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Vorhang auf im Schelmengraben

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Das Repair-Café ist gut besucht. Juergen Streicher (2)
Das Repair-Café ist gut besucht. Juergen Streicher (2) © Jürgen Streicher

Der Schelmengraben und mit ihm rund 6000 Menschen aus 75 Nationen, die dort wohnen, haben ein neues Stadtteilzentrum bekommen.

Das Drama spielt sich oben am Hang ab. Zu Füßen des „Roten Hochhauses“, das mal optischer Blickfang und mit der Ladenpassage dort Zentrum im Wohngebiet Schelmengraben war. Für das Stück, das Hoffnung machen soll, hat sich der goldbronzene Vorhang am Samstag geöffnet. Der Schelmengraben und mit ihm rund 6000 Menschen aus 75 Nationen, die dort wohnen, haben ein neues Stadtteilzentrum bekommen. Die in der Nachmittagssonne leuchtende Lamellenfassade des fast quadratisch praktischen Hauses auf drei Ebenen soll das neue leuchtende Herz des Quartiers symbolisieren.

Vom alten Herz spricht nur noch Ahmet Özer gern, der das Obst- und Gemüsegeschäft in der einstigen Ladenpassage betreibt und gerne weiterführen will. Auch Wiesbadens Sozialdezernent Christoph Manjura nennt sie frei heraus „heruntergekommen“. Andere wählen gerne den Begriff „verrottet“. Wie eine Kulisse für einen düsteren Film mit verbretterten und vernagelten Türen und Fenstern, nur Özers Orangen leuchten noch im Durchgang.

Zuletzt hat die Apotheke zugemacht, einst waren es nahezu 20 Geschäfte von der Apotheke bis zum Zooladen. Hier kommt keiner mehr gerne hin, bei der Eröffnung der neuen Mitte unten im Tal verspricht Manjura, dass er die Eigentümer „weiter nerven“ wolle, damit etwas passiere. Die Stadt hat da scheinbar wenig Einfluss. Der ungebremst schleichende Abstieg hat bereits vor zehn Jahren begonnen.

Seit 2012 läuft auch das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadtplus“ im Schelmengraben. „Es ist der Stadtteil mit der höchsten sozialen Bedarfslage in Wiesbaden.“ Das ist die offizielle Lesart, hier gibt es viel zu tun für das Amt für soziale Arbeit, heißt das mit anderen Worten. Und für die Bau-Haus Werkstätten Wiesbaden, die im Auftrag der Stadt Quartiersarbeit leisten. Alexandra Ahr etwa, sie leitet den Bereich Maßnahmenmanagement im Stadtteil- und Jobbüro, das noch „da oben“ ausharren muss.

Ein eigentlich unhaltbarer Zustand, denn auch diejenigen, die vom „niederschwelligen Angebot“ mit Hilfe bei Bewerbung, Job- und Stellensuche etwa profitieren sollen, kommen nicht mehr. „Wir brauchen eine neue Perspektive, müssen gemeinsam eine Lösung finden“, sagt Alexandra Ahr. Warum das Stadtteilbüro im neuen Zentrum keinen Platz gefunden hat, erklärt bei der Eröffnung niemand. Beim gleichzeitigen Stadtteilfest sollten die kulturelle Vielfalt und die Lebensfreude des Quartiers im Mittelpunkt stehen, mit Musik und Tanz, internationalem Buffet und allem, was so dazugehört. Draußen auf dem noch nicht fertiggestellten Freigelände, vor dem goldbronzenen Vorhang. Dahinter ist alles neu, knapp über zehn Millionen Euro hat die Stadt mit finanzieller Unterstützung von Bund und Land in das neue Herzstück investiert, mit Saal und Bühne für Veranstaltungen mit bis zu 200 Leuten, mit kleiner Sporthalle mit Kletterwand, die von den Jugendlichen sofort in Beschlag genommen wurde, mit Jugendcafé, Kulturraum und „Repair-Café“, zusammen ungefähr 2400 Quadratmeter Nutzfläche.

Ist was passiert in den zehn Jahren „Soziale Stadtplus“? „Oh ja, es ist vor allem viel mit den Bewohnern verwirklicht worden“, sagt Alexandra Ahr mit Blick auf die bestimmt 500 Festgäste schon am Nachmittag. Neue Spielplätze nach gemeinsam entwickeltem Konzept, Bürgertreff, der „einmalige Quartiersrat“, die Idee des Stadtteilfestes, dessen Geschichte oben am „Roten Hochhaus“ begonnen hat. Ihr Fazit klingt gut: „Der Schelmengraben ist viel besser als sein Ruf.“ Nur eben da oben am markanten Hochhaus bestehe dringender Handlungsbedarf.

Auf dem Außengelände des neuen Stadtteilzentrums wird gefeiert.
Auf dem Außengelände des neuen Stadtteilzentrums wird gefeiert. © Jürgen Streicher

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