GUT GEBRÜLLT

Wanderfreunde

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Die Kolumne „Gut gebrüllt“.

Politik ist kein Spaziergang. Aber beim Spazierengehen lässt sich Politik machen. Besser als in stickigen Sitzungsräumen bei abgestandenem Kaffee und trockenen Keksen. So soll mancher politische Durchbruch beim Spaziergang erreicht worden sein.

Der damalige CSU-Chef Franz Josef Strauß soll bei Wanderungen in den bayerischen Bergen mit CDU-Chef Helmut Kohl darüber verhandelt haben, wer als Kanzler kandidiert. Kohl wiederum bereitete als Kanzler die deutsche Vereinigung bei Wanderungen mit dem damaligen sowjetischen Präsidenten Michael Gorbatschow im Kaukasus vor. Gorbatschow und US-Präsident Ronald Reagan sollen sich 1985 beim Spaziergang in Genf geschworen haben, ihre verfeindeten Länder gegenseitig zu verteidigen, falls Aliens aus dem Weltall angreifen würden.

Gegenseitigen Schutz gegen Aliens dürften sich auch SPD und Grüne in Hessen nach wie vor versprechen, aber viel mehr auch nicht. Im Land der ersten rot-grünen Koalition sind beide Parteien weit voneinander weggerückt, politisch, aber vor allem emotional.

Wer weiß, ob es bei einer Runde zu Fuß eine Wiederannäherung gäbe. Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Mathias Wagner wurde jedenfalls in dieser Woche im „FAZ“-Interview gefragt, mit wem er eine gemeinsame Tour unternehmen würde. Er antwortete: „Ich nehme die neue SPD-Chefin Nancy Faeser. Wir hatten bislang noch nicht die Gelegenheit, länger miteinander zu sprechen. Das kann man beim Wandern gut machen.“

An dem Tag, als das Interview erschien, traten Wagner und sein CDU-Kollege Michael Boddenberg bei einer gemeinsamen Pressekonferenz auf. Boddenberg spielte kurz scherzhaft den Beleidigten, weil Wagner ihm die Sozialdemokratin vorgezogen hatte, räumte dann aber ein, dass die Koalitionäre oft genug Gelegenheit zum Meinungsaustausch hätten. Demonstrativ hoben beide zum Lobgesang auf Schwarz-Grün an.

Die einstigen rot-grünen Koalitionspartner wirken derweil wie ein getrenntes Paar, das irgendwann nicht mehr wusste, was es einst verbunden hatte. Die Entfremdung begann 2008, als die schon ausgehandelte rot-grüne Koalition platzte, weil einige Sozialdemokraten plötzlich Bauchschmerzen wegen der Tolerierung durch die Linke bekamen. Man rückte weiter voneinander ab, als die Grünen 2014 mit der CDU koalierten und 2018 die SPD bei der Landtagswahl überflügelten. Seither sind viele Sozialdemokraten nicht gut auf die Grünen zu sprechen.

Sie finden die regierenden Grünen arrogant – zum Beispiel, wenn die schwarz-grüne Koalition Wünsche der Opposition auf Anhörungen ablehnt. Die SPD wiederum bringt die Grünen zur Weißglut, indem sie die Ökopartei gelegentlich in eine Reihe mit der AfD stellt. Beide seien auf ihre Weise populistisch, hatte Faesers Vorgänger an der Parteispitze, Thorsten Schäfer-Gümbel, gesagt. Ist das Band also zerrissen, wenn nicht bald gewandert wird? Nein, so ist es auch nicht. In den Sitzungswochen treffen sich rote und grüne Frauen morgens zum Joggen. Dann treiben zum Beispiel die grüne Wissenschaftsministerin Angela Dorn und die SPD-Gesundheitspolitikerin Daniela Sommer, die grüne Landtagsvizepräsidentin Karin Müller und die SPD-Wohnungsbauexpertin Elke Barth gemeinsam Sport. Um Politik geht’s dabei angeblich nicht.

Aber so ging es ja auch bei Kohl und Gorbatschow los. „Keiner von uns hatte Lust, über große Politik zu sprechen“, erinnerte sich der Deutsche. „Und so plauderten wir über Gott und die Welt.“ Vielleicht geht es dem Grünen Wagner und der Roten Faeser ja ähnlich.

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