Keine Angst vorm Virenmonster: Die Mädchen und Jungen der Klasse 2e der Frankfurter Textorschule haben sich aus bemalten Klopapierrollen ihr eigenes Bild von der Wurzel allen Übels gemacht. Da ist die Wirklichkeit wohl gruseliger als ihre Papp-Manifestation.
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Keine Angst vorm Virenmonster: Die Mädchen und Jungen der Klasse 2e der Frankfurter Textorschule haben sich aus bemalten Klopapierrollen ihr eigenes Bild von der Wurzel allen Übels gemacht. Da ist die Wirklichkeit wohl gruseliger als ihre Papp-Manifestation.

Interview

„Der Versuch, in Hessen die Schulen zu öffnen, ist richtig“

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
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Der Landeselternbeirat Hessen spricht über den Start ins neue Schuljahr und beobachtet eine tief gespaltene Elternschaft zwischen Furcht und Erleichterung.

Korhan Ekinci (39) ist seit zwei Jahren Vorsitzender des Landeselternbeirats Hessen, Tanja Pfenning (47) seit 2009 Geschäftsführerin.

Das Kultusministerium hat am Mittwoch das Konzept für das nächste Schuljahr vorgestellt. Kann das funktionieren?
Korhan Ekinci: Dafür müsste man Hellseher sein. Das nächste Schuljahr fängt in sechseinhalb Wochen an. Wer weiß, wie dann das Infektionsgeschehen aussieht? Solange wir keinen Impfstoff haben, wird Schule in einer Sondersituation bleiben.

Der wesentliche Punkt am Konzept ist, dass alle wieder in die Schule zum Präsenzunterricht zurückkehren sollen mit Ausnahme derjenigen, die zu einer Risikogruppe zählen und ein Attest vorweisen können. Auch das Abstandsgebot im Klassenraum wird aufgehoben, bei der normalen Klassengröße. Die hessische GEW nennt das „sehr gefährlich“. Sehen Sie das auch so?
Ekinci: In dieser Frage gibt es DIE Eltern in Hessen zurzeit nicht. Es gibt da drei Lager. Das eine Lager macht sich große Sorgen und sieht die Kinder als Versuchsobjekte von Politik und Wissenschaft. Diese Gruppe ist sehr laut. Genauso laut ist eine andere Gruppe, die sich riesig freut, dass die Schule wieder losgeht, dass wir unsere Kinder nicht mehr als Mama und Papa unterrichten müssen, sie ihre Freunde und Lehrer wiedersehen. Und es gibt eine dritte, die vielleicht größte Gruppe. Die sagt gar nichts und macht mit, was jetzt eben kommt.

Ist es richtig, den Versuch zu wagen und den Präsenzunterricht für alle zu ermöglichen?
Ekinci: Der Versuch ist richtig. Die Bedingung dafür aber ist, dass man einen Plan in der Tasche hat, falls das Infektionsgeschehen den gemeinsamen Unterricht für alle nicht zulässt. Dafür ist es wichtig, dass die Möglichkeiten des Homelearnings massiv ausgebaut werden. Seit März haben wir ja verschiedene Stufen des Homelearnings und des zeitweisen gemeinsamen Lernens erlebt. Dabei sind viele verschiedene Modelle entstanden. Etwa täglicher Unterricht in festen Gruppen, ein Wechsel von Präsenzzeiten und Lernen zu Hause, schichtweises Unterrichten in den Schulen. Diese Konzepte müssen betrachtet und weiterentwickelt werden, damit wir etwas haben, das funktioniert, wenn wir es brauchen sollten.

Der NEUSTART

Am 17. August beginnt in Hessen das neue Schuljahr. Dann sollen wieder alle Schülerinnen und Schüler Unterricht nach Stundenplan erhalten.

Damit der Präsenzunterricht an fünf Tagen der Woche stattfinden kann, wird das Abstandsgebot aufgehoben, ebenso entfällt die Begrenzung der Gruppengröße.

Anwesenheitspflicht besteht für alle Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrkräfte. Ausgenommen sind Angehörige von Risikogruppen mit ärztlichem Attest.

Die Hygieneregeln wie Händewaschen und regelmäßiges Lüften der Klassenzimmer und Desinfizieren bleiben bestehen. Körperliche Kontakte sollen vermieden werden. Außerhalb der Unterrichtsräume müssen Masken getragen werden.

Lehrkräfte sollen sich kostenfrei auf das Coronavirus testen lassen können.

Eintägige Klassenfahrten sollen möglich sein.

Sitzenbleiben ist wieder möglich, Leistungen, die im Homeschooling erbracht werden, sollen benotet werden können. pgh

Wie haben die Eltern das Homeschooling erlebt?
Tanja Pfenning: In einzelnen Schulen hat das gut funktioniert. Das waren zumeist Schulen, die schon zuvor ein ausgefeiltes digitales Konzept und eine gute digitale Ausstattung hatten. Bei uns in der Geschäftsstelle sind aber auch sehr viele Mails oder Anrufe aufgelaufen von Eltern, die berichtet haben, dass es überhaupt nicht gut funktioniert. Das kann dann an fehlenden Internetverbindungen gelegen haben, oder es gab nicht die nötigen Geräte zu Hause. Ein großes Manko war, dass oft unklar war, wann Aufgaben erledigt werden mussten. Es gab da viele Schwierigkeiten in den Familien, manche Eltern haben am Telefon geweint, weil sie völlig überfordert waren.

Hatten die Eltern den Eindruck, dass die Lehrkräfte in der Lage waren, mit dem Homeschooling umzugehen?
Pfenning: Ganz oft hat es an den Rückmeldungen der Lehrer gefehlt, ob die Aufgaben gut erledigt wurden oder was noch gemacht und gelernt werden müsste. Viele Lehrer hatten auch keine dienstlichen E-Mail-Adressen, wollten ihre privaten Adressen oder Telefonnummern nicht herausgeben, was man auch verstehen kann. Bis zum Start des nächsten Schuljahrs muss auf jeden Fall ein ausgefeiltes Konzept dazu vorliegen, wie das Homeschooling organisiert werden soll.

Ekinci: Es war oft Glücksache, ob es funktioniert hat oder nicht. Die Unterschiede zwischen den Lehrkräften selbst an einzelnen Schulen waren riesig. Häufig wurden Aufgaben tatsächlich einfach in die Elternhäuser hineingeworfen, die Rückmeldungen der Lehrkräfte aber haben sehr oft gefehlt. Andere wieder haben ihren Schülern die Aufgaben sogar nach Hause gebracht. Ich habe allerdings Zweifel, ob man es in den gut sechs Wochen schaffen kann, ein umfassendes Konzept zu erstellen. Wir werden mit Sicherheit keine fertigen Lösungen für alle in der Schublade haben.

Wie zufrieden sind Sie mit den Angeboten, in den Sommerferien das Versäumte nachzuholen?
Pfenning: Die Sommercamps kennt man ja schon von den Ostercamps. Das ist sicher für die Schulen, die bereits Ostercamps anbieten, recht einfach zu übernehmen. Die Sommercamps werden schulbezogen angeboten. Auch zu den Angeboten für die ersten bis fünften Klassen mit dem digitalen Projekt Ferdi gibt es positive Rückmeldungen von den Eltern. Die Akademie in den beiden letzten Ferienwochen wird von externen Lehrkräften durchgeführt und soll insbesondere die Unterrichtsinhalte in Deutsch, Englisch und Mathematik nacharbeiten. Gut ist, dass es diese Angebot gibt. Es darf aber nicht zu Nachteilen für Kinder führen, die daran nicht teilnehmen.

Was hätten Sie aus Elternsicht gerne noch im Konzept für das nächste Schuljahr gesehen?
Ekinci: Wünschenswert wäre sicher gewesen, darüber nachzudenken, ob man die Ergebnisse von Prüfungen aufwertet, wie das in manchen Bundesländern geschehen ist.

Was ist mit dem Sitzenbleiben, das ja abgeschafft war?
Pfenning: Da sagen schon viele Eltern, das könnte man doch auf Dauer abschaffen.

Soll man den Lernstoff im nächsten Schuljahr reduzieren, um Stoff nachholen zu können?
Ekinci: Das ist bei Eltern heftig umstritten. Auch hier sind die Eltern gespalten. Viele befürchten, dass ihre Kinder dann weniger Bildung bekommen als die Jahrgänge zuvor. Andere fänden es gut, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren.

Interview: Peter Hanack

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