Sieht sich selbst "nicht mehr" als Mörder: John Ausonius.
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Sieht sich selbst "nicht mehr" als Mörder: John Ausonius.

Ermordete Garderobenfrau

Urteil gegen "Lasermann" erwartet

  • Danijel Majic
    vonDanijel Majic
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John Ausonius soll vor 26 Jahren in Frankfurt eine Garderobenfrau erschossen haben. Heute soll das Urteil gegen den sogenannten "Lasermann" fallen.

Nach neun Prozesstagen bricht der Angeklagte doch noch sein Schweigen. Ganz am Ende, nachdem Staatsanwaltschaft und Verteidigung in ihren Plädoyers dargelegt haben, warum sie John Ausonius – bekannt unter dem Spitznamen „Lasermann“ – für schuldig respektive für unschuldig halten, richtet Ausonius noch einmal das Wort an das Gericht : „Obwohl ich wegen meines Aufenthalts in Deutschland nichts zu verbergen habe und es mir schwerfällt zu schweigen, bin ich dem Rat meines Anwaltes gefolgt und habe hier keine Angaben gemacht.“

Der Angeklagte hat das letzte Wort. Ausonius nutzt es, um über sich selbst zu sprechen. So hat dieser Prozess vor dem Frankfurter Landgericht Mitte Dezember begonnen, und so endet er auch. Diesmal fasst Ausonius sich kurz. Zu Prozessbeginn hatte er noch in einem einstündigen Vortrag seine Sicht auf sein Leben erläutert, seinen Werdegang vom Studienabbrecher, illegalen Taxifahrer, notorischen Glücksspieler und Aktienzocker hin zum Bankräuber und Mörder. Um einen Mord geht es vor dem Landgericht auch: um den an der Frankfurterin Blanka Zmigrod im Februar 1992. Doch dazu hat Ausonius nichts zu sagen.

Staatsanwältin Nadja Böttinger spricht zu Beginn ihres Plädoyers – an dessen Ende sie eine lebenslängliche Freiheitsstrafe sowie eine anschließende Sicherheitsverwahrung fordern wird – von einem „relativ außergewöhnlichen Verfahren“. Eine glatte Untertreibung.

Bereits seit 1992 sitzt Ausonius in Schweden im Gefängnis. 1995 wurde er wegen 18 Banküberfällen, Mordversuchs und Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Zwischen August 1991 und Januar 1992 hatte er in Schweden elf Mal auf Menschen mit Migrationshintergrund geschossen, eines der Opfer starb. Weil er bei seinen Taten bisweilen ein Gewehr mit Laserzielvorrichtung benutzte, taufte ihn der schwedische Boulevard „Lasermann“.

Die deutschen Ermittlungsbehörden gehen derweil davon aus, dass Ausonius auch für den Mord an der 68-jährigen Blanka Zmigrod am 23. Februar 1992 im Frankfurter Kettenhofweg verantwortlich ist. Der Garderobenfrau wurde seinerzeit aus nächster Nähe in den Kopf geschossen. Anlass soll ein Streit im Mövenpick-Restaurant am Opernplatz gewesen sein, wo Zmigrod arbeitete. Ausonius soll ihr unterstellt haben, ihm einen Taschencomputer gestohlen zu haben, in dem er wichtige Kontakt- und Kontodaten gespeichert hatte. Schon seit 1993 ermittelten deutsche Behörden in diesem Zusammenhang gegen den „Lasermann“. Doch 1996 wurden die Ermittlungen eingestellt und erst 2014 wieder aufgenommen. Im Dezember 2016 erfolgte die Auslieferung nach Deutschland. Die deutschen Behörden ließen seinerzeit verlauten, aus vorhergehenden Vernehmungen von Ausonius in Schweden hätten sich „neue Erkenntnisse“ im Fall Zmigrod ergeben. Welche das genau sein sollen, bleibt allerdings auch nach Abschluss der Beweisaufnahme unklar.

Staatsanwältin Böttinger entwirft in ihrem Plädoyer eine stringente Erzählung. Am 8. Februar geraten Ausonius und das spätere Opfer in Streit, Ausonius fordert Blanka Zmigrod auf, ihre Handtasche zu öffnen, weil er darin seinen Casio-Rechner vermutet. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich Ausonius bereits auf der Flucht vor den schwedischen Behörden. 13 Tage später wird Ausonius erneut vorstellig. Dieses Mal ist Zmigrods Vorgesetzte Zeugin des Vorfalls. Etwa ein Jahr später attestiert sie bei der Sichtung eines von der schwedischen Polizei angefertigten Videos Ausonius eine große Ähnlichkeit mit dem Mann, den sie damals im Mövenpick gesehen hat.

Einen Tag nach diesem Vorfall wird Blanka Zmigrod erschossen. Der Täter lässt den teuren Schmuck des Opfers unberührt, entwendet nur ihre Handtasche – weil er darin den Taschenrechner vermutet, ist sich die Staatsanwaltschaft sicher. 16 Stunden nach der Tat erwirbt Ausonius am Flughafen Amsterdam einen neuen Taschencomputer, obwohl er seinen bereits seit mehr als zwei Wochen vermisst. Anschließend reist er mit einem Pass, den er zuvor einem Arbeitslosen in Dresden abgekauft hat, nach Südafrika. Eine übereilte Flucht, so stellt es die Staatsanwaltschaft dar.

Das stärkste Indiz bleibt die bei dem Mord verwendete Munition: ein verkupfertes Hohlspitzgeschoss der US-Firma CCI. Die gleiche Munition wurde später bei Ausonius’ Festnahme gefunden. Laut Gutachten wurde diese aus einer Schusswaffe des Kalibers 6,35 Millimeter Browning abgefeuert. Auch Ausonius hat wohl so eine Waffe besessen, will sie aber in Frankfurt verkauft haben. „Die Frage, die sich letztlich jeder stellen kann, lautet: Wie viele Zufälle können tatsächlich noch Zufall sein?“, erklärt Staatsanwältin Böttinger,

Die Version der Staasanwaltschaft ist konsistent. Konsistenter als alles, was in der mündlichen Verhandlung zu vernehmen war. Die wenigen Augenzeugen konnten sich, sofern sie überhaupt erschienen, nur noch bruchstückhaft an die damaligen Ereignisse erinnern. Die Ermittler, die in den 90er Jahren mit dem Fall betraut waren, mussten sich auf die Akten von damals berufen.

„An der Beweislage seit 1993 hat sich nichts geändert“, resümiert Ausonius’ Verteidiger Joachim Bremer in seinem Plädoyer. Neun Prozesstage lang hat der erfahrene Strafverteidiger durch teils pedantische, teils ironische Befragung der Zeugen jedes Indiz in diesem Prozess auseinandergenommen. Die verwendete Munition? Nicht eindeutig seinem Mandanten zuzuordnen. Ein Interview, in dem Ausonius den Streit mit Zmigrod eingeräumt, den Mord aber bestritten hatte? In dieser Form nicht geführt. Die Identifizierung seines Mandanten durch Zmigrods Vorgesetzte? Unzureichend. Alles in allem könne die Staatsanwaltschaft keine „lückenlose Indizienkette“ präsentieren. Sein Mandant sei daher freizusprechen.

Es bleibt ein Prozess, der viele Fragen offenlässt. Zu viele vielleicht. Ist Ausonius die Tat zuzutrauen? Mit Sicherheit. Ein psychologischer Gutachter hatte ihm eine „dissoziale Persönlichkeitsstörung“ bescheinigt. Dazu zählten „paranoide Persönlichkeitsanteile“, wie sie sich in Ausonisus’ Verdacht gegen Zmigrod geäußert haben könnten. Ebenso habe er bereits vor seiner kriminellen Karriere ein ausgesprochen „jähzorniges Verhalten“ gezeigt. Der Mord im Westen könnte also eine Kurzschlussreaktion gewesen sein.

Andererseits ging Ausonius bei seinen Anschlägen in Schweden planvoll und berechnend vor. Er habe zwar auch Hass auf Migranten verspürt, hatte der Angeklagte zu Beginn des Prozesses erklärt, aber mit den Anschlägen in erster Linie die schwedische Polizei von seinen Bankrauben ablenken wollen. Zumal er damals damit rechnete, für einen Mord nicht viel länger im Gefängnis sitzen zu müssen als für einen Bankraub. Würde so jemand, wenn er sich auf der Flucht befindet, riskieren, durch einen Mord zusätzliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen?

Letztlich wird auch das Gericht diese Fragen nicht beantworten können. Das Urteil wird am heutigen Mittwoch verkündet. Ausonius selbst gibt sich mittlerweile geläutert, hat seine Verbrechen – derer er allerdings schon überführt war – Ende der 90er Jahre bereits vollumfänglich eingestanden.

Sein Urteil über sich selbst steht bereits fest. Sein Verteidiger fasst es wie folgt zusammen: „Er sieht ein: Er war ein Mörder. Er ist heute keiner mehr.“

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