+
Sabine Holicki führt die Gruppe mit Karte und GPS-Tracker durchs Gelände.

Netwalking Rhein-Main

Akquise-Marsch

iNetwalken verbindet schöne Unternehmungen mit dem Nützlichen. Unsere Autorin Mia Beck hat ihre Wanderschuhe geschnürt, um auf einem Ausflug mit Unbekannten neue, geschäftliche Kontakte zu knüpfen.

Von Mia Beck

Windig ist es, schwere dunkle Wolken hängen über unseren Köpfen. Vor uns liegt das Fürstenlager, ein idyllischer Landschaftspark mit exotischen Bäumen und historischen Gebäuden, erbaut gegen Ende des 18. Jahrhunderts als Sommerresidenz von Landgraf Ludwig X. von Hessen-Darmstadt. An diesem wunderschönen Fleckchen, so stellen wir uns vor, mochte man sich vor 100 oder 200 Jahren in zwangloser Atmosphäre treffen – tanzen, jagen, musizieren und bei einem Glas Wein das Geschäftliche besprechen.

#infobox

„Akquise macht wahrscheinlich keiner gerne“ sagt eine dunkelhaarige Frau. Doch aus ebendiesem Grund schnürte sie an diesem Sonntagmorgen wie ihre Begleiter die Wanderschuhe – und verbindet nun das Angenehme mit dem Nützlichen. Die Mitglieder der Gruppe Netwalking Rhein Main haben sich über das soziale Netzwerk Xing kennengelernt. Allen gemein ist die Leidenschaft fürs Wandern und der Wunsch, sich dabei beruflich zu vernetzen und fachlich auszutauschen. Unter Begriffen wie Business-Wandern, Netzwerk-Wandern oder eben Netwalking verabreden sich in Deutschland immer mehr Menschen übers Internet.

Getroffen haben sich die Teilnehmer pünktlich um 11.15 Uhr auf einem Parkplatz am Rande von Bensheim an der Bergstraße. Bevor es losgeht, nennt jeder kurz seinen Namen, Wohnort und Beruf. Sabine Holicki wohnt in Mainz, arbeitet als Kommunikationsmanagerin und ist die Moderatorin der Gruppe. Mit Martin Joppich, einem freiberuflichen Fotografen aus Frankfurt, sucht sie die Wanderrouten aus und läuft sie vorher ab, stellt Tourenbeschreibungen ins Internet, hält den Kontakt mit Gruppenmitgliedern und neuen Teilnehmern. Gewandert wird meist im Vordertaunus oder in Rheinhessen. Heute geht es durch die hügelige, waldige Landschaft des Odenwaldes. Vor dem Start beschreibt Sabine kurz die Stationen der Tour. Nicht vermerkt auf der Wanderkarte ist ein Ziel, das allein dem Nützlichen verpflichtet ist: ein Netzwerk aufzubauen, das sich irgendwann einmal auszahlt.

Neue werden schnell integriert

Die Gruppe läuft vorbei an Weinbergen und Streuobstwiesen. Etwa Dreiviertel der Leute sind selbstständig. Man sieht ihnen nicht an, ob sie Chefs sind oder gerade auf Jobsuche. Mit ihren Fleece-Pullovern, Softshell-Jacken und Rucksäcken sehen sich alle ein wenig ähnlich. Ergotherapeutin Manuela erzählt von ihrer geplanten Fortbildung. Christine, eine Managerin in der Kosmetikbranche, lobt die Atmosphäre in der Gruppe. Neue würden schnell ins Geschehen integriert und durch die wechselnde Zusammensetzung fände man immer interessante Gesprächspartner. Sven, ein IT-Fachmann, findet es aufschlussreich, mit Fremden über Geschäftliches zu sprechen. Dabei kämen oftmals völlig neue Aspekte ins Spiel.

Kurz bevor ein Schauer herunterkommt, erreichen wir das Felsenmeer. Zeit für die ersten Pausenbrote. Wir stellen uns in der Schutzhütte mit angeschlossenem Kiosk unter und schauen hinüber zu den gigantischen, mit Moos bewachsenen Steinformationen. Zwei Riesen, so die Sage, bewarfen sich hier einst aus Langeweile mit enormen Felsbrocken.

Wir laufen weiter durch dichte Wälder. Am Wegesrand leuchtet regennasser Farn. Moderatorin Sabine bildet mit ihrer Karte und dem GPS-Tracker, einem Tourenprogramm fürs iPhone, meistens die Vorhut.

Wer beruflich allein unterwegs ist, weiß das Gruppengefühl zu schätzen. „Als selbstständiger Einzelkämpfer ist Netzwerken extrem wichtig, aber auch mühsam“ sagt Klaus, Inhaber einer kleinen Beratungsagentur. „Oft stehen sich die Leute auf Networking-Veranstaltungen die Beine in den Bauch“, ist seine Erfahrung. Doch seien dort weniger Kunden zu finden als Leute, die ebenfalls nach Kunden suchten.

Beim Wandern verliebt

„Beim Laufen Kontakte zu knüpfen ist deutlich angenehmer, als auf eine langweilige Visitenkartenparty zu gehen“, darin sind sich viele Netwalker einig. Doch der Ertrag der laufenden Akquise ist überschaubar. Nur wenige aus der Gruppe haben bislang durch das Netwalking einen Auftrag erhalten. Die neuen Kontakte und die Aussicht, diese einmal nutzen zu können, sind trotzdem ein Ansporn. Das geschäftliche Anbandeln mündet sogar gelegentlich im privaten Glück: Bei Netwalking Rhein Main haben sich schon einige Pärchen gefunden.

Zeit zum Plaudern gibt es reichlich. „Weglänge ca. 18 Kilometer, Aufstiege ca. 600 Höhenmeter, Gehzeit ca. 5,5 Stunden plus Pausen“ stand in der Kurzbeschreibung im Internet. Netwalking ist nichts für Ungeübte; das Tempo ist stramm. Im Sommer sind die Touren zwischen 15 und 20 Kilometer lang, im Winter etwas kürzer.

Ein steiler Pfad führt die letzten Meter hoch zum Auerbacher Schloss. Auf dem Nordturm weht ein heftiger Wind, der endgültig alle Frisuren zerstört. Auf schmalen Serpentinen geht es zurück nach Bensheim. Jeder Netwalk endet mit einem Gaststättenbesuch, bei dem Kontakte vertieft werden können.

Dass einmal ein Thema aufkomme, auf das man so gar keine Lust hat, käme selten vor, sagt eine erfahrene Teilnehmerin. Aber falls doch, könne man ja eine Weile alleine laufen und sich auf andere Dinge konzentrieren: den Himmel, die Natur, den nächsten Schritt, in welche Richtung auch immer.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare