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Am 24. Februar 2020 fuhr der damals 29 Jahre alte Fahrer in die Menschenmenge. Swen Pförtner/dpa
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Am 24. Februar 2020 fuhr der damals 29 Jahre alte Fahrer in die Menschenmenge. Swen Pförtner/dpa

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Warten auf eine ErklärungWarten auf eine Erklärung

Am Rosenmontag 2020 fährt in Volkmarsen ein Auto in eine Zuschauermenge. Der Mann am Steuer steht nun vor Gericht wegen Mordversuchs in 91 FällenAm Rosenmontag 2020 fährt in Volkmarsen ein Auto in eine Zuschauermenge. Der Mann am Steuer steht nun vor Gericht wegen Mordversuchs in 91 Fällen

Seit mehr als einem Jahr fragen viele Menschen in Volkmarsen: Warum? Warum ist ein Mann im Februar 2020 vermutlich absichtlich mit seinem Auto in eine Menschenmenge beim Rosenmontagsumzug gefahren? Wie konnte es dazu kommen, dass jemand das Leben und die Gesundheit zahlreicher Menschen derart gefährdet?

Das Landgericht Kassel hat vom kommenden Montag an (3. Mai) die Aufgabe, die Autoattacke mit Dutzenden Verletzten und das mögliche Motiv dafür aufzuklären. Mehr als 400 Personen hat die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt benannt, die als Zeug:innen infrage kommen und während des bis Mitte Dezember angesetzten Verfahrens befragt werden könnten.

Ob die Richter auch Antworten des mutmaßlichen Täters bekommen, bleibt abzuwarten – bislang hat der 30-Jährige von seinem Schweigerecht Gebrauch gemacht.

Die Menschen in der nordhessischen Stadt sind froh, dass der Prozess nun beginnt. Das sagt Christian Diste, der Vorsitzende der Volkmarser Karnevalsgesellschaft. Und sie wünschten sich durchaus, dass sich der Angeklagte äußere: „Dass er mal sagt, was in ihm vorging, dass er mal probiert zu erklären, was da in ihm passiert ist.“ Das sei ein Stück weit die Erwartungshaltung oder Hoffnung an den Prozess. „Aber ich frage mich auch selber, ob uns das am Ende weiterbringt, ob uns das tatsächlich eine Erklärung liefert.“

Die Generalstaatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten 91-fachen versuchten Mord vor, Körperverletzung in 90 Fällen sowie gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr. Der Deutsche soll am 24. Februar 2020 ein Auto bewusst und ungebremst mit Tempo 50 bis 60 ins Gedränge gefahren haben. 90 Menschen, darunter viele Kinder, erlitten teils schwere Verletzungen.

Es gibt viele weitere Opfer, Menschen, die seelische Verletzungen davongetragen haben. Die Ermittler gehen daher von insgesamt mehr als 150 Betroffenen aus.

In Volkmarsen erinnert auf den ersten Blick nichts mehr an die schrecklichen Bilder von damals. Der Frühling hat Einzug gehalten. Närrische Püppchen in einem Fenster verweisen auf die Bedeutung, die die Karnevalszeit für das Städtchen hat. Ob der Prozess bei der Aufarbeitung hilft? Ein Passant ist skeptisch: Dabei komme doch sowieso nichts raus. Nach Einschätzung des hessischen Opferbeauftragten Helmut Fünfsinn bedeutet ein Prozess für die Opfer eine durchaus ambivalente Situation. „Grundsätzlich ist so ein Prozess wichtig, auch um die Dinge noch einmal zu verarbeiten, und vor allem, um dann eine Person zur Verantwortung zu ziehen“, sagt er.

Auf der anderen Seite müsse man bedenken, dass ein Verfahren noch einmal aufwühle, „weil ja die Erinnerungen an die Situation, der man entkommen ist, zurückkommen“. Besonders schwer sei es für jene, die vor Gericht geladen seien und aussagen müssten. Aber ein Prozess biete auch „den positiven Aspekt, die Dinge hinter sich zu lassen und sich dann neu zu orientieren“.

Die Corona-Krise mit den fehlenden Begegnungsmöglichkeiten erschwerte in den vergangenen Monaten die Aufarbeitung des Geschehens. Zum Jahrestag hielt Volkmarsen einen ökumenischen Gedenkgottesdienst ab, doch es konnten nur wenige Gäste in die Kirche kommen. Der Gottesdienst wurde daher live im Internet gezeigt.

„Viele Kontakte sind nicht persönlich möglich, sondern nur per Videokonferenz oder Telefonaten und das beeinträchtigt natürlich die Aufarbeitung“, berichtet Fünfsinn von seiner Arbeit mit den Betroffenen. Die Pandemie erschwere auch die Betreuung der Opfer und Zeug:innen vor dem Prozess: „Normalerweise, ohne Corona, hätten wir uns vor dem Prozess mit all denjenigen persönlich getroffen, die das gewollt hätten, und hätten zumindest abstrakt erklärt, wie ein solcher Prozess abläuft – um eine Stütze zu sein. Das geht jetzt leider nicht vor Ort.“

Beistand gebe es aber dennoch, versichert Fünfsinn: durch die Beratungsstelle „Kasseler Hilfe“, die etwa Zeug:innen unterstützt in der für sie neuen Situation, vor Gericht aussagen zu müssen. Die Nachfrage sei da. Die Menschen wollten wissen, was jetzt vor Gericht passiere. Carolin Eckenfels, dpa

Die Pandemie erschwert

die Betreuung der Opfer

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