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Hebamme bei der Nachsorge. „Die Hebammenversorgung ist für uns ein vordringliches Thema“, sagt Kai Klose.

Interview

„Die Versorgungslücken sind zu groß“

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    Jutta Rippegather
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Der neue Sozialminister Kai Klose über Hebammen, Landärzte und Erzieherinnen.

Soziale Berufe werden schlecht bezahlt, obwohl es an Erzieherinnen, Kranken- und Altenpflegern fehlt. Für den neuen hessischen Sozialminister Kai Klose (Grüne) wird das ein Dauerthema seiner Amtszeit werden.

Herr Klose, können Sie als neuer Sozialminister auf berufliche Erfahrungen in diesem Bereich zurückblicken?
Ich bin selbst kein Kind aus einem Akademikerhaushalt. Von daher sind mir unterschiedliche Lebenslagen durchaus vertraut. Aber ich bin sicher kein klassischer Sozialpolitiker. In meiner kommunalpolitischen Arbeit habe ich mich allerdings sehr stark im Jugend- und Sozialausschuss meiner Heimatgemeinde Idstein engagiert und war dort Jugenddezernent.

Was qualifiziert Sie als Sozialminister?
Mich qualifizieren zum Beispiel meine Erfahrungen hier im Ministerium. Da habe ich in den vergangenen 16 Monaten als Staatssekretär die Bereiche Integration und Antidiskriminierung betreut. Das ist ein Ministerium für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, mit einem riesigen Themenspektrum über den gesamten Bereich des Lebens: von vor der Geburt mit der Hebammenversorgung bis zur Palliativmedizin und dem Sterbeprozess. Wir befassen uns mit prekären Lebenslagen, frühkindlicher Bildung, berufsbegleitenden Themen bis hin zum Arbeitsschutz, mit dem riesigen Feld der Gesundheitspolitik, mit der Integration. Mir waren diese Lebensthemen schon immer sehr nah.

Das ist eigentlich kein klassisches grünes Ressort, oder?
Das würde ich bestreiten. Wir sind schon lange viel mehr als eine auf Ökologie beschränkte Partei. Der soziale Zusammenhalt und die soziale Gerechtigkeit sind den Grünen von Anfang an in die Wiege gelegt, nicht zuletzt in der Frauenpolitik. Auch dafür ist dieses Ministerium zuständig, und aus meiner Sicht sollte es emanzipatorische Frauenpolitik machen. Das ist ein grünes Themenfeld, auf dem wir klare grüne Akzente setzen können.

Soziale Dienste werden schlecht bezahlt, ob in Krankenhaus, Altenheim oder Jugendarbeit – gerade Jobs, die überwiegend von Frauen wahrgenommen werden. Was können Sie tun, dass das besser wird?
Die sozialen Berufe werden weit schlechter vergütet, als das aufgrund ihrer gesellschaftlichen Bedeutung sein sollte. Zum Glück haben wir bei den Erziehern eine Entwicklung, die dem entgegenläuft. Ich bin selbst Sohn einer Erzieherin, von daher weiß ich, wie die Situation früher war und wie sie inzwischen ist. Da ist Bewegung drin. Da haben die Tarifvertragsparteien glücklicherweise gute Entwicklungen eingeleitet.

Welche Pläne haben Sie in diesem Bereich?
Wir haben uns darauf verständigt, dass wir die Erzieherausbildung kostenfrei machen wollen. Im Moment zahlen die meisten angehenden Erzieherinnen und Erzieher in den ersten zwei Jahren noch drauf. Wir wollen verstärkt auf eine duale Ausbildung setzen, die von Beginn an vergütet ist. Dieses Modell gibt es schon in Hessen, das würden wir gerne ausweiten. Um das umzustellen, brauchen wir aber Partner. Es muss ja am Ende von den Trägerinnen und Trägern bezahlt werden können.

Wenn Ihre Mutter Erzieherin war: Hat sie geklagt, dass sie viel arbeitet und wenig verdient?
Nein, so war das nicht. Ich habe es als Kind aber schon so empfunden, dass die Vergütung im Verhältnis relativ gering ist, weil Erzieherinnen viel leisten und große Verantwortung tragen für andere Menschen.

Erzieherinnen brauchen auch genug Zeit für die individuelle Förderung von Kindern, für Elterngespräche und organisatorische Aufgaben. Was wollen Sie da verbessern?
Wir wollen ein großes Paket für Erzieherinnen und Erzieher schnüren. Da gehören all diese Aspekte hinein, damit eine Entwicklung hin zu mehr Qualität gelingt. Wir sind dran, aber das ist noch nicht abgeschlossen.

Welchen Zeitplan haben Sie im Auge?
Ich gehe davon aus, dass wir bis Ende des Jahres mehr Klarheit haben werden.

Lücken gibt es auch in der Ärzteversorgung, etwa bei Kinderärzten. Was wollen Sie tun?
Inzwischen hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass die Versorgungslage zwar auf dem Papier gut ist, aber regional sehr unterschiedlich. Bis zum Sommer wollen wir eine Bedarfsplanung erstellt haben, die stärker die Realität abbildet. Dann müssen wir mit den Landkreisen ins Gespräch kommen, wie wir eine besser kinderärztliche Versorgung hinbekommen.

Das betrifft ja auch andere Fachgruppen. Da gibt es ein starkes Stadt-Land-Gefälle.
Ja. Die Lücken im ländlichen Raum werden immer größer und die Anreisen immer länger. Die Kassenärztliche Vereinigung setzt jetzt in Nordosthessen einen Bus ein, um die hausärztliche Versorgung aufrechtzuerhalten. Das kann keine Dauerlösung sein. Da muss man Medizinische Versorgungszentren aufbauen und mit Gemeindeschwestern reagieren.

Was ist mit finanziellen Anreizen für Landärzte?
Wir wollen eine Landarztquote. Das heißt, jene zu belohnen, die sich verpflichten, nach dem Studium für eine gewisse Zeit im ländlichen Raum zu arbeiten. Dazu sind wir in Gesprächen mit dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, denn dazu brauchen wir mehr Studienplätze.

Es mangelt auch an Hebammen, vor allem auf dem Land. Wie wollen Sie reagieren?
Die Hebammenversorgung ist für uns ein vordringliches Thema. Wir werden bald die Auswertung einer Befragung bekommen. Befragt wurden Hebammen, Institutionen und Frauen, die im letzten Jahr ein Kind in Hessen geboren haben. Wir wollen schnell den Bedarf ermitteln. Ich werde in den nächsten Wochen den ersten Runden Tisch zur Hebammenversorgung einladen, damit wir auf der Grundlage dieser Analyse schnell ins Gespräch kommen und Konsequenzen ableiten können.

In welche Richtung könnten Konsequenzen gehen?
Wir haben im ländlichen Raum Regionen, in denen die Wege unheimlich weit sind und es kaum noch Hebammen oder Geburtshelfer gibt. Die Versorgungslücken sind zu groß. Das ist ein Riesenproblem. Deswegen wollen wir die Hebammen mit einem Hebammengeld unterstützen. Es geht darum, jeden einzelnen Fall so zu unterstützen, dass es sich für die Hebammen lohnt.

Interview: Jutta Rippegather und Pitt von Bebenburg

Zur Person

Kai Klose wurde im Januar neuer Sozialminister in der schwarz-grünen Regierung. Der Grünen-Politiker löste den Christdemokraten Stefan Grüttner auf diesem Posten ab, in dessen Ministerium er bereits seit 2017 als Staatssekretär für Integration und Antidiskriminierung tätig war.

Als Landesvorsitzender der Grünen tritt Klose beim Mai-Parteitag zurück, ebenso wie seine Ko-Vorsitzende Angela Dorn, die ebenfalls Ministerin geworden ist. Klose steht seit 2013 an der Spitze der hessischen Grünen und hatte schon die erste schwarz-grüne Koalition maßgeblich mit ausgehandelt.

Als Abgeordneter zog Klose 2009 in den hessischen Landtag ein. Dort engagierte er sich vor allem in der Wirtschaftspolitik und für die Rechte von Schwulen und Lesben. Klose lebt mit seinem Mann in Idstein. pit

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