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Vergangenheit eine Stimme geben

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Erinnern sich an manche amüsante Anekdote: Zeitzeuginnen und -zeugen erzählen aus ihrem Leben in ihrem Quartier Ober-Erlenbach. neuroth
Erinnern sich an manche amüsante Anekdote: Zeitzeuginnen und -zeugen erzählen aus ihrem Leben in ihrem Quartier Ober-Erlenbach. neuroth © FLORIAN NEUROTH

Stadthistoriker Torsten Martin stellt Buch über Ober-Erlenbach vor

bad homburg - Es war ein schlichtes Leben, das die meisten Ober-Erlenbacher in den Nachkriegsjahren führten. Telefone etwa habe es im Dorf kaum gegeben, sagte Klara Schulz. „Nur einige Geschäftsleute hatten eins“, erinnerte sie sich. 1953 wurde ihr ältester Sohn geboren. „Da gab es nix, und auch die Häuser waren nicht groß. Wir hatten zwei Zimmer“, erzählte sie. Tag für Tag schleppte die junge Mutter das Wasser aus dem Brunnen nach oben. Auf dem Kohlenherd wurde es „heiß gemacht, kam in die Badewanne und wieder zurück. Das war nur Arbeit“, erzählte die 94-Jährige den rund 50 Zuhörern in der Heimatstube. Dort stand am Samstag die Vorstellung des Buchs „Zeugen vergangener Zeit - Ober-Erlenbach erinnert sich an das 20. Jahrhundert“ auf dem Programm. Schulz und vier weitere Zeitzeugen, die in dem Werk zu Wort kommen, lasen Textauszüge aus ihren Erinnerungen.

Festgehalten wurden jene von Torsten Martin. Eineinhalb Jahre lang hat der Vorsitzende der Heimatstube sich mit dem Leben der Menschen in Ober-Erlenbach im vergangenen Jahrhundert beschäftigt, interviewte „echte“ und zugezogene Erlenbacher. Der Autor sprach mit Menschen, die jahrzehntelang im Ort gelebt haben und ihm gerne von „ihrem Ober-Erlenbach“ erzählten. Aufgeschlossen seien nämlich alle gewesen, meint er. „Ich bin offene Türen eingerannt. Die Bereitschaft zu reden war groß“, sagte Martin, der ohnehin überzeugt ist, dass jede individuelle Geschichte Bedeutung habe und es wert sei, „erzählt und gehört zu werden“.

Die Auffassung gewann er in vielen Gesprächen mit den Schwiegereltern. Sie stammen aus Ober-Erlenbach und erzählten oft, wie das damals so war. „Ich war der Meinung, dass diese alten Geschichten bewahrt werden müssen“, erklärte Martin. Den „äußeren Anstoß“ zur Umsetzung gab dann die Stadt Bad Homburg. Sie suchte vor rund zwei Jahren nach Bürgern, die ein selbst ausgewähltes Thema aus der Stadtgeschichte recherchieren und zu Papier bringen wollen. Martin bewarb sich, wurde ausgewählt und im März 2021 zu einem von fünf „Stadthistorikern“ ernannt. Ende Oktober wurde das Quintett in der Villa Wertheimber von Oberbürgermeister Alexander Hetjes (CDU) für seine Arbeiten ausgezeichnet. Der OB war auch am Samstag da. „Für die Identifikation im Ort ist das ein ganz wichtiges Werk“, meinte er.

Auf 240 Seiten hat Martin die Erinnerungen von 21 Zeitzeugen in 29 Texten zusammengefasst. Gesprochen hat er sogar noch mit vielen weiteren. „Aber irgendwann musste ich einen Schlussstrich ziehen“, sagte er. Vielleicht entstehe ja ein zweites Buch. Die Ortsthemen, die er mal als Interview, mal als geschlossenen Text aufgenommen hat, stellen das Alltagsleben im Ort in all seinen Facetten dar. Es geht um die „Stunde Null“, Kinderfastnacht in den 60ern, die Entstehung der Nebenerwerbssiedlung Steinhohlstraße, die Geschichte des Tischtennis-Clubs oder die Auftritte von Zehnkampf-Olympiasieger Willi Holdorf im Fußballverein.

Süßes vom Bäckerschorsch

Mit Klaus Amrein sprach er über den Erlenbach. Der habe viele Geschichten, sagte Amrein und packt einige aus. Etwa vom einstigen „Gäulsloch“ oberhalb der Brücke gegenüber „Elektro Kempf“. Dort, wo früher der schmale Eiserne Steg über „die Bach“ zum Turnplatz führte, ragte an einer tiefen Stelle ein Waschfloß aus Eichenholz ins Wasser. „An Sommersamstagen wurden hier die Pferde bis halben Bauch hineingeführt und gewaschen. Ich hatte mit einem Freund, dessen Vater am Oberhof arbeitete, die Gelegenheit, das Supergespann der schweren Oldenburger Pferde Max und Felix den Bornberg herab zum Bach zu reiten und im Gäulsloch zu waschen“, erinnerte sich Amrein.

Marius Leweke nahm die Zuhörer mit auf eine Shoppingtour im Jahr 1971, als der Einzelhandel im Ort noch blühte. Mehrere „kleine Kaufhäuser“ - die Tante-Emma-Läden - gab es im Dorf, dazu einige Bäcker, Metzger und sogar vier Tankstellen. Süßes für nachmittägliche Stunden erwarb der Nachwuchs beim Bäckerschorsch Georg Ohmeis.

Ursula Gutekunst hörte aufmerksam zu. „Das holt alles wieder hoch“, sagte die gebürtige Ober-Erlenbacherin, die schon seit fünf Jahrzehnten nicht mehr im Ort wohnt. Während sie von ihrem ersten Schultag im Jahr 1949 berichtete - im Buch findet sich ein Foto mit der obligatorischen Einschulungsbrezel -, erzählte Norbert Fuß vom einst blühenden Schumacherhandwerk. Sechs Schumacher hatten eine Werkstatt im Ort, darunter auch Vater Heinrich. Zwischen Presse und Fußhebeln wurde in der „Philosophenbude“ über alles mögliche diskutiert.

Es ist für 18,50 Euro bei heimatstube-obererlenbach.com erhältlich.

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