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Thomas Küllmer treibt bei Hessisch-Lichtenau seine Tiere auf die Gänseweide. Der Gänsebauer hat rund 400 Gänse, aber auch anderes Federvieh wie Enten, Puten und Hühner.

Weihnachten in Hessen

Zu Weihnachten gibt es Gans

Für viele Hessen gehört der Gänsebraten zu Weihnachten. Doch immer öfter kommt das Fleisch nicht aus der Region, sondern aus dem Ausland. Das ist schlecht für die hiesigen Bauern.

Als Landwirt Thomas Küllmer seine Scheune öffnet, bricht die Hölle los: Ein lautes vielstimmiges Schnattern ertönt, dann rauscht eine Gänseschar aus dem Gebäude. Wie eine militärische Formation marschieren die Tiere eilig die Straße herunter, zielstrebig auf ihre Weide zu. Doch die Teilnehmer dieses Gänsemarschs werden von Tag zu Tag weniger. Denn zu Weihnachten hat die Gans als Braten Hochkonjunktur.

„Wir schlachten nun fünfmal die Woche“, sagt Landwirt Küllmer, der einen Hof in Velmeden betreibt, das zur Kleinstadt Hessisch Lichtenau (Werra-Meißner-Kreis) gehört. 400 Gänse hat der Familienbetrieb, am Ende der Festtage werden nur 30 bis 40 übrig bleiben. Seit Mitte Mai hat Küllmer die Gänse aufgezogen. Für den Milchbauern ist Geflügel ein wichtiges wirtschaftliches Standbein. Er hat zudem Enten, Puten, und Hühner. Während die Hähnchen das ganze Jahr nachgefragt seien, seien Ente, Gans und Pute ein Saisongeschäft.

Das Fleisch verkauft der Landwirt fast ausschließlich an Privatkunden. Viele seien aus der Region. Es gebe aber auch Kunden, die auf der Rückreise aus dem Urlaub bei ihm Halt machten. Das Geschäft mit den Gänsen sei konstant, aber nicht mehr erweiterbar. „Die Leute, die Gänse zubereiten können, werden weniger“, erklärt er. Zudem sinke die Nachfrage nach ganzen Tieren wegen kleinerer Haushalte. Billigfleisch von Großproduzenten sei dagegen keine Konkurrenz: Wer bei ihm kaufe, tue das bewusst wegen artgerechter Haltung, natürlicher Fütterung und dem Verzicht auf Medikamente.

Bauern, die ihr Fleisch direkt vermarkten, spürten das Weihnachtsgeschäft besonders, sagt Bernd Weber, Sprecher des hessischen Bauernverbands. „Weihnachten  - ähnlich wie Ostern - hebt sich von anderen Festtagen ab.“ Die Verbraucher kauften hochwertige Lebensmittel und seien auch bereit, dafür tiefer in die Tasche zu greifen. Der Trend zu Lebensmittel aus der Region verstärke diese Entwicklung.

Trotzdem kommt seit Jahrzehnten immer weniger Fleisch aus Hessen auf die Teller: „Was die Tierhaltung anbelangt, haben wir in Hessen enorme Marktanteile verloren“, erklärt Weber. Von einer Selbstversorgung sei man in dem Bundesland weit entfernt. „Sowohl beim Rind als auch beim Schweinefleisch und Eiern liegen wir unter 50 Prozent bei allen Erzeugnissen.“ Das bedeutet: Hessen produziert nicht genug, um sich rein rechnerisch selbst zu versorgen. Es handelt sich dabei um Schätzungen. Doch andere Zahlen belegen den Trend.

So ist die Zahl der gehaltenen Tiere in Hessen stark rückläufig: 1979 habe es 1,3 Millionen Schweine in Hessen gegeben und 873 000 Rinder. 2016 waren es nur 613 000 Schweine und 439 000 Rinder. Auch die Zahl der Tierhalter sinke: Von 5700 Schweinehaltern und 8600 Rinderhaltern im Jahr 2010 auf 3500 Schweinehalter und 7200 Rinderhalter in 2016. Gleichzeitig ist der statistische Fleischverzehr pro Kopf bundesweit gestiegen: von 55,8 Kilogramm im Jahr auf zuletzt 59,7.

Dass trotz des wachsenden Fleischkonsums immer weniger Tiere aus Hessen kommen, ist laut Bauernverband der steigenden Bürokratie und dem Preisdruck geschuldet. „Unser Wunsch ist, dass den Bauern nicht zu viele Hürden aufbaut werden“, erklärt Weber und nennt als Beispiel die aktuelle Debatte um Ferkelkastration und die Frage, wie die Tiere dabei betäubt werden müssen. Sonst kämen immer mehr Tiere aus dem Ausland: Bundesweit habe sich die Zahl der hauptsächlich aus Dänemark und den Niederlanden importierten Ferkel vervielfacht.

Doch die Konkurrenz für Hessens Bauern sitzt nicht im Ausland. Denn Deutschland sei bundesweit gut versorgt, produziere mehr, als verbraucht werde, sagt Weber. Doch die Tierhaltung habe sich in Länder wie Niedersachsen verlagert, wo riesige Betriebe entstanden sind.

Von einem „Strukturwandel in der Landwirtschaft, den auch die fleischerhandwerklichen Betrieb zu spüren kriegen“, spricht Gero Jentzsch vom Deutschen Fleischer-Verband in Frankfurt. Es gebe einen Trend hin zur industriellen Landwirtschaft, der sich vor allem in Nordost-Deutschland zeige. Das hat Auswirkungen für die Metzger: „Es gibt immer weniger Fleischer in der Fläche.“ Denn wenn die Bauern weniger werden, verschwinden damit die Marktpartner für die Metzger. Noch relativ gut sei die Lage in Nordhessen. (dpa)

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