+
Bilden seit Herbst eine Wohngemeinschaft: Liliana (21), Leyla (20) und Kristina (30).

Behinderte

Wohnen mit Hilfe

  • schließen

Das Hofheimer Wohnprojekt "Mitleben" hilft jungen Mehrfachbehinderten im Alltag.

Drei Jahre lang sind Christoph Krämer und seine Frau regelmäßig zum Wohnstammtisch der Lebenshilfe gegangen. Drei Jahre haben sie zusammen mit anderen Eltern behinderter junger Menschen das Wohnprojekt „Mitleben“ in Hofheim geplant. „Das war viel Aufwand, aber irgendwann wussten wir: Wir machen das. Auch wenn es kein Rundum-sorglos-Paket ist“, sagt Christoph Krämer. 

Die Tochter der Krämers, Liliana, ist 21 Jahre alt. Die zierliche junge Frau hat die blonden Haare zu einem Zopf geflochten, freundlich strahlt sie die Menschen um sich herum an. Liliana sitzt im Rollstuhl, kann seit ihrer Geburt nicht laufen und nicht sprechen, und sie ist geistig beeinträchtigt.

„Liliana braucht Hilfe in allen Lebenslagen“, sagt Christoph Krämer. Solange sie in die Schule ging und das Internat am Antoniushaus in Hochheim besuchte, sei seine Tochter gut versorgt gewesen. „An den Wochenenden haben wir sie nach Hause geholt.“ Doch nach dem Schulbesuch? Das Wohnheim, in dem sie einen Platz bekam, war nicht das Richtige für Liliana. Zu unpersönlich. „Hier in der WG in Hofheim lebt sie mit jungen Menschen zusammen, muss sich mit anderen zusammenraufen. Das ist genau das Richtige für sie.“

Die Wohngemeinschaft, in die Liliana im Herbst vergangenen Jahres eingezogen ist, ist Teil des Projektes „Mitleben“ der Lebenshilfe Main-Taunus. Es besteht aus drei WGs, in denen insgesamt acht Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung und hohem Unterstützungsbedarf leben. Die Wohnungen sind in einem Neubau der Hofheimer Wohnungsbaugesellschaft (HWB) in Marxheim untergebracht. Im Erdgeschoss hat die Lebenshilfe vor wenigen Monaten das Kinder- und Kompetenzzentrum eröffnet, mit Angeboten zur Förderung und Beratung von Kindern und jungen Erwachsenen mit Behinderung und deren Angehörigen. 

Das Projekt „Mitleben“ wird von einem Büro im obersten Geschoss des Wohnhauses gesteuert. „Als Lebenshilfe sind wir für das pädagogische Konzept verantwortlich, und wir kümmern uns um die Alltagsstruktur der Menschen, die in den WGs leben“, sagt Projektleiterin Tessa Germann. Busse bringen die Bewohner in die Werkstätten der Schlockerstiftung nach Hattersheim oder in die Tagesförderung nach Eschborn.

Davor und danach werden sie von Pädagogen betreut. 
Auch eine Nachtwache ist eingerichtet. Über ein Rufsystem kann jederzeit Unterstützung angefordert werden. Die Leistungen eines Pflegedienstes buchen die Bewohner selbst, die Wohnungen mieten sie direkt bei der HWB an. „Die Koordination ist nicht immer einfach“, sagt Tessa Germann. „Aber wir möchten, dass unsere Klienten möglichst viel selbst entscheiden können.“

Jeder WG-Bewohner hat sein eigenes Zimmer, außerdem gibt es in jeder Wohnung einen geräumigen Flur, eine Küche mit angeschlossenem Wohnzimmer und ein behindertengerechtes Bad. „Bei der Einrichtung der Wohnung mussten wir als Eltern mithelfen“, sagt Christoph Krämer. Nicht nur die Möbel für das Zimmer des eigenen Kindes galt es anzuschaffen, auch die Couch fürs gemeinsame Wohnzimmer, den Esstisch und die Küchenmöbel. 

Die Eltern der drei jungen Frauen, die in der „Mädels-WG“ leben, haben das gut hingekriegt. Liliana ist glücklich in ihrem neuen Zimmer mit Pflegebett, Schreibtisch, Computer und Fernseher. Und auch die 30-jährige Kristina fühlt sich wohl in ihrem neuen Zuhause. „Hier ist es viel besser als in der WG, in der ich früher gewohnt habe“, sagt sie. „Wir kochen gemeinsam, unternehmen was am Wochenende.“ Ihre Tochter brauche aufgrund einer körperlichen Beeinträchtigung und visueller Wahrnehmungsstörungen Unterstützung im Alltag, sagt Mutter Birgitte Stöß. „Genau so wichtig ist aber der Kontakt zu anderen Menschen.“

Ein Stockwerk tiefer leben in einer Wohngemeinschaft von „Mitleben“ drei schwerst mehrfachbehinderte Bewohner. Der 25 Jahre alte Steffen ist einer von ihnen. Neun Monate lang sei ihr Sohn in einem Wohnheim gewesen, sagt Christa Schmitt. „Das ging gar nicht. Er hat dort sein Lachen verloren. Es ist das Einzige, was er hat.“ Jetzt kann Steffen, der nicht sitzen, nicht laufen, nicht stehen und nichts festhalten kann, wieder lachen. Sein Zimmer ist im Vintage-Look eingerichtet, an der Wand über seinem Bett hängt eine Schellack-Platte, auf einem Stuhl liegt ein Kinder-Keyboard. „Steffen liebt Musik“, sagt seine Mutter. „Er kann auf dem Keyboard die Tasten drücken.“ 

Ein guter Ort zum Leben ist die Wohngemeinschaft auch für Sophie. Die 20-Jährige hat eine schwere Intelligenzminderung, leidet an frühkindlichem Autismus, spricht nicht. „Sophie braucht Strukturen und Sicherheit. Das hat sie hier“, sagt ihre Mutter Regina Schött. Auf einem Regal im Flur der WG liegt ein Heftordner mit Piktogrammen. Die junge Frau deutet auf die Bilder, wenn sie etwas mitteilen will. In Sophies Zimmer hängen Bilder ihrer Familie an der Wand und ein großes Foto von ihrem Zwillingsbruder. Regina Schött kommt ihre Tochter oft besuchen. „Meist bedeutet mir Sophie, dass ich wieder gehen soll. Sie hat hier ihren Platz gefunden.“

In der „Jungs-WG“ nebenan sind Florian (22) und Marco (25) zu Hause. Die beiden jungen Männer, die sich schon von der Schule her kennen, fiebern der Fußball-Weltmeisterschaft entgegen und haben ein Plakat aufgehängt, auf dem man die Ergebnisse der einzelnen Partien eintragen kann. Florian ist nach schweren epileptischen Anfällen in der Kindheit in seiner Entwicklung verzögert. Marco ist geistig und körperlich beeinträchtigt und hat autistische Züge. Beide arbeiten tagsüber in den Werkstätten der Schlockerstiftung, abends gucken sie gemeinsam fern oder spielen das Kartenspiel Uno. Die WG sei für ihren Sohn, „eine Riesenchance“, sagt die Mutter von Marco, Sabine Messinger. „Er hat Schwierigkeiten, sich in großen Gruppen einzuordnen. Der Rahmen hier passt perfekt für ihn.“

Projektleiterin Tessa Germann ist zufrieden mit dem, was sie und ihr Team in den vergangenen Monaten mit dem Projekt „Mitleben“ in Hofheim erreicht haben. Die Wohngemeinschaften seien etwas Besonderes. „Menschen, die mehrfach beeinträchtigt sind und intensiven Pflegebedarf haben, werden üblicherweise in Wohnheimen betreut. Bei uns können sie selbstbestimmt leben, in einem Umfeld wie andere junge Menschen auch. In dieser Hinsicht sind wir Vorreiter in Hessen.“ 

Es gebe aber auch noch Dinge, die besser laufen könnten. „Wir bräuchten ein Auto, in dem wir Rollstuhlfahrer mitnehmen können, für Ausflüge am Wochenende“, sagt Tessa Germann. Und sie will neue Hilfepläne für die WG-Bewohner schreiben, damit der Landeswohlfahrtsverband die Kosten für zusätzliches Personal übernimmt. Es habe sich herausgestellt, dass der Betreuungsbedarf bei den Klienten höher sei, als ursprünglich geplant, erläutert Germann. Deshalb sei die Betreuung zurzeit nur an jedem zweiten Wochenende sichergestellt. An den übrigen Wochenenden fahren die WG-Bewohner zu ihren Eltern nach Hause. 

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare