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„Moralische Autorität“: Ilse Werder erhält von Schäfer-Gümbel die Willy-Brandt-Medaille.

Ehrung

Vorkämpferin für Gerechtigkeit

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Die Autorin und frühere FR-Redakteurin Ilse Werder wird mit der Willy-Brandt-Medaille ausgezeichnet.

Sie ist einfühlsam und wertschätzend, zugleich kritisch und kämpferisch – dafür ist Ilse Werder bekannt, genießt sie hohen Respekt. Und genau diese Eigenschaften zeigt die 93-Jährige auch am Samstag, als sie in Hanau die Willy-Brandt-Medaille, die höchsten Auszeichnung der SPD, erhält: Nach den Reden von Hessens SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel und OB Claus Kaminsky (SPD) ist die Autorin gerührt, dankt und sagt, dass sie Schäfer-Gümbels „Politikverständnis, Redlichkeit und großes Engagement für Hessen“ bewundere.

Werder spricht aber auch Missstände an, fordert etwa „mehr konsequente Schlussfolgerungen“ aus der Friedenspolitik Brandts, kritisiert, dass die SPD in Berlin Rüstungsexporte mitverantwortet. Und kündigt an, sich weiter für Frieden einzusetzen.

Die gebürtige Kasselanerin, die in ihrer Heimatstadt erlebte, was Nationalismus und Krieg anrichten, trat 1951 als eine von wenigen Frauen in die SPD ein. Werders Vorbild und Mitstreiterin war Elisabeth Selbert, eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“, die das Recht auf Gleichberechtigung durchsetzte. Schon damals kämpfte Werder für ihre wichtigsten Themen: Frauenrechte, Frieden, Kultur- und Sozialpolitik. Heute bringt sie sich im SPD Ortsverein Hanau-Mitte ein, der sich für die Ehrung starkmachte. Doch vor allem wird die aus einer Arbeiterfamilie stammende Journalistin für ihr überparteiliches Engagement ausgezeichnet: Nach dem Umzug nach Hanau steht die alleinerziehende Mutter von vier Kindern als FR-Redakteurin von 1967 bis 1987 für fundierte Recherche und Meinungsstärke, wobei sie auch die SPD nicht schont.

Gleichzeitig engagiert sich Werder vor und nach dem „Ruhestand“ gesellschaftlich: Sie treibt in Hanau – gegen massive Widerstände und Anfeindungen – Anfang der 80er die Gründung des Frauenhauses voran, baut die Verbraucherberatung, die Beratungsstelle Pro Familia sowie den Kulturverein mit auf und schafft das „Archiv Frauenleben im Main-Kinzig-Kreis“, das die Verdienste von Frauen erforscht und sichtbar macht. Kultur ist für Werder „ein Mittel zur Humanisierung der Gesellschaft“, deswegen habe sie viel Wert darauf gelegt.

Kaminsky würdigte die Hanauerin als „moralische Autorität“, die mit ihrem Lebensweg dokumentiere, dass es sich lohne zu kämpfen, und forderte sie auf: „Erhebe weiter deine Stimme.“ Zuvor hatte er eine Nachricht von Susanne Selbert, Enkelin von Elisabeth Selbert und Direktorin des Landeswohlfahrtsverbands, überbracht. Selbert schreibt Werder darin: „Du warst immer ein kritischer Geist, mit einer unerschütterlichen Grundüberzeugung.“

Schäfer-Gümbel sagte, Ilse Werder „wurde politisches Wirken nicht in die Wiege gelegt“. Sie habe ihre Haltung durch Schicksalsschläge und persönliche Erlebnisse – nicht zuletzt im Krieg – entwickelt. Besonders bewundernswert sei, dass sie sich von Rückschlägen nicht habe entmutigen oder verbittern lassen, sondern sie als Auftrag verstanden habe. Das mache ihre „besondere Glaubwürdigkeit“ und Wirkung als Vorbild aus.

Werder, die unter anderem bereits mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, freute sich auch deshalb besonders, weil „ich Willy Brandt sehr geschätzt habe“. Er habe – trotz enormem Gegenwind auch aus der eigenen Partei – entschieden für Frieden und Verständigung gekämpft. „Wir sollten ihn nicht nur als Lichtgestalt verehren“, mahnte die Geehrte. Es komme darauf an, seiner Politik zu folgen, „auch in unserem Kreis“.

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