+
Spazierengehen ist etwas für jedes Wetter und jede Umgebung.

Raus vor die Tür

Die Kunst des Spazierengehens

  • schließen

Ein Spaziergang ist zu jeder Zeit und an jedem Ort drin. Selbst Aprilwetter zählt da nicht als Ausrede. Wer seine Schritte dem Zufall überlässt, kann vielerlei entdecken – und er braucht, um loszuziehen, fast gar nichts.

Es ist allerhöchste Zeit für einen Frühlingsspaziergang. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, die Eisverkäufer sind aus dem Winterschlaf erwacht. Aber wissen Sie was? All das braucht es gar nicht. Wahre Spaziergänger spazieren auch ohne Sonne und Vögel und Eis. Lassen Sie sich das gesagt sein, von jemandem der nicht im Dauer-Hochdruckgebiet des Rhein-Main-Gebiets aufgewachsen ist.

Mit fünf Jahren nach Hamburg verpflanzt, machte ich meine prägendsten Spazier-Erfahrungen in einer Stadt, die von Zugereisten gerne als Hort des schlechten Wetters diffamiert wird. Aber auf unser Schietwetter lassen wir nichts kommen, und ob aus Trotz oder höherer Erkenntnis, wir spazieren trotzdem und gerade drum. Je steifer die Brise, desto Spaziergang. Also lassen Sie sich in den nächsten Wochen nicht von möglicherweise auch im Rhein-Main-Gebiet wechselnden April-Wetterlagen aus dem Trott bringen. Kapuzen kann man problemlos hoch- und runterklappen, bei dicken wie dünnen Jacken. Wetter zählt nicht als Ausrede. Hunde-Besitzer wissen, wovon ich rede.

Gelegenheits-Sonnenspaziergänger packen gerne Picknickdecken, einen Schirm für alle Fälle, Sonnencreme, Multifunktionsbekleidung, Wanderkarten oder Nordic-Walking-Stöcke ein. Alles Schnickschnack. Schirme sind nur zweckdienlich für Frisch-Verliebte, die gerne Schlösser an den Eisernen Steg ketten und sich beim ersten Regentropfen unterm Stoffdach verlustieren.

Notgroschen reicht

Befreien Sie sich von unnötigem Ballast. Es reicht, wenn Sie einen Notgroschen zum Stillen plötzlicher kulinarischer Gelüste in der Tasche parat halten, einen Stift und Papier zum Festhalten kurioser Frischlufteinfälle und jahreszeitlich bedingt vielleicht einige Schoko-Ostereier, die Sie mitspazierenden Kindern unauffällig vor die Füße kullern lassen können.

Merke: Sie wollen nicht wandern. Nicht joggen. Nicht walken. Das schöne am Spazieren ist seine Ziellosigkeit und sein liebreizender Mangel an sportlichem Ehrgeiz. Keine eitlen Muskelspiele, kein lästiger Schweiß, kein Trainingsplan-Pulsuhr-Spezialschuh-Gedöns.

Es gilt nur kühlen Kopf und warme Füße zu bewahren. Der Spaziergang ist gelebte Nonchalance per pedes, ja, gewissermaßen der Intellektuelle unter den Fußbewegten. Der Spazierende kann ungestört denken. Er kann es auch lassen und „Nicht-auf-die-Ritzen-im-Gehweg-Treten“ spielen. Und er kann sich mit Mit-Spazierenden über die wesentlichen Dinge des Lebens unterhalten („Guck mal die ganzen Möwen, eben war da doch erst eine. Woher die wohl immer wissen, dass da jemand Brot reinwirft.“ – „Na, hörst du doch, die sagen Bescheid.“ – „Nee, glaub ich nicht. Die wollen doch alles für sich haben, warum sollten die dann den anderen Bescheid sagen.“ – „Meins, meins, meins!“).

An jeder Kreuzung neu entscheiden

Lassen Sie sich keine Routen vorschreiben, gehen Sie, wohin Sie wollen. Der Zufall formt die schönsten Spaziergänge. Nie hätte ich von den nächtlichen Kaninchen-Treffs in der Friedberger Anlage Frankfurts erfahren oder von den wunderlichen Steinskulpturen am Biebricher Rhein-Ufer in Wiesbaden, wenn ich nicht irgendwann einfach losgelaufen wäre.

Wenn ich nicht meine halbe Jugend hindurch mit meiner Großmutter wöchentlich spazieren gegangen wäre, wüsste ich heute sehr viel weniger über meine Familiengeschichte. Und hätte ich im Urlaub immer nur in den Reiseführer geschaut, wären die schönsten Graffiti und Street- Art-Poster in den Nebenstraßen von Granada, Paris oder Berlin ungesehen an mir vorbeigezogen.

Ob Stadt oder Land, entscheiden Sie selbst. Entdecken Sie Neues auf eingetrampelten Pfaden oder steigen Sie in die Bahn und irgendwo wieder aus, wo Sie noch nie waren. Biegen Sie in Straßen ein, in die Sie immer schon einmal einbiegen wollten. Entscheiden Sie an jeder Kreuzung neu. Schauen Sie in Hinterhöfe, Schaufenster oder in den Himmel, über Brückengeländer, hinter Hecken, durch Löcher im Bauzaun. Singen Sie, wenn Ihnen danach ist.

Spazieren können Sie alleine, mit Hund oder Großfamilie, nach dem Essen, zur Arbeit oder nix wie weg von dort. Ort und Uhrzeit sind alleine von ihrem Terminkalender und persönlichen Risikoempfinden abhängig. Vielleicht haben Sie wenig Zeit oder Angst im Dunkeln. Macht nichts, die Tage werden wieder länger. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, die Eisverkäufer sind aus dem Winterschlaf erwacht. Treten Sie vor die Tür und laufen Sie los.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare