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Von Holzbein zu High-Tech

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Für eine Unterschenkelprothese muss der Patient zunächst genau vermessen und sein Schwerpunkt bestimmt werden. FOTOS: Friedrich
Für eine Unterschenkelprothese muss der Patient zunächst genau vermessen und sein Schwerpunkt bestimmt werden. © INKA FRIEDRICH

Orthopädietechnik der Saalburgschule erhält neue Ausstattung

Hochtaunus - Früher einmal nannte man sie „Krüppelschmiede“ - die Orthopädietechniker, die nach dem Krieg den Invaliden Krücken oder Holzbeine erstellten, damit sich die Versehrten zumindest fortbewegen konnten. Doch die Zeiten von Hooks Hakenarm sind lange vorbei: Inzwischen wurden Feile und Schraubstock durch hochtechnisierte Vermessungsstationen, digitale Scans und durch einen Haufen in Karbon und Plastik gebettete Elektronik sowie futuristische High-Tech abgelöst.

Um dieser beruflichen Fortentwicklung Rechnung zu tragen, hat der Hochtaunuskreis 600 000 Euro in die Hand genommen und den Fachbereich Orthopädietechnik an der Saalburgschule mit neuen Gerätschaften ausgestattet, die nun eine zeitgemäße Schulung ihrer Auszubildenden ermöglichen. Und eine moderne Ausstattung ist auch bitter nötig, denn die Usinger Schule ist der einzige Ausbildungsstandort in ganz Hessen, wo künftige Orthopädietechnik-Mechaniker im Rahmen des dualen Ausbildungssystems umfangreiche Erfahrung an modernsten Geräten sammeln können. Landrat Ulrich Krebs (CDU) besuchte am Mittwoch selbst die Usinger Schule, um sich die Neuausstattung anzusehen.

Hochtechnisiert und digitalisiert

Zu den neuen Gerätschaften gehören unter anderem ein Infrarot- und Thermo-Umlaufofen, in dem Kunststoffe und Karbone gehärtet werden sowie hochmoderne und höhenverstellbare Trichterfräsen, mittels derer Prothesen glattgeschliffen werden können. Eine Arbeit, die früher gebückt ausgeführt wurde. Die neuen Geräte sind deutlich rückenfreundlicher, da sie an die Größe des Technikers angepasst werden können.

Auch wenn die Auszubildenden noch von der Pike auf lernen, wie man Modelle per Gipsabdruck anfertigt, sind derartige Modellagen weitestgehend passé. Mittels eines Scanners werden heutzutage dreidimensionale Abbilder von Armen und Beinen des Patienten erstellt, mittels eines 3D-Druckers ausgedruckt und somit Pro- sowie Orthesen (äußerliche Schienen zur Unterstützung von Gelenken oder Gliedmaßen) passgenau angefertigt.

Da die neuen Lerninhalte mit der alten, nicht zeitgemäßen Werksausstattung nicht mehr zu gewährleisten gewesen seien, sei eine Verbesserung der Gerätschaften unumgänglich gewesen, sagt Sascha Bastian, Fachbereichsleiter Schule und Betreuung im Hochtaunuskreis. Denn explizit in den Orthopädieberufen haben sich die technischen Entwicklungen in den vergangenen Jahren geradezu überschlagen, und Science Fiction wurde Realität: Mittlerweile können Armprothesen per Gedankenkraft bewegt werden, und Beinprothesen reagieren flexibel darauf, ob der Patient gerade eine Treppe steigt, über ein Hindernis stolpert oder ganz normal läuft.

Niederschwelliger Einstieg

Doch die bislang in der Saalburgschule vorhandenen Gerätschaften und Werkbänke entstammten zum Teil immer noch dem Jahr 1987 - dem Jahr, seit dem die Schule Ausbildungsstandort für Orthopädie- und Chirurgiemechaniker sowie Bandagisten wurde. Seit 1990 werden übrigens alle Auszubildenden des Orthopädischen Handwerks in Hessen zentral in Usingen unterrichtet. Aus diesem Grund sei der Schulstandort Usingen auch voll ausgelastet, erklärt Schulleiterin Heike Weber.

Momentan sind es 30 Azubis, die den interessanten Beruf ergreifen wollen. „Orthopädietechnik ist unfassbar facettenreich“, erklärt deren Lehrer Oliver Tepper. Denn seine Schüler lernen quasi von jeder Handwerkskunst etwas. „In dem Beruf lernt man Leder zu bearbeiten, zu schmieden oder mit Holz zu arbeiten.“ Zudem seien viele Auszubildende weiblich. „Dieser Berufszweig bietet einen sehr niedrigschwelligen und vielseitigen Einstieg in das Handwerk, also sehr attraktiv für Frauen“, so der Fachlehrer.

Er und sein Kollege, Fachlehrer Horst Lohrey, teilen, wenn es an die Praxis geht, die Klasse in zwei Gruppen auf - so dass jeder sich an den Maschinen auch in der Praxis üben kann, was jetzt natürlich noch besser geht. Und den Schülern macht die Vielseitigkeit des Berufs Spaß wegen der Möglichkeiten, die er bietet. Wie etwa dem Auszubildenden Hiskam Aboallabn, der als syrischer Flüchtling hierherkam, nachdem er durch eine Mine beide Unterschenkel verlor und nun selbst diesen Beruf ergreifen möchte, um anderen zu helfen.

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