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Viel Wirbel um Mohammed-Karikatur

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Von: Wiebke Rannenberg

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Der Stein des Anstoßes: die Mohammed-Karikatur in der Ausstellung von Greser und Lenz.
Der Stein des Anstoßes: die Mohammed-Karikatur in der Ausstellung von Greser und Lenz. © Monika Müller

Ab Mitte März zeigen die Karikaturisten Achim Greser und Heribert Lenz ihre Werke in Hanau. Die Aufregung über ihre Schau schätzen aber weder die Künstler noch ihr Kurator: Sie kritisieren den Fokus auf die einzige Mohammed-Zeichnung

Echte Promis sind Achim Greser und Heribert Lenz noch nicht, trotz des Wirbels um ihre Werkschau, die ab Mitte März in Hanau gezeigt werden wird. Als sie am Donnerstag eine halbe Stunde vor Beginn der Pressekonferenz in die Ausstellung gehen wollen, hält sie der Sicherheitsmann vor dem Seiteneingang von Schloss Philippsruhe zurück. Erst nachdem sie sich vorgestellt haben und er telefoniert hat, werden die beiden eingelassen. Abgetastet werden sie nicht, das kommt erst auf die künftigen Besucher zu.

Eine halbe Stunde später sieht es anders aus: Kamerateams, Fotografen und Journalisten mit Tabletcomputer, Block und Stift drängen sich um das Karikaturistenduo aus Aschaffenburg, den Kurator und den Oberbürgermeister von Hanau – und auch um einige Karikaturen.

Einer der Gründe für den ungewöhnlichen Medienansturm hängt mitten in der Ausstellung im Raum „Religion“: Eine Karikatur, die den Propheten Mohammed und Gott nebeneinander auf Wolken sitzend zeigt. Kurz nach dem Terroranschlag auf die Mitarbeiter des Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Paris sagt Gott zum Propheten: „Wegen Deiner Idioten müssen wir jetzt auf die wunderbaren Witze über uns verzichten.“ Daneben hängen Zeichnungen, die den Skandal um den sexuellen Missbrauch von Kindern durch Priester ebenso thematisieren wie die Frage, welche Mode Gekreuzigte tragen sollten.

Gesellschaftliche und Politische Themen

15 Karikaturen hängen in der Abteilung Religion; insgesamt hat Kurator Claudio Hils 220 Blätter ausgewählt mit Zeichnungen zu fast allen gesellschaftlichen und politischen Diskussionen in den vergangenen 20 Jahren: Griechenlandkrise, Energiesparbirnen, Terror durch IS und andere Islamisten, Rechtschreibreform, bayerische Besonderheiten, der Umgang mit Asylbewerbern, Auswüchse des Fußballgeschäfts und vieles mehr, alles von Greser und Lenz genau beobachtet, pointiert kommentiert und kunstvoll mit Tusche zu Papier gebracht.

Und das ist es auch, was der Kurator betont: Er habe eine Werkschau mit dem Titel „Das ist ja wohl ein Witz!“ zusammengestellt, einen Überblick über das Schaffen der profilierten Zeichner aus den vergangenen 20 Jahren. Es sei darum gegangen, aus Tausenden von Blättern „das Zeitlose herauszufiltern“.

Ohne Aufhebens hatte Hils die Schau vor einem Jahr im Zeppelin- Museum Friedrichshafen gezeigt, dessen künstlerischer Leiter er ist. 180 der 220 Blätter waren auch dort zu sehen, einige hat er für Hanau ausgetauscht. Doch nun gebe es einen „Medienhype, der mit dem Realen nichts zu tun hat“. Und es werde „alles reduziert auf das eine Blatt“, sagt er mit Blick auf die Mohammed-Karikatur, die er als „Abschiedskarte an die getöteten Karikaturisten“ bezeichnet. Deshalb habe er gezögert, ob er sie aufnehmen sollte. Doch die Zeichnung sei auch ein „Stück Zeitgeschichte“, deshalb habe er sich dann dafür entschieden.

Auch Greser und Lenz sind nicht begeistert vom Fokus der Medien auf die Mohammed-Karikatur, mögliche Bedrohungen und die Sicherheitsvorkehrungen. „Das ist keine religionskritische Ausstellung“, sagt Lenz. Und Greser kritisiert: „Die Geierei ist schwer erträglich.“ Zudem würden bei den Besuchern Erwartungen geweckt – „dass Mohammed zum Beispiel mal nackig gezeigt wird“ –, die gar nicht erfüllt würden.

Bundesweite Aufmerksamkeit

An der Medienkritik beteiligt sich Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) nicht. Er bemerkt mit Blick auf die Journalistenmenge die „außergewöhnliche Resonanz“, betont aber, dass die ganze Sache „kein Marketinggag“ gewesen sei – wenn die Stadt nun auch die „Aufmerksamkeit mehr als billigend in Kauf nimmt“, sagt er und prägt gleich ein neues Schlagwort: „Die Karikatur gehört eben auch zu Deutschland, daran sollten wir uns gewöhnen.“

Denn Kaminsky hatte den ersten Grund für das Interesse der Öffentlichkeit geliefert: Nach den Terroranschlägen in Paris hatte er beschlossen, die schon lange geplante Ausstellung nicht zu zeigen: weil er davon ausging, dass besondere Sicherheitsvorkehrungen nötig sind und dass diese zu teuer für das hochverschuldete Hanau sein würden. Er hatte sich zwar wenige Stunden nach dem Bekanntwerden der Absage anders entschieden – doch da war die Affäre schon in der Welt und brachte der Stadt bundesweite Aufmerksamkeit.

Das gilt vor allem auch für das Sicherheitskonzept, zu dem Kaminsky eigentlich erst ganz zum Schluss kommen will. Er berichtet zunächst, wieso die Stadt überhaupt die Karikaturenschau gebucht hatte: Zu Ehren von Ludwig Emil Grimm, einem Bruder der Brüder Grimm, der 1790 in Hanau geboren wurde und sich seinen Lebensunterhalt mit Zeichnungen und Radierungen, darunter auch Karikaturen, verdiente. Und so wird, fast nebenbei, an diesem Tag auch noch eine Preisvergabe verkündet: Achim Greser und Heribert Lenz bekommen den Ludwig-Emil-Grimm-Preis, den die Stadt vor drei Jahren zum ersten Mal vergeben hat, damals an Hans Traxler.

Hohe Sicherheitsvorkehrungen

Doch zum Sicherheitskonzept, wie der Oberbürgermeister es beschreibt: Eine Personenzählanlage stellt sicher, dass nicht mehr als 150 Menschen in den Ausstellungsräumen sind; zwei Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsunternehmens stehen an der Tür, tasten die Besucher ab und gucken in die Taschen; neben der Kasse steht ein weiterer Mann bereit. In der Ausstellung selbst ist ein Mitarbeiter für den Raum mit den religionskritischen Karikaturen zuständig, zwei weitere für die ganze Schau. Auch außerhalb der Öffnungszeiten sind zwei Sicherheitsleute durchgehend vor Ort. Für das Konzept habe sich die Stadt von der Polizei beraten lassen, sagt Kaminsky. Er setze die Empfehlungen vollständig um, „für eine Debatte darüber gibt es keinen Platz“, sagt er und fügt hinzu: „Letzten Endes bin ich ja dafür verantwortlich.“

Kosten soll die Sicherheit laut Kaminsky rund 120 000 Euro, 30 000 kommen für die Ausstellung an sich hinzu. Die Sparkasse Hanau und der Kulturfonds Rhein-Main hätten schon Unterstützung zugesagt, das Eintrittsgeld sei ein Posten – doch weitere Spenden seien immer willkommen, sagt der Kämmerer. Den Ministerpräsidenten und den zuständigen Minister habe er Ende Januar schriftlich um finanzielle Hilfe gebeten, bisher aber keine Antwort bekommen.

Auch die Polizei wird rund um das Schloss Philippsruhe präsent sein. Zum Umfang der Überwachung will sie sich aber nicht äußern. Auch nicht dazu, ob es einen konkreten Anlass dafür gibt.

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