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Viel Laderaum bleibt leer

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10.08.2022, xpsx, Lokal Hanau Hanauer Hafen sitzt auf dem Trockenen, v.l.
10.08.2022, xpsx, Lokal Hanau Hanauer Hafen sitzt auf dem Trockenen, v.l. © Patrick Scheiber

Im Hanauer Hafen sind die Folgen des Rhein-Niedrigwassers spürbar

Einige Crew-Mitglieder der „Nicko Spirit“ sind mit Farbrollern zugange und bessern an der Außenseite den weißen Anstrich aus – vom Kai und von einem kleinen Schlauchboot aus. Sie haben Zeit dafür. Denn das 110 Meter lange Flusskreuzfahrtschiff liegt in Hanau fest. Zum Glück waren keine Fahrgäste an Bord. Eigentlich sollte das moderne Kreuzfahrtschiff mit drei Restaurants und Platz für 170 Passagiere gen Rhein fahren. Geht aber nicht. Die Pegelstände dort sind wegen der anhaltenden Trockenheit viel zu niedrig. Die „Nicko Spirit“ hat 1,70 Meter Tiefgang. Am Rheinpegel Kaub ist die Fahrrinne, Stand Montag, nur 1,43 Meter tief. „Kaub ist das Nadelöhr“, sagt Gerhard Einhoff, Leiter des Hanauer Hafens.

Wer ins Hanauer Hafenbecken blickt, sieht an der Verfärbung der Kaimauer, dass auch hier der Wasserstand unter Normalniveau liegt: 40 Zentimeter. Statt 200 000 Kubikmetern Wasser in dem 950 Meter langen Becken sind es derzeit 25 000 Kubikmeter weniger. Dass die Fahrrinne des Mains bei Hanau ebenfalls 40 bis 50 Zentimeter weniger Wasser führt als die üblichen vier Meter, sind aber vergleichsweise Peanuts. Der allein zwischen Hanau und Mainz mit fünf Staustufen geregelte Main ist nicht das Problem. Wegen des Niedrigwassers am Rhein ist die Binnenschifffahrt im ganzen Land gestört. Das wirkt sich auch auf den Hanauer Hafen aus.

Im fast 100 Jahre alten Hafen der Brüder-Grimm-Stadt werden jährlich immerhin 1100 Frachtschiffe be- und entladen, 2,6 bis 2,8 Millionen Tonnen Güter umgeschlagen. Das meiste davon ist Öl, Kali, Sand und Getreide. Wegen der niedrigen Pegelstände im Rhein können Frachtschiffe oder Schubverbände, die etwa gen Amsterdam oder Rotterdam fahren, nicht voll beladen werden. „Im Januar haben die Schiffe in Hanau im Schnitt 1800 Tonnen geladen“, erläutert Einhoff, „im August sind es nurmehr 650 Tonnen pro Schiff“. „Leichtern“ sagen die Fachleute dazu, wenn die Traglast eines Schiffs reduziert wird, und auch der Laie versteht, was damit gemeint ist.

Von den gesamten Waren im Hanauer Hafen, der auch über Bahnanschlüsse und zehn Kilometer eigene Gleise verfügt, werden üblicherweise zwei Drittel per Binnenschiff, ein Drittel per Bahn umgeschlagen. „Momentan liegen wir bei 50:50“, sagt Einhoff.

Ein Beispiel: Die Kali-Werke in Thüringen, die normalerweise die Kalisalze per Bahn nach Hanau transportieren und hier auf Schiffe umladen, „liefern nicht, wenn keine Schiffe fahren“, so Einhoff. Sie müssen auf die Straße ausweichen. Abgesehen davon, dass Lastwagen schwer zu bekommen sind, hat das auch Auswirkungen auf den Straßenverkehr. Einhoff: „Eine 2000-Tonnen-Ladung auf dem Schiff ersetzt immerhin 80 Lkw.“

Ein anderes Beispiel: Im Hanauer Hafen gibt es ein riesiges Raiffeisen-Getreidelager. Insgesamt 82 000 Tonnen fassen die Silos, „Damit könnte man 1,65 Milliarden Brötchen backen“, hat Gerhard Einhoff ausgerechnet. Auch beim Getreide werden Transporte wegen des Niedrigwassers auf die Schiene verlagert – eine logistische Herausforderung und ein Preistreiber, denn die Kapazitäten sind rar.

Drittes Beispiel: Ein Schubverband, der Müllschlacke laden soll, lief gestern im Hanauer Hafen ein. Die Schlacke, die in den Müllverbrennungsanlagen in Heusenstamm oder Frankfurt anfällt, soll von Hanau aus nach Holland verschifft werden. Weil der Rhein aber kaum Wasser führt, können nur 1200 Tonnen Schlacke geladen werden. Im Normalfall sind es 4000 Tonnen.

Die Reihe der Auswirkungen, die das Niedrigwasser auf den Warenverkehr hat, ließe sich fortsetzen. „Es hängen andernorts zum Beispiel auch Konsumgüter fest“, erläutert Einhoff. Und beim Öl- und Benzintransport müssen ebenfalls die Tonnagen reduziert werden, damit die Frachter die Niedrigwasser-Passagen befahren können. Das Unternehmen Oiltanking, das im Hanauer Hafen einen großen Standort betreibt, beliefert laut Einhoff von hier aus Tankstellen und Heizölabnehmer im Umkreis von 200 Kilometern. Erhöhte Transportkosten treiben auch hier die Preise.

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