Energie

Wärme, die in Bad Nauheim aus dem Acker kommt

  • schließen

Stadtwerke bauen Hessens größte „Kalt Nahwärme“-Anlage. Neubaugebiet mit rund 400 Wohneinheiten wird versorgt.

Kalte Nahwärme“, das hört sich zunächst widersprüchlich an, scheint aber dennoch die Zukunft beim Heizen von Wohnräumen zu sein. In Bad Nauheim wird sie demnächst mit dem Baugebiet Süd in den kommenden Jahren beginnen – mit überörtlichem Interesse. Denn es ist das erste Projekt Kalte Nahwärme in Hessen und das größte in Deutschland, teilt die Pressestelle der Stadt auf FR-Anfrage mit. 400 Wohneinheiten sollen einmal die Wärme aus dem Boden erhalten. Das funktioniert jedoch nicht, ohne Strom zu verbrauchen. Unter dem Strich werden im Vergleich mit einer Gas befeuerten Heizung aber 750 Tonnen pro Jahr weniger Treibhausgas Kohlendioxid produziert.

Initiator und Bauherrin des Projekts sind die Stadtwerke Bad Nauheim. Rund 3,5 Millionen Euro werden investiert, möglicherweise gibt es einen Zuschuss vom Bund, sagt Projektleiter Sebastian Böck. Für die künftigen Häuslebauer auf dem 17,5 Hektar großen Bauland wird die Innovation keine Verpflichtungen bescheren. „Es gibt keinen Anschlusszwang. Und wer die Kalte Nahwärme nutzt, braucht deswegen auch kein Passivhaus zu bauen“, sagt Böck. Eine Fußbodenheizung sollte hingegen schon installiert sein.

Das Gelände, auf dem Einzel- und Reihenhäuser sowie Geschosswohnungsbau entstehen, wird nicht mit Erdgas erschlossen. Wer keine Kalte Nahwärme wünscht, muss zur autarken Energieversorgung wechseln, etwa Holzpellets oder Luftwärmepumpe. „Eine Ölheizung wird wegen der Lage in einem Quellenschutzgebiet nicht zugelassen.“

Die Ausgaben für die künftigen Kalte-Nahwärme-Abnehmer ergeben sich aus den Anschlusskosten und dem Verbrauch. Im Heizpreis ist laut Böck vom Strom für die Wärmepumpen bis hin zu Wartungs- und Notdienstkosten alles eingerechnet. Die Vertragslaufzeit liegt bei 15 bis 20 Jahren. „Mit unserem Wärmepreis sind wir absolut marktfähig“, sagt Böck. Konkrete Preisbeispiele nannte er jedoch noch nicht. Damit das Heizen mit Erdwärme auch in der Umweltbilanz bestens dasteht, laufen die Wärmepumpen ausschließlich mit Öko-Strom, heißt es.

Die Bauarbeiten zur Kalten Nahwärme auf einem rund 600 Meter vom Baugebiet entfernt liegenden Acker haben dieser Tage begonnen und werden voraussichtlich ein Jahr dauern. In zwei Etagen werden dort jeweils mehr als 11 000 Quadratmeter Flachkollektoren verlegt. Die erste Lage in drei Meter Tiefe, die zweite eineinhalb Meter darüber. 35 000 Kubikmeter Erde müssen hierfür bewegt werden. „Das Feld kann später normal landwirtschaftlich genutzt werden“, so Sebastian Böck. Die Boden-Klima-Tauscher liegen so tief in der Erde, dass sie von den Messern des Pflugs nicht beschädigt werden. Ackerland eigne sich gut für diese Heiztechnik, die unversiegelte Böden benötigt.

Die Anbindung zur künftigen Siedlung ist unkritisch. Die im Boden verlaufenden Kunststoffrohre müssen im Gegensatz zur heißen Nahwärme etwa aus einem Blockheizwerk noch nicht einmal isoliert werden, berichtet Böck. Weil keine Temperaturdifferenz zwischen der zirkulierenden Flüssigkeit und der Leitungsumgebung besteht, entsteht auch kein Wärmeverlust, lautet die Erklärung.

Die Kalte Nahwärme kann auch an heißen Sommertagen von Nutzen sein. Dann kühlt die Kühle unter dem Acker den Fußboden. Allerdings sei die Wirkung nicht mit der einer klassischen Klimaanlage zu vergleichen, sagt Böck.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare