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Ein Taubenschwänzchen fliegt eine Petunienblüte an, um mit dem Saugrüssel Nektar zu sammeln.

Klimawandel

Wenn der Hausrotschwanz bleibt

Der Klimawandel hat Frankfurts Flora und Fauna bereits verändert - und wird es weiter tun. In 50 Jahren könnten heimische Baumarten aus dem Stadtbild verschwunden sein. Von Lia Venn

Von Lia Venn

Was war denn das? Oder wer? Insekt? Kleiner Vogel? Irre. Gedanken in Frankfurter Gärten, auf Balkonen, wenn das an den Kolibri erinnende Taubenschwänzchen auf der Suche nach Nektar seinen langen Saugrüssel in den Lavendel taucht. Tatsächlich ist es ein Schmetterling und im Süden zu Hause, seit einigen Jahren fühlt sich Macroglossum stellatarum aber auch im Norden wohl. Weil es hier wärmer geworden ist - das begünstigt die Fortpflanzung des Neubürgers. Zeigt das Taubenschwänzchen Folgen des Klimawandels?

Da hüpft ein Zilpzalp

"Wenn ich hier aus dem Fenster ins Grüne gucke, sehe ich einen Zilpzalp rumhüpfen", sagt Martin Hormann von der Staatlichen Vogelschutzwarte Hessen an der Steinauer Straße. "Ein kluger Zilpzalp sollte aber längst in Afrika sein." Für Hormann ist der Zilpzalp ein Hinweis darauf, dass es in Frankfurt inzwischen auch im Dezember mild genug für die Insektenfresser ist, dass sie genug kleine Tiere wie Spinnen als Futter finden. "Oder die Mönchsgrasmücke, hab´ ich auch schon gesehen, ein typischer Langstreckenzieher, der im Winter wegen seiner Nahrungsökologie gen Süden fliegt - oder flog." Mönchsgrasmücke, Zilpzalp, Hausrotschwanz - inzwischen finden diese Vögel, wie das Taubenschwänzchen bei den Insekten, im Winter in Frankfurt genug Futter.

"Sehr späte Frostperioden wie im vergangenen Winter werden solchen experimentierfreudigen Vögeln allerdings zum Verhängnis. Aber: Verläuft der Winter mild, sind diese Vögel Gewinner." Sie könnten in Abwesenheit der Konkurrenten ihr Revier festigen - und wären ohne den Langstreckenflug im Frühling auch fitter. "Oder nehmen Sie die Kraniche. Früher war der Hauptzug Mitte Oktober, heute sehen Sie sie erst im November über die Stadt ziehen." Für Hormann wird es durch den Klimawandel bei den Vögeln Gewinner und Verlierer geben. "Zum Beispiel der Rotmilan, der im montanen Klima lebt, der wird leiden."

Taubenschwänzchen, Mönchsgrasmücke, Zilpzalp - flatternde Hinweise auf den Wandel? "Der Klimawandel betrifft die Vögel, das ist vollkommen klar, es fehlt zu unseren Beobachtungen aber noch die wissenschaftliche Untermauerung", sagt Hormann.

So sieht es auch der Stadtökologe und Goethe-Uni-Professor Rüdiger Wittig mit Blick auf Frankfurts Flora. "Es gibt eine Menge Hinweise, dass wärmeliebende Pflanzenarten zunehmen, wie die Esskastanie oder der Kirschlorbeer, aber noch keine Beweise." Sei aber die Erwärmung der Grund, werde sich am botanischen Bild der Stadt einiges ändern. "Fast die gesamten einheimischen Baumarten hätten bei heißeren Sommern ohne Regen keine Chance mehr."

Ein Goethe-Uni-Forschungsprojekt um Wolfgang Brüggemann prüft im "Wald der Zukunft", ob etwa Eichenarten aus dem Mittelmeerraum hier als Waldbäume tauglich sind. "Die Veränderungen kommen aber in der Stadt schneller als im Umland, in 50 Jahren könnten heimische Baumarten aus dem Stadtbild verschwunden sein", sagt Wittig. Und? Kann der Klimagipfel in Kopenhagen etwas ändern? "Der CO2 -Austoß muss verringert werden, dann ja. Ich bin nicht skeptisch, dass man etwas machen könnte, ich bin skeptisch, ob sie das Richtige tun."

Ornithologe Hormann sagt trotz Taubenschwänzchen im Norden und Zilpzalp im Winter: "Ich bin Optimist. Auch beim Klimawandel. Ich lebe immer in der Hoffnung, dass es besser wird." Er wünsche sich als Ergebnis des Gipfels, "dass die Menschen klug genug sind, nicht wegen kurzfristiger Gewinne alles zugrunde zu richten und dass sie vor allem dafür sorgen, dass die Tropenwälder, die das CO2 ja binden, nicht weiter abgeholzt werden".

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