Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Der Straßenraum wird neu aufgeteilt – wie hier auf der Friedberger Landstraße in Frankfurt.
+
Der Straßenraum wird neu aufgeteilt – wie hier auf der Friedberger Landstraße in Frankfurt.

Verkehr

Verkehsrwende in Hessen: „Mobilität befindet sich mitten im Umbruch“

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
    schließen

Der Mensch muss in den Mittelpunkt der Verkehrsplaner rücken, sagt der scheidende Präsident von Hessens Mobil Gerd Riegelhuth im FR-Interview. Alle Formen des Verkehrs hätten ihre Berechtigung.

Als Referendar hat Gerd Riegelhuth einst in der hessischen Straßenverkehrsbehörde angefangen – und ist bis jetzt dortgeblieben. Am 18. Februar wird der Präsident von Hessen Mobil in den Ruhestand verabschiedet. Als Honorarprofessor wird er auch danach sein Wissen an den Nachwuchs weitergeben.

Herr Riegelhuth, mit den Autobahnen hat Hessen Mobil die Hälfte seiner Zuständigkeiten verloren. Erleichtert Ihnen das den Abschied?

So würde ich das nicht sagen. Der Umbruch zum Jahreswechsel bringt neue Herausforderungen. Bestimmte Aufgaben sind zwar weg, aber Hessen Mobil ist ja immer noch für rund 15 000 Kilometer Straße zuständig, und es kommen neue Themenfelder hinzu.

Was sind das für neue Zuständigkeiten neben dem Radverkehr?

Die Nahmobilität insgesamt, dazu auch Themen des öffentlichen Personennahverkehrs und des Schienenverkehrs. Wir wollen uns stärker der Verkehrssicherheit widmen. Die neue Abteilung Mobilität und Radverkehr bündelt im Haus die Kompetenzen, um die Themen der Verkehrswende zu unterstützen.

Der Grüne Verkehrsminister Tarek Al-Wazir sagt, nach den derzeit in Bau befindlichen Autobahnen werden in Hessen keine neuen mehr gebraucht. Sehen Sie das auch so?

Selbstverständlich muss der Grundansatz immer sein, die vorhandene Verkehrsinfrastruktur bestmöglich zu nutzen und zu unterhalten, insbesondere beim Straßenverkehr über Maßnahmen der intelligenten Verkehrssteuerung. Hinzu kommt auch meiner Meinung nach eine stärkere Vernetzung der Verkehrsträger.

Sie werden weiter als Honorarprofessor am Fachbereich Bauingenieurwesen der Hochschule Darmstadt lehren. Was wollen Sie den jungen Leuten beibringen?

Wichtig ist, an den Hochschulen die neuen Themen der Mobilität zu vermitteln – weg von der isolierten Sicht einzelner Verkehrsträger hin zur vernetzten Mobilität. Verkehrsmanagement mit dem Fokus auf Sicherheit, unterfüttert mit praktischen Anwendungen. Etwa, mit welchen Maßnahmen man Unfallschwerpunkte beheben kann.

Zur PersoN

Gerd Riegelhuth begeht Anfang März seinen 65. Geburtstag und geht in den Ruhestand. Der Bauingenieur trat im Oktober 1988 beim Hessischen Straßenbauamt Weilburg seinen Dienst an.

In unterschiedlichen Funktionen organisierte er den hessischen Verkehr. Sein Schwerpunkt war unter anderem die Beeinflussung des Verkehrs durch variable Hinweisschilder, ein weiteres Projekt ist der E-Highway-Test für Lastwagen auf der Autobahn A5. Er war an zahlreichen Forschungsprojekten beteiligt.

Präsident der Landesbehörde Hessen Mobil ist der Butzbacher seit Februar 2019. Seit Frühjahr 2020 hat er eine Honorarprofessor am Fachbereich Bauingenieurwesen der Hochschule Darmstadt inne. jur

Als Sie Ende der 80er Jahre ihren Dienst beim Land Hessen antraten, war Verkehrspolitik autofixiert, Radfahren oft ein riskantes Abenteuer. Was hat sich verändert?

Richtig. Der Straßenverkehr dominierte damals die Mobilität. Aber gerade im Rhein-Main-Gebiet haben wir schon früh begonnen, über intermodales Verkehrsmanagement nachzudenken. Ende der 90er Jahre haben bereits alle bedeutenden Institutionen in ersten Projekten zusammengearbeitet. Diese vertrauensvolle Zusammenarbeit in der Region hat den Weg geebnet, die Mobilität der Zukunft nachhaltig und ganzheitlich zu gestalten.

Die Bemühungen reichen manchen noch nicht aus. Ein hessischer Volksentscheid zur Verkehrswende ist in Vorbereitung. Das Ziel: die Gleichberechtigung aller – ob zu Fuß unterwegs, per Rad oder mit dem Auto. Würde das noch einen Schub geben?

Die Zielsetzung ist richtig. Wir müssen den Menschen mehr im Mittelpunkt unserer Aktivitäten sehen, weniger die Systeme, und ihm alle Formen der Mobilität ermöglichen. Dabei geht es auch um Teilhabe. Und im Fokus ist immer die stärkere Vernetzung der Verkehrsträger.

Könnten sie Beispiele nennen?

Es geht um nahtlose Übergänge in den Reiseketten, etwa vom Fahrrad zur S-Bahn. Das bedeutet auch, dass die Angebote verbessert werden und gleichzeitig hochaktuelle Informationen den Nutzerinnen und Nutzern zur Verfügung stehen müssen. Corona hat uns auch gelehrt, dass wir einen stärkeren ganzheitlichen Ansatz brauchen. Dazu gehört die Frage, wie wir die Arbeitswelt künftig organisieren, um Verkehre, insbesondere zur Rushhour, vermeiden können. Das betrifft auch Lieferketten, die am Ende insbesondere in den Innenstädten Verkehr erzeugen.

Es wird nicht mehr so sein wie vor der Pandemie?

Das sehe ich so. Wenn man dem Ganzen etwas Positives abgewinnen kann, dann ist es die Erfahrung, wie sich Verkehr verlagern kann oder nicht mehr stattfindet. Im Sommer gab es eine extreme Nachfrage bei Fahrrädern. Am Ende konnte der Handel den Bedarf nicht mehr befriedigen. Die Nachfrage ist da und wir müssen jetzt möglichst schnell die notwendige Infrastruktur schaffen.

Wann kommt das autonome Fahren?

Das wird noch dauern. Neben den hohen technischen Herausforderungen fehlen noch die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Fragen der Fahrzeug- und Datensicherheit kommen hinzu. Es stellen sich ethische Fragen. Verkehrstechnisch werden wir über einen langen Zeitraum Mischverkehr organisieren müssen, das heißt konventionell gesteuerte Fahrzeuge fahren neben autonom fahrenden. Es gibt auch Chancen: Autonom fahrende Fahrzeuge werden in Flotten organisiert sein und über den Tag verteilt Transporte durchführen. Die Fahrzeuge werden damit stärker ausgelastet, es wird weniger Parkraum benötigt und der Fahrzeugbestand wird deutlich zurückgehen. Eine Chance, den Straßenraum neu aufzuteilen, aber auch die E-Mobilität stärker voranzubringen. Wir sind mitten im Umbruch.

Interview: Jutta Rippegather

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare