Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Der Blick auf das Innerste.
+
Der Blick auf das Innerste.

Ausstellung

Verzückung und Ekel

Eine Ausstellung zu Hermann Nitsch und seiner Schülerin Vroni Schwegler im Kunstverein Familie Montez: Lebewesen essen Lebewesen.Von Dorothee Baer-Bogenschütz

Von Dorothee Baer-Bogenschütz

Suppe und Sauerkraut. Der Meister isst gesund. Auch etwas Fleisch darf sein. An diesem Abend im Bornheimer Ebbelwoi-Lokal wählt er Leberkäs. Die Scheiben kommen indes nicht rosa saftig, sondern mit brauner Kruste. An Rinnsalen schlachtfrischen Blutes und an körperwarmem Gedärm hatte sich kurz zuvor Nitschs Gemeinde gelabt: Im katakombischen Kunstverein Familie Montez drängten sich Hunderte vor ausgewählten Videos mit Tierkadavern, Tierblut und -eingeweiden.

Höhepunkt der Ausstellung "Der Meister und seine Muse" ist die Dokumentation von Hermann Nitschs 122. Aktion. Sie fand im Jahr 2005 im Wiener Burgtheater statt. Im Mittelpunkt die Adaption einer Kreuzigungsszene mit aufgeschnittenem Stier und Hauptfigur in Weiß mit Augenbinde, die mit Blut besudelt und schließlich entkleidet wird. Der Orgien-Mysterien-Meister selbst durfte damals zufrieden bilanzieren, dass sein Werk im bürgerlichen Kunstverständnis angekommen war.

Dass der Kunstverein Montez nun unter der Regie des ehemaligen Nitsch-Schülers Mirek Macke daran erinnert, ergibt Sinn nicht zuletzt, weil der Wiener ein weiteres Sechs-Tage-Spiel plant. Eine solche Marathon-Veranstaltung in Analogie zur Schöpfungsgeschichte fand bereits 1998 im österreichischen Prinzendorf statt.

Bei Macke, der die Atmosphäre ungleich stärker hervorkitzeln kann als ein White Cube es vermag, flankieren dieses Schlüsselwerk die Aufzeichnungen der 107. Aktion mit Vroni Schwegler, Teil eins und zwei.

Zum Triptychon arrangiert wecken die drei großformatig vorgeführten Videos die Assoziation an einen Flügelaltar.

Schwegler, Nitsch-Meisterschülerin an der Städelschule, nahm zwischen 1995 und 2008 mehrfach als Akteurin an Aktionen in Neapel, Prinzendorf oder Wien teil. Die Frankfurter Malerin, die dieses Jahr vierzig wird, zeigt darüber hinaus ihre kleinfomatigen Kaltnadelradierungen neben Tierporträts wie "Altes Lamm", "Toter Vogel", "Rosa Fisch" in Öl auf Holz, Pressspan oder Malpappe.

Verblüffend, wie gut es funktioniert: Die Beiträge der Muse erscheinen als dem Moment entrissene, geerdete, ins sehr Intime gewendete Form von Nitschs der "Existenzverherrlichung" gewidmeten Orgien-Mysterien-Spielen.

Lebewesen essen Lebewesen

Bei beiden steckt der Memento-Mori-Aspekt hinter der Veranschaulichung des Prinzips Nahrungskette und dem unverblümten Blick auf die Tatsache, dass Lebewesen Lebewesen essen. Je nachdem, ob wir sie auf dem Teller, leibhaftig oder als Bild vor uns haben, schauen wir sie mit anderen Augen an.

Mit ihren altmeisterlichen Ansichten erweitert Schwegler Nitschs Kosmos so kongenial wie transzendent.

Eine Ausstellung wie ein Fest. Wenn Nitsch Frankfurt besucht, darf er sich verehrender Aufmerksamkeit sicher sein. Diesmal indes steigert sich die Verzückung des Publikums angesichts der überzeugenden Eingliederung vergleichsweise akademisch artiger Kunst ins bacchantisch Rauschhafte und Mystische.

Seinerzeit gefragt, was er im Burgtheater vom Schlachter brauche, hatte Nitsch geantwortet: "Einen Stier und drei Schweine, die Eingeweide dazu, ein paar Lungen und Blut." Kunst muss für ihn "den gesamten psychophysischen Organismus erfassen", wozu zwecks "Konfrontation mit der Wirklichkeit" gehört, "dass man Angst hat, dass es einen ekelt, dass man sich erbricht."

Doch ebenso freimütig bekannte er: "Ich will so etwas Schönes machen wie den Isenheimer Altar."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare