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Interview

Psychisch Kranke in Hessen: Manfred Desch meint, „viele Fixierungen könnten verhindert werden“

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Manfred Desch, Vorsitzende des hessischen Landesverbands der Angehörigen psychisch Kranker, kritisiert die zu häufig angewandten Zwangsmaßnahmen und zeigt Dinge auf, die ein Verbesserung für die Patienten wären.

Herr Desch, was macht der Verband für Angehörige von psychisch Kranken?
Wir setzen uns für die benachteiligte Gruppe von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen ein und legen unsere Finger in bestimmte Wunden. Wir sind einflussreiche Gesprächspartner bei der Entwicklung von Gesetzen, wie das Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz, welches 2017 in Kraft trat. Im Herbst dieses Jahres wird an einer Weiterentwicklung gearbeitet, wozu schon die Einladung des Ministeriums vorliegt. Einzelpersonen oder kleine Gruppen finden trotz berechtigter Forderungen kein öffentliches Gehör, die Organisation ist gefragt.

Was macht die Zielgruppe der Angehörigen so besonders?
Psychosen sind oft zutiefst menschliche Reaktionen und Ausdruck tiefer existenzielle Krisen und Verunsicherungen. Familiäre Begleitung von Angehörigen in schwerer psychischer Krise stellt eine besondere Herausforderung dar. Stellen Sie sich vor, Ihre Partnerin beginnt, sich nicht mehr konzentrieren zu können. Zunehmend zieht sie sich zurück, berichtet von fremden Wesen um sie herum. Sie wird von panischen Ängsten geschüttelt, die Stimmung wechselt ununterbrochen zwischen Extremen. Schließlich verliert sie jede Ausdauer, isst kaum noch und lehnt dabei jegliches Hilfsangebot strikt ab. Angehörige ängstigen sich als Begleiter dieser Zustände zutiefst und leiden selbst unter Verunsicherungen.

Wie können Angehörige sich und den Patienten helfen?
Familienmitglieder sind von den schweren Krisen ihrer Angehörigen selbst schwerstens mit betroffen. Sie leiden, resignieren, verzweifeln. Sie bräuchten aktive Einbindung in Therapieziele, was aber weitgehend fehlt. Die psychiatrische Klinik des Frankfurter Uniklinikums bietet seit vielen Jahren Angehörigen-Edukation an, die hilfreich ist, landesweit aber kaum verbreitet ist. Wir raten deshalb jedem Angehörigen, sich rasch psychotherapeutischer Hilfe anzuvertrauen, was von den Kassen finanziert wird. Auch Achtsamkeits-Schulungen sind zu empfehlen. Ab dem kommenden Jahr sollen systemisch-psychologische Gespräche als Regelleistung ins Angebot kommen. Davon versprechen wir uns Fortschritte.

Haben Angehörige nicht einen besseren Zugang zum Patienten und könnten helfen? 
Das stimmt zum Teil. Sie bieten Beziehung und wichtigen menschlichen Beistand, darüber hinaus geht kaum etwas. Sie könnten den Ärzten sogenannte Fremd-Anamnesen zum besseren Verständnis der Situation der Patienten liefern, die wird aber kaum abgefragt. Einzelne Kliniken nehmen die Angehörigen leider viel zu selten mit ins Boot. Dabei stellen die Angehörigen die größte Ressource zur langfristigen Begleitung und Existenzsicherung der Patienten. Angehörige werden in Kliniken zu oft außen vor gelassen und erhalten kaum Zugang zu Arzt-Gesprächen. Krankheitsbedingt kommt es oft zu Überlastung der familiären Beziehungen. Häufig führt das zu Beziehungs-Abbrüchen, welche Familie und Patienten sehr belasten. Patienten verlieren so ihren familiären Beistand, was ihre Perspektiven deutlich verdunkelt.

Manfred Desch ist Vorsitzender des Landesverbands der Angehörigen psychisch Kranker in Hessen.

Der 70-Jährige kam durch die psychische Erkrankung eines Familienmitglieds mit der Psychiatrie in Kontakt. Seit 2015 ist er Vorsitzender des Landesverbands. Ein Foto von sich wollte er nicht veröffentlicht haben.

Den hessischen Verband gibt es bereits seit 1988, aktuell hat er etwa 180 Mitglieder. Er ist Teil von Arbeitskreisen im Ministerium und berät bei Gesetzesentwürfen im psychiatrischen Bereich. mic

Was fordert Ihr Verband?
Kurzfristig verfügbare multiprofessionelle mobile Krisenteams werden bereits in Modell-Regionen zur Krisen-Intervention eingesetzt. Ohne Zwang soll dadurch Freiwilligkeit erreicht werden. Diese niederschwellige und aufsuchende Einrichtung muss flächendeckend für Hessen zum Einsatz kommen. Viele Fixierungen und Zwangsbehandlungen könnten dadurch verhindert werden. Unsere Einwirkung wird von einigen Chefärzten als Unterstützung ihrer Forderungen empfunden. Wir fordern nichts gegen Profis, sondern gegen Sparmaßnahmen der Kostenträger zu Lasten unserer Patienten. Wir verlangen auch eine ambulante koordinierende Nachsorge für die Zeit nach Klinik-Aufenthalten. Diese fehlt, deshalb fallen Patienten oft ins therapeutische Loch und werden so zu „Drehtür-Patienten“.

Gibt es Verbesserungsbedarf bei den Therapie- und Beratungsangeboten?
Unbedingt. S3-Leitlinien und Hometreatment sind die Zauberworte. Es muss nach den aktuellen S3-Leitlinien für psychiatrische Therapien, die das erforderliche Niveau vorgeben, behandelt werden. Kliniken müssen auf allen Ebenen so ausgestattet werden, dass sie diese Normen erfüllen können. Aus Angst vor hohen Ausgaben scheuen Kostenträger davor zurück. Beim Hometreatment geht es darum, den Patienten, die ansonsten stationär behandelt werden müssten, eine Möglichkeit der Therapie in den eigenen vier Wänden zu bieten. Erfolgreiche Modelle müssten um ambulant koordinierende Leistungen zur Therapie somatischer Erkrankungen ohne Zeitlimit erweitert werden. Hometreatment muss auch die Heime erreichen. Dort sind viele Patienten nicht nur psychiatrisch, sondern auch somatisch unterversorgt. Zu oft findet dort Medizin auf unterstem Niveau statt.

Ist der Zwang ein Problem?
Ja. Heute wird deutlich weniger, aber immer noch zu häufig fixiert. Das macht niemandem Spaß und muss verbessert werden. Durch kurzfristig verfügbare aufsuchende mobile Krisenteams kann Menschen in akuten psychischen Krisen deutlich besser in ihrem Umfeld geholfen werden. Dies führt zu weniger Zwang. Das braucht Fachkenntnis und Geduld und kostet Geld. Gleichzeitig kann Zwang das letzte Mittel sein, schwer kranke Menschen aus ihrer belastenden Krise zu befreien und damit Leben retten. Fixierung wirkt überwältigend und traumatisierend, der Selbstwert der Menschen wird nachhaltig beschädigt.

Solche Fixierungen wurden auch bei der Wallraff-Reportage im Klinikum Höchst kritisiert. Wie sehen Sie den Fall?
Fälle wie sie in Höchst zu sehen waren, findet man leider zu oft in deutschen Kliniken. Den abschätzigen Tonfall betrachten wir aber als Einzelerscheinung. Abhängig Kranke in akutem Rausch können klinische Abteilungen erheblich aufmischen, so dass hier Fixierung zum Schutz des Personals und der Mitpatienten unvermeidlich wird. Die eklatante Situation der Höchster Klinik wird fachlich aufgearbeitet. Zur Mitarbeit an der Verbesserung der Situation sind wir als Vorstand bereits zu baldigen Gesprächen ins Hessische Ministerium eingeladen.

Interview: Steven Micksch

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