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Wärme vom Dach ins Fundament

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Noch muss Karl Oskar Behnke die auf einem Mast sturmsicher montierte Anlage von Hand der Sonne hinterherdrehen, das soll aber schon bald per Elektromotor gehen. schneider (2)
Noch muss Karl Oskar Behnke die auf einem Mast sturmsicher montierte Anlage von Hand der Sonne hinterherdrehen, das soll aber schon bald per Elektromotor gehen. schneider (2) © ALEXANDER SCHNEIDER

Tüftler aus Usingen hat eigenen Energiespeicher entwickelt

Hochtaunus - Kein Thema brennt derzeit den Menschen mehr unter den Nägeln als die Energiekrise. Noch weiß niemand, was sie letzten Endes in Euro und Cent bedeuten wird. Viele, die Sorge haben, ihre Energierechnungen nicht bezahlen zu können, tragen sich bereits mit dem Gedanken, im Winter in wollene Oberbekleidung zu investieren. Der Traum vom Effizienzhaus wird geträumt, bleibt aber meistens ein Traum.

Dass es auch anders geht, weiß der Usinger Karl Oskar Behnke. Der 65-jährige Rheinländer ist gelernter Kfz-Meister, Kältetechniker und Imker. Das sind nur seine Berufe, seine Vision jedoch ist es, sich Dinge auszudenken, mit denen sich Energie nicht nur einsparen, sondern sogar über den eigenen Bedarf hinaus erzeugen und speichern lässt. Seine Orientierungspunkte fürs Tüfteln sind Energieeffizienzwerte, Null- und Plus-Energiehäuser.

Geothermie, nur andersherum

Das alles gibt es zwar schon. Dennoch hat Behnke etwas entwickelt, was, so hofft er jedenfalls, den Hausbau aus energetischer Sicht revolutionieren könnte. Geothermie ist, gemessen an Behnkes System, zwar nicht gerade der sprichwörtliche „alte Hut“, bleibt aber weit hinter den Möglichkeiten, der Erde Wärme zu entziehen, zurück. Er geht den umgekehrten Weg, holt Wärme vom Dach und speichert sie in der Erde, unter dem Haus, in dem sie verbraucht werden soll. Er widerlegt damit die populärwissenschaftliche Erkenntnis, nach der Wärme nur nach oben steigt.

Behnkes System ist klimatechnisch und physikalisch zwar hoch komplex, lässt sich aber trotzdem vom Prinzip her relativ einfach erklären: Dachpfannen speichern Sonnenwärme in erheblichem Umfang, geben die gebunkerte Wärme nach Sonnenuntergang aber ungenutzt in die Umgebungsluft wieder ab. Karl Oskar Behnke kommt dem zuvor. Über ein im Dachfirst verlegtes, mit einer Kunststoffhalbschale abgedecktes Rohrsystem sammelt er die aus dem Dach aufsteigende Wärme ein, die im Sog fein vernebelten Wassers in einem Fallrohr nach unten geführt, dort in eine normale Zisterne eingeleitet wird und das darin befindliche Wasser erwärmt. Das Wasser wirkt als Wärmetauscher und erwärmt eine Flüssigkeit, die in einem in Schleifen angeordneten, biegsamen und „unkaputtbaren“ Edelstahlwellrohr zirkuliert, ähnlich einer Fußbodenheizung. Die Rohrschleifen werden in Beton zu einer Bodenplatte vergossen, die, wenn sie nach längstens zwei Jahren vollständig ausgetrocknet ist, zum Wärmespeicher wird, dessen Energie dann über Wärmetauscher abgerufen ins Haus zurückgeholt wird.

So einfach, so kompliziert. Kommen dann noch Solarthermie, Photovoltaik und innovative Wärmepumpentechnik dazu, kann ein Haus leicht zum Niedrig-, Null- oder sogar Plus-Energiehaus werden. In einigen Fällen, auch in Usingen, ist Behnke, der unter anderem eine extrem effektive Wärmepumpe mit Ölrückführung entwickelt und zum Patent angemeldet hat, das schon gelungen. Anlass, sich zufrieden zurückzulehnen, ist ihm das nicht. Er muss ständig weiter tüfteln, und ein Rundgang durch sein von außen uneinsehbares Grundstück lässt staunen. So arbeitet er momentan daran, seine drehbar auf einem Mast montierte PV-Anlage so zu automatisieren, dass sie sich selbsttätig der Sonne hinterher dreht. Zurzeit muss er das noch von Hand machen.

Es lohne sich aber, die Stromausbeute sei bei nachgeführten PV-Systemen um ein Vielfaches höher als bei einer herkömmlich schräg auf dem Dach liegend montierten Anlage. Die Landwirtschaft ließe sich mit dieser Doppelnutzung revolutionieren, ist sich Karl Oskar Behnke sicher. Dabei hat er noch weitere Stromquellen mit gigantischem Potenzial im Auge: Pflanzen. Zwar holt man sich beim Anfassen von Blättern „keinen Schlag“, mit empfindlichen Messgeräten lassen sich aber geringe Strommengen lokalisieren. Das Problem ist nur: Wie bekommt man den Strom in die Steckdose, noch dazu wirtschaftlich? Noch weiß Behnke es auch nicht, er ist sich aber sicher, dass er dafür auch noch eine Lösung findet.

Wie ein Vorhang: die Röhren der Hausfront.
Wie ein Vorhang: die Röhren der Hausfront. © ALEXANDER SCHNEIDER

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