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Verein träumt von neuer Orgel für Seligenstadt

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Von: Andreas Hartmann

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Axel-Johannes Korb an der alten, sehr maroden Orgel der Basilika. Foto: Rolf Oeser
Axel-Johannes Korb an der alten, sehr maroden Orgel der Basilika. Foto: Rolf Oeser © Rolf Oeser

Überall wird gespart – doch in Seligenstadt soll die berühmte Basilika eine neue Orgel erhalten. Was der erst vor sechs Monaten gegründete Verein schon gesammelt hat, ist eindrucksvoll

Musikalisch sind Orgeln wohl der größte Luxus, den das Reich der Töne zu bieten hat, riesige, meist fest installierte, hochkomplexe Maschinen, die heilige Hallen zum Beben bringen können. Eine Kirche ohne Orgel, das ist nur schwer vorstellbar. Im altehrwürdigen ehemaligen Kloster von Seligenstadt am Main steht selbstverständlich ebenfalls eine, seit mindestens 600 Jahren, wie der orgelbegeisterte Jurist Axel-Johannes Korb berichtet, der regelmäßig in der vor 1200 Jahren erbauten Basilika musiziert. „Das wievielte Instrument die 1981 erbaute Orgel ist, kann man aber wegen der Quellenlage heute nicht mehr sagen“, erzählt der 43-Jährige.

Musikfreund:innen sind allerdings nicht besonders glücklich über das gerade einmal 41 Jahre alte Exemplar der heute nicht mehr existierenden Firma Wilbrand. In dieser kurzen Zeit wurde die Orgel sogar schon einmal generalüberholt, doch viel geholfen hat es nicht. Immer wieder bleiben Töne hängen, versagt die Elektronik, und das in einer Kirche, die eine überregionale Touristenattraktion ist und in der regelmäßig international bekannte Organist:innen spielen.

„In den 1950er Jahren wurde ohne Not die sehr schön klingende Schlimbach-Orgel aus dem 19. Jahrhundert abgebrochen, die man gut hätte reparieren können“, sagt Korb. „Aber in der Wirtschaftswunderzeit war einfach zu viel Geld da.“ Um die Wilbrand-Orgel weiterhin spielbar zu erhalten, müsste man wohl sehr viel Geld in regelmäßige Wartungen stecken. Ein Gutachten des Mainzer Domkapellmeisters Karsten Storck für Seligenstadt warnt vor den wiederkehrenden hohen Kosten und empfiehlt den „mutigen Schritt eines technischen Neubaus“.

Nun sind die Zeiten der üppig sprudelnden Kirchen- und sonstigen Steuern vermutlich dauerhaft vorüber, und eine neue Orgel kauft man nicht mal eben so. Dass die Seligenstädter Pfarrgemeinde – immerhin Nachfolgerin eines einst sehr reichen Klosters – dafür das nötige Geld aufbringen könnte, scheint auf den ersten Blick utopisch. „Der Gemeinde gehören keine Immobilien oder Sonstiges“, sagt Korb. „Und ein Spitzeninstrument kann schon auch bis zu drei Millionen Euro kosten.“

Der Förderverein

In der rund 1200 Jahre alten Abteikirche von Seligenstadt am Main steht seit mindestens 600 Jahren eine Orgel. Dokumentiert ist wenig, aber bei so einem wichtigen Bauwerk sei das aber anzunehmen, sagt Axel-Johannes Korb vom Förderverein Basilika-Orgel.

Das wievielte Instrument in der langen Musikgeschichte des Klosters das jetzige, grade einmal 41 Jahre alte und doch schon sehr marode Werk der Firma Wilbrand ist, lässt sich aber nicht sagen. Wie die alte Orgel klingt, kann man zum Beispiel an Silvester anhören. Am 31. Dezember um 21 Uhr spielt Felix Ponizy auf dem Instrument, begleitet von der Sopranistin Anna Luzia Leone und Johannes Würmseer. Zu hören sind Werke von Vivaldi, Händel und Purcell. Karten zum Preis von 20 Euro gibt es unter info@klosterkonzerte-seligenstadt.de.

Orgeln sind teuer und werden speziell für den jeweiligen Raum geplant und angefertigt. Nach Angaben der Deutschen Unesco-Kommission arbeiten in Deutschland 400 handwerkliche Orgelbaubetriebe mit etwa 2800 Mitarbeiter:innen und 180 Lehrlingen. 3500 hauptamtliche und zehntausenden ehrenamtliche Organist:innen spielen auf den etwa 50 000 Orgeln hierzulande. Diese deutsche Musikkultur ist seit 2017 immaterielles Kulturerbe der Menschheit.

Große Orgeln sind oft im gesamten Kirchenschiff verteilt, im Hauptschiff, im Chor und den Seitenschiffen. Man hoffe, einen ersten Teil im kommenden Frühjahr in Auftrag geben zu können, sagt Korb. Einen sechs- bis siebenstelligen Betrag will der Verein für das Werk mit historisierendem Klang aufbringen, auf dem die Orgelliteratur der vergangenen 600 Jahre gespielt werden kann. Der Förderverein Basilika-Orgel Seligenstadt, der im Frühjahr 2022 gegründet wurde, sammelt unter IBAN DE27 5065 2124 0001 1466 61, Sparkasse Langen-Seligenstadt, Spenden für das Instrument. aph

Ausführliche Informationen gibt es unter www.basilikaorgel.de

Storck sagt allerdings, er habe während seiner langen Tätigkeit als Kirchenmusiker immer wieder beobachtet, dass ein solches Projekt eine Gemeinde zusammenbringen könne. Seit 15. Mai dieses Jahres sammelt nun ein eigens gegründeter weltlicher Verein, in dessen Vorstand auch Korb sitzt, Spenden für den Neubau. In den wenigen Monaten seither sind bereits mehr als 150 000 Euro zusammengekommen, von der Stadt Seligenstadt, dem Kreis Offenbach, der Sparkasse Langen-Seligenstadt, aber auch von zahlreichen Privatleuten. „Seligenstadt ist eine sehr musikalische Stadt“, sagt Korb. Schirmherr des Projekts ist der hessische Ministerpräsident Boris Rhein (CDU).

Das Ziel ist zwar noch ein ganzes Stück entfernt, doch einen ersten Schritt kann der Verein wohl schon im Frühjahr machen: Für das Querschiff der Kirche soll der erste Teil, eine Chororgel, in Auftrag gegeben werden.

Man habe bereits Angebote von verschiedenen Orgelbaufirmen eingeholt und stehe in konkreten Verhandlungen, berichtet Korb, der im Alltag bei der Europäischen Zentralbank in Frankfurt arbeitet. 220 000 bis 250 000 Euro soll das nach seinen Angaben kosten. Der Denkmalschutz hat bereits ein vorläufiges Okay für die Anbringung von vier Stahlhaken im 1200 Jahre alten Mauerwerk gegeben. Insgesamt solle die Orgel einen gehoben sechs- oder gar siebenstelligen Betrag kosten. Man wolle, erläutert Korb, im Sinne der Nachhaltigkeit möglichst viel historisches Material weiternutzen, „Gerade werden viele Orgeln verkauft, da gibt es wahre Schätze.“

Mit einer neuen Orgel entstehe „etwas ganz Wunderbares, das nach heutigen Standards viele Generationen überdauert“, sagt Orgelexperte Storck. Eine der ältesten Orgeln der Welt steht übrigens gar nicht so weit entfernt im Winzerdorf Kiedrich im Rheingau. Weil die dortige Kirchengemeinde (anders als Seligenstadt) kein Geld für grundlegende Modernisierungen hatte, der Ort auch von Kriegen verschont wurde, blieb eine heute fast einzigartige Kostbarkeit erhalten. Wer weiß, wie lange eine neue Orgel in Seligenstadt bestehen wird – doch jetzt muss sie erst mal gebaut werden.

Rund 1200 Jahre alt ist die ehemalige Abtei Seligenstadt. Foto: Rolf Oeser
Rund 1200 Jahre alt ist die ehemalige Abtei Seligenstadt. Foto: Rolf Oeser © Rolf Oeser

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