Uwe Schramm (55) ist Verdi-Gewerkschafts- sekretär am Flughafen, wo er seit 35 Jahren arbeitet.
+
Uwe Schramm (55) ist Verdi-Gewerkschafts- sekretär am Flughafen, wo er seit 35 Jahren arbeitet.

Interview

Verdi:„Jobmaschine kann man den Frankfurter Airport nicht mehr nennen“

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
    schließen

Verdi-Experte Uwe Schramm über Kurzarbeit, Stellenabbau und die Ängste der Belegschaft in der Flugbranche.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ruft für Freitag, 19. Juni, 12 Uhr, zu einer Demonstration in Terminal 1, Abflughalle A auf. 500 Leute sind angemeldet. Das Motto: „Gemeinsam und solidarisch durch die Krise.“

Herr Schramm, wie ist die aktuelle Situation in der Luftfahrtbranche?
Prekär. 240 000 der bundesweit 300 000 Beschäftigten befinden sich in Kurzarbeit, davon besonders viele an Deutschlands größtem Flughafen, Frankfurt. Dort sind 97 Prozent des Verkehrs weggebrochen. Das monatliche Aufkommen entspricht dem eines einzigen Tages vor dem Lockdown. Also gibt es 97 Prozent weniger Arbeit bei Fraport, Lufthansa, jeder anderen Airline und jedem Abfertigungsdienst.

Arbeiten alle weniger oder nur ein Teil?
Vor allem in der Administration gibt es teilweise null Arbeit. Dann wieder sind Kräfte auf Abruf – etwa bei der Fraport-Tochter Fracare, die sich um mobilitätseingeschränkte Fluggäste kümmert. 

Der Staat zahlt bei Kurzarbeit 60 Prozent der letzten drei Nettogehälter beziehungsweise 67 Prozent, wenn Kinder im Haushalt leben. Stocken die Arbeitgeber auf?
Das ist unterschiedlich. Lufthansa muss auf 90 Prozent aufstocken. Fraport stockt, abhängig vom Arbeitsvolumen, auf bis zu 95 Prozent auf. In den Genuss des Aufstockung kommen aber nur die tariflichen Mitarbeiter. Gerade bei Lufthansa aber werden viele außertariflich bezahlt.

Wie entwickelt sich der Arbeitsplatzabbau?
Lufthansa hat ja jetzt bekannt gegeben, dass weltweit 22 000 Vollerwerbsarbeitsplätze überflüssig sind, davon 13 000 in Deutschland. 600 Piloten sind zu viel, 2600 Flugbegleiter, 1500 Leute, die ihnen zuarbeiten. Da kann man nicht abschichten, wie stark das die beiden größten Hubs Frankfurt und München betrifft. 2500 sollen in der Lufthansa-Technik gehen, bei der in Frankfurt 2600 Leute beschäftigt sind.

Und wie sieht es bei Fraport aus?
Die Geschäftsführung hat angekündigt, mit den Mitbestimmungsgremien zu reden, wie sozialverträglich Arbeitsplatzabbau betrieben werden kann. Wir reden von 25 Prozent in den Bereichen Abfertigung und Werkstätten sowie von 30 Prozent in der Administration. Wir haben 9000 Mitarbeiter direkt bei Fraport, im ganzen Konzern sind es 22 000. Fraport selbst versucht das erst mal sozialverträglich hinzubekommen. Da sind noch keine Vorschläge auf dem Tisch. Es wird wohl versucht, den Großteil über Vorruhestandsregelungen und Altersteilzeitmodelle aufzufangen.

Verliert der Flughafen damit den Status der Jobmaschine?
Fraport will bis 2023 wieder 50 Millionen Passagiere abfertigen. Angesichts der momentanen Situation und den zurückhaltenden Urlaubsbuchungen ist das sehr sportlich. Eine Jobmaschine wird man den Airport in den nächsten Jahren nicht nennen können. Vielleicht auch nicht hinsichtlich der guten Tarifverträge, die wir bis zum heutigen Tag haben. Letztes Jahr suchten verschiedene Fraport-Töchter oder die Lufthansa-Technik händeringend qualifiziertes Personal. Jetzt stehen betriebsbedingte Kündigungen im Raum.

Warum die Demonstration am Freitag?
Unter den Beschäftigten grassiert immer mehr die Angst. Wir als Verdi können im Moment nicht sagen, dass sie grundlos ist. Das hat ja nicht mal mehr der Arbeitgeber im Griff. Alle sind betroffen, vom fliegenden Personal über die Bodendienste bis zur Administration. Wir wollen allen eine Plattform bieten, auf der ihre Ängste, Sorgen, Überlegungen, Ansprüche Gehör finden. Wer alleine im Homeoffice sitzt, den hört ja niemand.

Wie lauten Ihre Forderungen?
Wir wollen nicht die Fraport, Lufthansa oder irgendeinen anderen Arbeitgeber anklagen. Die haben nicht das Virus in die Welt gesetzt. Die Forderungen der Mitarbeiter sind alle gleich: Schaut nicht nur, was mit der Aktie passiert. Schaut bitte auch auf diejenigen, die den Laden teils seit Jahrzehnten am Leben erhalten und aufgebaut haben. Das Personal ist das wahre Kapital. Habt bei jeder Entscheidung im Hinterkopf: Es geht nicht um ein Flugzeug oder einen Koffer, es geht hier um Familien im Rhein-Main-Gebiet.

Interview: Jutta Rippegather

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare