1. Startseite
  2. Rhein-Main

Was Bilder über die Flucht verraten

Erstellt:

Kommentare

kai_jls_Ukraine_2022_007_4c_3
50 Motive von sieben Menschen zeigt die Ausstellung. Die gerahmten Aufnahmen von Ilona Gapon halten Werner Giesler, Hans-Martin Thomas, Gerhilde Brüning und Peter Mayer. Schenk © Jürgen Schenk

Es sind Schnappschüsse. Erinnerungen - aufgenommen auf dem Weg aus der Heimat in der Ukraine gen Westen, um vor dem Krieg zu flüchten. Menschen, die in Karben angekommen sind, gewähren Einblicke in ihre Handyfotos. Flüchtlingshilfe und Kirchengemeinde haben eine Ausstellung organisiert. Sie ist ab dem 17. August im ev. Gemeindehaus Groß-Karben zu sehen.

Viele Bilder erscheinen auf den ersten Blick belanglos, ohne echte Aussagekraft. Doch trotz ihrer Austauschbarkeit bleiben sie oft Monate oder sogar Jahre auf dem Handy gespeichert. Das liegt an der eigenen Wahrnehmung: Durch Schnappschüsse bilden Menschen ihre Wirklichkeit ab. Bilder von Ereignissen, die irgendwo auf der Welt passieren, werden dagegen von außen herangetragen. Sie wirken monumental, erschütternd - und doch verblassen sie früher oder später.

Die Aktiven der Karbener Flüchtlingshilfe haben viele Schnappschüsse von geflüchteten Menschen aus der Ukraine gesehen. Es sind Aufnahmen, die das alltägliche Leben zeigen. Ausgebrannte Panzer, zerstörte Häuser oder getötete Zivilisten zeigen sie nicht. Die Fotos sollen nicht informieren, sondern erinnern.

"Schon im Mai kam die Idee auf, Schnappschüsse von Krieg und Flucht in einer Ausstellung zu zeigen", sagt Werner Giesler. Die Bereitschaft zum Erzählen unter den in Karben lebenden Kriegsflüchtlingen sei groß. "Zunächst wollten wir die Bilder für sich sprechen lassen. Doch jetzt haben wir entschieden, dass es auch Texte dazu geben soll."

Peter Mayer, der das Projekt ebenfalls mit Wort und Tat unterstützt, spricht von sieben Personen und 50 ausgewählten Bildern. Jede einzelne Aufnahme, jede Fotosammlung habe einen Titel bekommen. Eine noch größere Ausstellung im November sei schon geplant. "Das Projekt soll Lust am Mitmachen unter den Geflüchteten wecken und ihnen Ängste nehmen", erklärt Mayer mögliche Zukunftsperspektiven.

Ein voll besetztes Auto, spielende Kinder im Keller, winkende Eltern auf dem Bahnsteig. Giesler ist sich sicher: "Das sind Szenen, wie sie viele von uns schon einmal fotografiert haben. Im Krieg bekommen solche Motive plötzlich eine ganz andere Bedeutung."

Ilona Gapon wird demnächst sechs Bilder in Groß-Karben ausstellen. Sie ist eine weltoffene und vielseitig interessierte Frau. Nach der Ausbildung zur Krankenschwester hat die 22-Jährige an der Universität von Charkiw ein Pharmazie-Studium begonnen. Nebenbei arbeitet sie in ihrer Heimat als Masseurin und stellt mit ihrer Mutter zusammen eigenen Käse her. "Ein ganz normales Leben, ein Leben voller Hoffnungen", kann man in ihrem selbst geschriebenen Text nachlesen. Doch dann kam der russische Angriff. Der 24. Februar, der Start von Putins "militärischer Spezialoperation", habe ihr Leben mit einem Mal radikal verändert, schreibt Gapon. Vor allem das Gefühl von Stabilität sei verloren gegangen. Drei Wochen blieb sie noch in ihrer Heimat. Am 17. März flüchtete Ilona Gapon auf Drängen ihrer Eltern gen Westen. Mit einem Evakuierungszug fuhr sie nach Lwiw, von dort ging es über die polnische Grenze nach Krakau und dann mit dem Flugzeug weiter nach Frankfurt.

In Karben konnte die Studentin bei einer jungen Frau unterkommen. "Sie hilft mir bei allem", erzählt Gapon. "Bei ihr habe ich das Gefühl, gebraucht zu werden und vor allem lebendig zu sein. Ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit, Deutsch lernen zu können." Irgendwann möchte sie zu ihren Verwandten in der Ukraine zurückkehren.

Um die Botschaften der Bilder zu verstehen, muss man sehr nahe an sie herangehen. Deswegen haben die Organisatoren bewusst eine kleinformatige Rahmung gewählt. So können auch unsichtbare Details sichtbar werden.

Auch interessant

Kommentare