja, auch die vielen Kunstfreunde, die zu jeder Ausstellung kommen wie Rita Winkler, sind Multiplikatoren, weil sie den guten Ruf des Hauses weitertragen. Die Homburgerin liebt die „ganz tollen und wunderbaren Ausstellungen“. Wie so viele, die ihr neues altes Haus („Ich komme immer“) wieder in Besitz nehmen, gehört sie zu den Stammgästen im Museum. „Besucher, über die wir uns sehr freuen“, so Ina Fuchs, weil sie Beleg für den Erfolg der künstlerischen Konzeption des Hauses sind.

„Seitdem der Mensch sich in Bauwerken von der Natur abschirmt, nimmt das Fenster eine bedeutende Rolle in der visuellen Wahrnehmung der Welt ein“, lautet der erste Satz in der kleinen Broschüre zur Fenster-Kunst-Ausstellung. Und plötzlich mischen sich die Welten, beim Blick durchs Fenster im Flur hinaus auf die vier Türme der Erlöserkirche, bestrahlt vom letzten Sonnenglanz an diesem späten Winternachmittag. Kunst und Realität werden eins, ein perfekter Moment. „Wie verzaubert“ fühlt sich Rita Winkler, „alles passt perfekt zusammen und zur Ausstellung“. Den letzten Trumpf auf dem Weg zurück aus der taumelnden Kunst hat die Realität ausgespielt.

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