1. Startseite
  2. Rhein-Main

„Viele hier können nicht mehr“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Claus-Jürgen Göpfert

Kommentare

Die  Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber beim Spaziergang an der Christuskirche.
Die Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber beim Spaziergang an der Christuskirche. © christoph boeckheler*

In Frankfurt, der Banken- und Dienstleistungsgroßstadt, ist die Beschleunigung des Lebens besonders zu spüren, sagt Marianne Leuzinger-Bohleber. Zugleich ist die Stadt der Ort, an dem viele Opfer von Krieg und Terror stranden. Die Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts setzt sich für Traumatisierte und Flüchtlinge ein.

Die Luft um die Christuskirche dampft geradezu von Feuchtigkeit. Aufgeweichter, schwarzer Boden. Überall kleine Äste, die es von den alten, großkronigen Bäumen gefetzt hat. Gerade ist über dem Westend wieder einer der heftigen Regengüsse dieses tropischen Sommers niedergegangen. Marianne Leuzinger-Bohleber atmet tief durch. Sie nimmt sich Zeit für dieses Gespräch in einem vollgepfropften Terminkalender. Von hier geht es weiter in eine Klinik, zu einer Patientin. Die geschäftsführende Direktorin des weltberühmten Sigmund-Freud-Institutes arbeitet noch immer auch in der Praxis. „Ich brauche das“, sagt die 66-jährige. Die Psychoanalytikerin will nicht den Kontakt zum gesellschaftlichen Alltag mit seinen drängenden Problemen verlieren.

Gegenüber, aus dem Portal des Instituts am Beethovenplatz, drängen lachend Mitarbeiterinnen nach außen. „Ich bin einfach froh über diese klugen jungen Frauen, die bei uns arbeiten“, sagt die Wissenschaftlerin. Zeige sich doch so, dass sich Psychotherapie heute behaupte, auch gegen den Zeitgeist. Sie hat mehrere „Zeitgeist-Wellen“ erlebt, die erste in den Jahren nach der 68er-Revolte, als die Psychoanalyse einen schweren Stand hatte. Sehr kritisch beäugt wurde.

Heute ist sie notwendiger denn je. In den Zeiten der „extremen Beschleunigung“ des Lebens, so die Analytikerin. Wie sie gerade in Frankfurt, der Banken- und Dienstleistungsgroßstadt, besonders spürbar werde. Mit Folgen für die Menschen. „Viele hier können nicht mehr“, sagt die Wissenschaftlerin. Die Menschen gerieten in eine Depression, „eine Krankheit der Entschleunigung“. Die Depressionen nähmen immer mehr zu. Leuzinger-Bohleber zitiert die Weltgesundheitsorganisation WHO, die sie als „zweitgrößte Volkskrankheit“ nenne, nach den Herz- und Kreislauferkrankungen.

„Emotionale Frühverwahrlosung“

Und dann sind da die vielen Traumata, mit denen es die 160 Fachleute des Institutes zu tun bekommen. „Es gibt eine fast tragische Kontinuität dieses Themas“, sagt die Analytikerin beim Gang um die Christuskirche unter den großen alten Bäumen, von denen die Nässe tropft. Nach dem Zweiten Weltkrieg, nach Gründung des Instituts 1959, habe man Opfer des Krieges betreut, hätten sich gerade jüdische Kolleginnen und Kollegen dabei große Verdienste erworben.

„Für mich persönlich erwächst da eine Verpflichtung“, sagt die Direktorin. Und so legen sie und ihr Team heute großes Gewicht auf die Hilfe für die vielen Flüchtlinge und Migranten, die als Opfer von Krieg und Terror in Frankfurt stranden. In langer, geduldiger Arbeit haben sie Kontakt zu etwa 150 Familien in Frankfurt aufgebaut, Menschen erreicht, die zuvor „völlig isoliert in einer Depression gelebt“ haben. Die jüngste Welle, mit der die Wissenschaftler es zu tun bekommen, sind Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland Syrien. „Körper und Seele vergessen ja nicht.“

Und natürlich denkt die Psychoanalytikerin intensiv über die muslimischen Jugendlichen nach, die mitten aus Frankfurt heraus in den Krieg nach Syrien ziehen. Sie sieht Versäumnisse ihres Berufsstandes: „Die Psychoanalyse hat die Rolle der Religion lange unterschätzt.“ Aus ihrer Sicht kommen bei den tragischen Terror-Karrieren mehrere Faktoren zusammen. „Es sind Jugendliche auf der Sinnsuche.“ Und bei ihnen liege eine „emotionale Frühverwahrlosung“ vor. Es sei diesen jungen Menschen in ihren frühen Jahren „nicht gelungen, konfliktfähig zu werden.“

Leuzinger-Bohleber spricht leise, aber sehr bestimmt, wirkt elegant in ihrer schwarzen Lederhose und der roten Jacke. Ihr Schweizer Dialekt ist herauszuhören und sie wirft sich selbst vor, „dass ich so schlecht Deutsch spreche.“ Wo sie doch seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, seit 1988 an der Gesamthochschule Kassel lehrt, seit 2002 das Freud-Institut führt. Trotz allem: Deutsch bleibt für sie „eine fremde Sprache.“

Wir erreichen das Büro der Direktorin im fünften Stock, das von bemerkenswerter Schlichtheit ist. Eine Liege natürlich für die Patienten, eine Rollkoffer für die vielen Kurzreisen, die sie unternehmen muss. Ein Rosenstrauch in der Vase auf dem Schreibtisch. Und viele Fotografien der winterlichen Schweiz. Dort, in einem kleinen Dorf im Kanton Glarus im östlichen Landesteil, ist sie geboren und aufgewachsen.

 Und wollte doch damals nur ausbrechen, wollte weg. Ihr Vater, ein Beamter, gehörte zum Unterstützerkreis des Theologen Dietrich Bonhoeffer, der gegen die nationalsozialistische Terrorherrschaft gekämpft hatte und noch im April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet worden war. Marianne verließ ihr Dorf früh: „Ich war die erste, die Abitur machte.“ Im Alter von 17 Jahren ging sie in die USA, gegen den Widerstand ihrer Eltern: „Ich musste kämpfen.“

Als sie in die Schweiz zurückkehrte und an der Universität Zürich Medizin studierte und klinische Psychologie, wurde sie Teil des Studierendenprotests. 1971 besetzten sie die Aula und begannen die Uni-Bibliothek auszuräumen: „Wir wollten die Bücher zum Volk bringen!“

Es war die Zeit, in der viele Biografien auf der Kippe standen. Sollte man die Grenze vom friedlichen Protest zum bewaffneten Untergrund überschreiten?

Die Studentin gehörte einer linken Basisgruppe an. Zwei ihrer Kommilitonen entschieden sich: Sie gingen zur Rote Armee Fraktion (RAF) nach Deutschland. Was die Therapeutin erlebt hat, zeigt Parallelen zum jüngsten autobiografischen Roman der Berliner Schriftstellerin Ulrike Edschmid („Das Verschwinden des Philip S.“), deren Schweizer Freund sich damals der „Bewegung 2. Juni“ angeschlossen hatte.

Heute „viel sensibler gegenüber diktatorischen Systemen“

 Leuzinger entschied sich anders. Sie schloss ihr Studium ab. Heute schämt sie sich, damals „so unkritisch gewesen zu sein.“ Man schwärmte von Mao Tse Tung, las seine Schriften („Wir haben Mao absolut idealisiert“) und wusste doch absolut nichts über die wirklichen Lebensverhältnisse der Volksrepublik China, einer Diktatur. Heute, so hält sich die Therapeutin zugute, sei sie „viel sensibler gegenüber diktatorischen Systemen.“

Das Gebäude am Beethovenplatz, in dem wir sitzen, ist nur das Interims-Quartier des Sigmund-Freud-Institutes. Das angestammte Domizil an der Myliusstraße wird noch immer ausgebaut und erneuert – die Umgestaltung verzögert sich und wird teurer. Statt der ursprünglich veranschlagten 5,1 Millionen Euro ist man jetzt bei 5,6 Millionen Euro angekommen. Aus der erhofften Wiedereröffnung des neuen „Zentrums für Psychoanalyse“ noch 2014 wird nichts mehr.

Leuzinger-Bohleber seufzt. Das Freud-Institut ist eine Stiftung des öffentlichen Rechts, getragen durch das Land Hessen.

Und das Verhältnis der CDU-Landesregierungen mit dem damaligen Ministerpräsidenten Roland Koch an der Spitze zu den kritischen Psychoanalytikern in Frankfurt war mehr als angespannt. Der seinerzeitige Minister für Wissenschaft und Kunst, der Frankfurter Udo Corts, „wurde geschickt, um das Institut abzuwickeln“, erinnert sich die Direktorin.

Doch es kam alles ganz anders. Der CDU-Politiker Corts entwickelte sich zu einem entschiedenen Unterstützer: „Er hat ganz wesentlich zur Rettung des Institutes beigetragen.“ Freilich: Der Betrieb der traditionsreichen Einrichtung wird heute nicht mehr voll vom Land Hessen subventioniert. Die Direktorin braucht Unterstützer, benötigt zusätzliche Einnahmen.

Und Leuzinger-Bohleber entwickelt Geschick darin, für die Wissenschaftler in Frankfurt immer neue Forschungsanträge an Land zu ziehen. Projekte der Europäischen Union beispielsweise oder Kooperationen mit einzelnen Bundesländern wie etwa Nordrhein-Westfalen. So begleiten die Frankfurter Experten etwa Frauen in einer besonderen Stresssituation: Frauen, die vor der schwierigen Entscheidung stehen, ob sie ein Kind abtreiben sollen, das mit Behinderungen zur Welt kommen wird.

Heute steht die Existenz des Sigmund-Freud-Institutes nicht mehr in Frage. Die Direktorin schaut optimistisch in die Zukunft. Doch sie macht sich nichts vor: Es kann wieder anders werden. Auf dem Fensterbrett ihres Büros hat sie fein säuberlich die Matrjoschkas aufgebaut, die russischen Puppen in der Puppe, von der größten bis zur kleinsten. Ein Symbol für die Stärke der Frauen.

Marianne Leuzinger-Bohleber hat seinerzeit an der Universität Zürich auch deutsche Literatur studiert. Bis heute ist ihr diese Liebe erhalten geblieben. Als Marcel Beyer 2013 Stadtschreiber von Bergen-Enkheim wurde, sprach die Wissenschaftlerin im Festzelt über die Gemeinsamkeiten von Schriftstellern und Psychoanalytikern.

Und sie sagte: „Der Kampf um die Erinnerung ist ein Kampf um die Zukunft, gesellschaftlich, institutionell und individuell.“ Leuzinger-Bohleber wird weiter kämpfen.

Auch interessant

Kommentare