Menschen, die in der Altenpflege arbeiten, haben mit Vorurteilen zu kämpfen.
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Menschen, die in der Altenpflege arbeiten, haben mit Vorurteilen zu kämpfen.

Altenpflege in Hessen

Das verzerrte Bild der Pflege

  • Steven Micksch
    vonSteven Micksch
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Fünf Auszubildende sprechen über die Gegenwart in der Altenpflege in Hessen und die Zukunft ihres Berufs.

Der regenbogenfarbene Ball fliegt durch den Raum. Eine der Teilnehmerinnen fängt ihn auf und darf sprechen. Die Frau erzählt, dass man sich in der Pflege auch Zeit für die Ausbildung nehmen muss. Wenn die Azubis nicht merken, dass ihnen Respekt, Anerkennung aber eben auch ausreichend Begleitung durch den Praxisbetreuer geboten wird, gehen sie weg. Im besten Fall nur zu einem anderen Betrieb, im schlechtesten in einen anderen Beruf.

Die Frauen im Raum machen eine Weiterbildung zu Praxisanleiterinnen für Pflegeberufe in der Altenpflegeschule im Hufeland-Haus. Sie diskutieren, wie die optimale Ausbildung aussieht und lernen, mit der Wirklichkeit, die oftmals anders daherkommt, bestmöglich umzugehen.

Ein Stockwerk weiter oben sitzen fünf Menschen, die sich noch in der Ausbildung zur Altenpflegefachkraft befinden. Auch sie haben Erfahrungen mit der täglichen Praxis gemacht. Und sie sehen zunehmend, dass sich nur ein negatives Bild in der Gesellschaft verankert. „Wenn ich jemandem erzähle, dass ich in der Altenpflege arbeite, werde ich oft bedauert“, sagt Juliana Sepp.

Die 44-Jährige war zuvor selbstständig im Bäckereigewerbe tätig. Vor mehr als zwei Jahren hat sie die Ausbildung zur Altenpflegefachkraft begonnen. „Aus Überzeugung, ich wollte das eigentlich schon immer werden.“ Erste Erfahrungen in Sachen Pflege sammelte sie in der eigenen Familie. Und, das betont sie auch angesichts der ihr widerfahrenen Bemitleidungen, durch ihren Beruf fühle sie sich glücklich. Auch der 33 Jahre alte Andreas Quinte sieht es von dieser Seite. Er bekomme die Wertschätzung der alten Leute entgegengebracht. Die älteren Menschen redeten auch mal Tacheles, aber man lerne von ihren Erfahrungsschatz. „In meinem Beruf kann ich mich ausprobieren. Und es gibt so viele Weiterbildungsmöglichkeiten“, sagt Quinte. Doch genau darüber werde zu wenig geredet, ergänzt Jaroslaw Marner. Auch er habe sich nach vielen Berufsjahren noch einmal umorientiert und eine Ausbildung in der Altenpflege begonnen. „Ich will an der Situation der Pflege mitwirken und sie verbessern“, sagt der 41-Jährige.

Dafür wünscht er sich eine vernünftige Öffentlichkeitsarbeit und eine stärkere Aufklärung. „Schon in der Schule sollte der Kontakt mit den Altenheimen geknüpft werden, um Berührungsängste abzubauen“, sagt Marner. Alt werden sei immer noch ein Tabuthema, die Gesellschaft schaffe alte Menschen beiseite, und mit finanziellen Zuwendungen kaufe man sich von der Verantwortung frei, die eigentlich aber die gesamte Gesellschaft betreffe. „Da wir die alten Menschen nicht einbinden, geht ein Wissensschatz verloren.“ Andere Länder seien Deutschland da weit voraus.

Yuliia Khorolets (25) und Arianne Pascual (28) haben sich ebenfalls voller Überzeugung für den Beruf entschieden. Khorolets ist eigentlich Lehrerin, entschied sich jedoch im Anschluss an ihr Studium für eine Ausbildung in der Altenpflege. „In meinem Beruf wollte ich vor allem Kontakt mit Leuten haben.“ Bei Pascual war der Wunsch schon lange vorhanden. Ihre Mutter ist Krankenschwester, und die 28-Jährige wollte ebenfalls mit Menschen arbeiten.

Nichtsdestotrotz reden die fünf Auszubildenden auch über Probleme ihres Berufsstands. Der Personalschlüssel sei heikel. Das wirtschaftlich durchgedachte System gehe oft zu Lasten der zu pflegenden Bewohner, berichtet Quinte. Supp bringt das Thema Pflegekammer auf den Tisch, spricht sich dafür aus und bemängelt, dass die Politik nur rede und sich nicht um das Problem kümmere.

Marner findet, die Einrichtungen seien zu groß geworden. Es werde viel zusammengelegt, der Alltag sei durchgetaktet. „Es bleibt keine Zeit für Dinge links und rechts des Weges“, moniert er. Quinte sieht die Zukunft in einer Abkehr von großen Pflegeheimen. Dann mit Bezugspflege und ausreichend Zeit für jeden einzelnen. Aber dafür brauche es eben Personal. Die von Gesundheitsminister Jens Spahn angedachten 13 000 Pflegekräfte seien nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Das sehen auch die Frauen ein Stockwerk tiefer so. Bei der Spahnschen Zahl lachen erst mal alle – amüsiert, aber auch verzweifelt. Fünfmal so viele, vielleicht mehr, brauche es. Doch dafür müsse die Pflege neu aufgestellt werden. Angefangen von einer gerechteren Entlohnung bis hin zu einer fundierten Ausbildung, für die die Ausbilder sich Zeit nehmen können. Doch da klaffen Anspruch und Wirklichkeit noch weit auseinander.

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