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Keine Strafe nach Gewaltorgie rechter Burschenschafter

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Von: Joachim F. Tornau

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250 Burschenschafter versammeln sich zum Burschentag. : imago/Future Image
250 Burschenschafter versammeln sich zum Burschentag. © Imago

Der Prozess gegen drei rechte Burschenschafter vor dem Amtsgericht Marburg endet mit Freisprüchen und Bewährung. Dazu geführt hat auch nachlässige Polizeiarbeit.

Marburg – Nachlässige Polizeiarbeit hat dazu geführt, dass der brutale Angriff rechter Burschenschafter auf das Haus einer liberaleren Studentenverbindung in Marburg ungesühnt bleibt. Das Amtsgericht der Universitätsstadt sprach am Dienstag (28. Februar) drei Angeklagte aus dem extrem rechten Burschenschaftermilieu vom Vorwurf des Hausfriedensbruchs und der gemeinschaftlichen Sachbeschädigung frei. „Es mag sein, dass Sie dabei waren“, sagte Richterin Melanie Becker. Aber es habe sich nicht beweisen lassen.

Auf den unscharfen Bildern einer Überwachungskamera war zu sehen, welch martialischer Anblick sich in jener Juni-Nacht des Jahres 2020 geboten hatte. Rund ein Dutzend Männer, vermummt und mit Eisenstangen oder Schlagstöcken bewaffnet, einer von ihnen in einer Wehrmachtsuniform, die anderen in einer Art Trachtenlook, stürmten auf das Haus der Frankonia zu – einer Korporation aus dem liberalen Schwarzburgbund, die sich klar gegen rechts positioniert. Und die der benachbarten Burschenschaft Germania, einem Mitgliedsbund des völkisch-nationalistischen Dachverbands Deutsche Burschenschaft, darum schon lange ein Dorn im Auge sind.

Brutaler Angriff rechter Burschenschaftler in Marburg: „So einen Hass habe ich noch nicht erlebt“

Wie man hier auf die Frankonen schaut, hatte der Angeklagte Nicolas K. gut eine Stunde vor dem Sturm auf deren Haus sehr klar gemacht. Bei einer zufälligen Begegnung am Zigarettenautomaten, so stellte das Gericht in seinem Urteil fest, habe der 30-Jährige, der damals noch Mitglied der Germania war, die verachteten Nachbarn unter anderem als „Schwuchteln“, „Judensäue“ und „Zecken“ tituliert. Und er habe mit einem Anruf dafür gesorgt, dass kurz darauf ein ganzer Haufen Burschenschafter den Frankonen nachsetzte, es gab Schläge und Geschubse. „So einen Hass habe ich noch nicht erlebt“, erinnerte sich ein Angehöriger der Frankonia.

Nicolas K. wurde deshalb nun wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung zu einer achtmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Als Einziger. Der mitangeklagte Germane Heinrich M., ehemals hessischer Regionalleiter der extrem rechten „Identitären Bewegung“, war zwar von Nicolas K. angerufen worden, als der wegen der „Zeckenaction“ um tatkräftige Unterstützung bat. Aber dass der 26-Jährige der Aufforderung auch persönlich Folge leistete, ließ sich nach Ansicht des Gerichts nicht beweisen.

Brutaler Angriff rechter Burschenschaftler in Marburg: Polizist gibt Fehler zu

Ebenso wenig wie die Beteiligung aller drei Angeklagten an dem rechten Rollkommando, das wenig später in das Haus der Frankonia eindrang und das gesamte Erdgeschoss verwüstete. Einer der Angreifer wurde anschließend zwar auf der Straße von einem Passanten gestoppt, als er gerade mit erhobenem Schlagstock auf einen Zeugen losging. Doch selbst daraus erwuchs ihm nun keine Verurteilung.

Denn der Streifenbeamte, der die Personalien dieses Mannes festgestellt hatte, wusste nicht mehr, wie er das gemacht hatte. Hatte er einen Ausweis gesehen? Oder sich einfach darauf verlassen, was ihm der Mann gesagt hatte? „Wenn ich top gearbeitet habe, würde es im Vermerk stehen“, gab der Polizist zu. Aber da stand nichts.

Brutaler Angriff in Marburg: „In der Welt der Studentenverbindungen kennt jeder jeden“

Und so hielt es das Gericht für denkbar, dass gar nicht der dritte Angeklagte Hans F. derjenige welche gewesen sein könnte. Sondern dass sich irgendjemand gemeinerweise als der 36-Jährige ausgegeben habe. Es folgte damit einer Idee von Verteidiger Andreas Schoemaker. „In der Welt der Studentenverbindungen kennt jeder jeden“, hatte der Anwalt gesagt. „Da weiß jeder: Der F. ist Raczek.“ Und kenne deshalb auch seine Adresse.

Gemeint war die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks in Bonn, die vor allem bekannt wurde durch ihre Forderung nach einer als „Arier-Nachweis“ kritisierten Aufnahmeregelung für die Deutsche Burschenschaft und der auch der Anwalt selbst angehört. Hans F. hat laut seiner vor Gericht bestätigten Anschrift auch heute noch dieselbe Adresse wie die Bonner Burschenschaft, legt allerdings Wert darauf, jedenfalls aktuell kein Mitglied zu sein. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. (Joachim F. Tornau)

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