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Der vergessene Superstar

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Von: Andreas Hartmann

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Die Regisseurin Katarina Peters dreht einen Dokumentarfilm über ihren Vater Jürgen – und schont dabei niemanden.
Die Regisseurin Katarina Peters dreht einen Dokumentarfilm über ihren Vater Jürgen – und schont dabei niemanden. © Renate Hoyer

Ruhm, Ehre, Vergessen: Erstmals seit 20 Jahren packt die Regisseurin Katarina Peters den Nachlass ihres Vaters Jürgen aus. Noch bis zum Sonntag ist die Ausstellung an einem ungewöhnlichen Ort zu sehen.

Einfach wegwerfen, das ganze Zeug. Manchmal hat Katarina Peters, die in einer alten Fabriketage am Potsdamer Platz in Berlin lebt, schon überlegt, ob sie nicht den Sperrmüll bestellen soll, um den vollgestopften Keller auszuräumen. Dort lagert seit dem Tod ihres Vaters Jürgen im Jahr 1997 dessen Nachlass, verpackt in Dutzende Kartons. Jeder steckt voller Erinnerungen. Und es sind wahre Schatzkisten.

Denn Katarina Peters‘ Vater war in den 70er Jahren ein Kunst-Superstar. Mit seinen meisterhaft gedruckten Serigraphien traf er offenbar vor allem in den USA den Zeitgeist. „Wenn mein Vater in eine große Villa kam, dann hing eigentlich immer irgendwo etwas von ihm. Wenn er dann meinte, er habe das gemacht, dann glaubte ihm das keiner. Da hat er immer seinen Ausweis gezeigt“, erzählt sie lächelnd und meint ironisch: „Er war so was wie der röhrende Hirsch der 70er Jahre.“ Zahllose amerikanische Bücher der Zeit tragen Grafiken von Jürgen Peters auf dem Umschlag, in vielen US-Filmen gehören seine Bilder zur Ausstattung. Bei „Kramer gegen Kramer“ etwa wird vor einem Jürgen-Peters-Werk heftig gestritten.

Katarina Peters hat sich jetzt doch entschieden, die Kisten 19 Jahre nach dem Tod des Vaters auszupacken. Zum ersten Mal seither ist nun wieder eine Ausstellung mit Werken von Jürgen Peters zu sehen, nicht in Los Angeles oder Berlin, sondern in einem aus den 50er Jahren stammenden Reihenhaus in Dreieich-Sprendlingen, dem Elternhaus der hier aufgewachsenen Künstlerin Anjali Göbel. Die nutzt das in vielen Details noch erhaltene Haus – allein schon die Kellerbar aus den 60er Jahren lohnt einen Besuch – für Ausstellungen.

Zu zeigen gäbe es unendlich viel: Die Kisten mit dem Nachlass enthalten nicht nur Fotos und Erinnerungsstücke wie den weißen Malerkittel, den jetzt die Tochter so gerne trägt, sondern vor allem auch tausende von Kunstwerken, die der Vater selbst in einer eigenen Werkstatt gedruckt hat. „Das sind technische Meisterleistungen“, sagt Katarina Peters. „Da merkt man die exzellente Ausbildung. Das ist auch richtig gutes Handwerk.“

Und sie erzählt verschmitzt süffisant, dass die New Yorker Fachfirma, die für Andy Warhol, Roy Lichtenstein und andere Großmeister der Pop Art arbeitete, an den Arbeiten von Jürgen Peters scheiterte.

Es gibt viele Anekdoten über den gebürtigen Hamburger, der sich mit seiner geometrischen Kunst aus kleinsten Verhältnissen zum vielfachen Millionär hocharbeitete, in einer Villa bei San Francisco mit eigener Yacht residierte, Angestellte hatte – und schließlich alles wieder verlor.

Nicht alle Geschichten über die Familie Peters sind heiter. Der Absturz muss furchtbar gewesen sein. Der Vater, aus der Mode kommend, begann zu trinken, verarmte vollkommen, arbeitete als Nachtwächter, ist heute quasi vergessen. Irgendwann hatte er auch noch sein schwules Coming Out. Einfach war das Verhältnis der Eltern zueinander und zur einzigen Tochter wohl nie. Sie erzählt sehr schonungslos und offen davon.

„Ich war ein Unfall, und meine Mutter hat meinetwegen ihre eigene Karriere als Künstlerin aufgegeben“, berichtet Katarina Peters. Als sie 16 Jahre alt war, zogen die Eltern ohne sie nach Kalifornien und ließen die Tochter in Hamburg zurück. „Ich wohnte alleine in einer echten Villa Kunterbunt“, erinnert sie sich. Später studierte sie selbst in San Francisco, die Eltern sah sie da kaum. Das Ehepaar trennte sich nach dem Absturz, kehrte nach Deutschland zurück.

„Irgendwann rief Jürgen mich an und meinte, er sei obdachlos und am Bahnhof gestrandet und ob ich ihn da nicht rausholen könnte“, berichtet die Tochter. Sie ist selbst Künstlerin und Regisseurin und hat bereits mehrere preisgekrönte Dokumentarfilme geschaffen.

Ihr neuestes Projekt könnte das spannendste werden: Sie hat damit begonnen, einen Dokumentarfilm über den Vater zu drehen, über Ruhm und Vergänglichkeit, über die Launen des Kunstmarkts und den Wandel des populären Geschmacks. Die ersten Ausschnitte, die in der Ausstellung in Dreieich-Sprendlingen zu sehen sind, machen jedenfalls ziemlich neugierig und sind vielversprechend. Nur muss die Filmförderung auch diese Meinung teilen. Man darf definitiv sehr gespannt sein.

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