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Unendlicher Spaß

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Von: Lukas Gedziorowski

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Szene aus „You Killed The Underground Film Or The Real Meaning Of Kunst Bleibt ... Bleibt ...“
Szene aus „You Killed The Underground Film Or The Real Meaning Of Kunst Bleibt ... Bleibt ...“ © Annette Frick

Etwa 25 Jahre lang hat Experimentalfilm-Pionier Wilhelm Hein an seinem Opus Magnum gearbeitet. Nun präsentiert er sein Zwölf-Stunden-Werk in Frankfurt. Eingeladen hat ihn das neu gegründete Filmkollektiv Frankfurt.

Denken wir uns einen Film: Teils schwarzweiß, ohne Handlung, eine Aneinanderreihung von found footage, Perfomances und Pornographie – und das ganze zwölf Stunden lang. Der Film ist stumm, die Begleitmusik kommt von einer CD, die der Regisseur bei der Vorführung selbst auflegt und dabei sein Werk kommentiert, während im Hintergrund bis zu drei 16-Millimeter-Projektoren gleichzeitig im Saal vor sich hin rattern.

Was sich anhört wie die Beschreibung eines der fiktiven Filme aus dem Roman „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace gibt es nicht wirklich. Noch nicht. Denn der Meister dahinter, der Experimentalfilmer Wilhelm Hein, will sein Opus Magnum, an dem er seit einem Vierteljahrhundert arbeitet, bis zum Wochenende vollenden. Dann nämlich feiert die finale Fassung des Werks im Studierendenhaus Bockenheim Premiere. Der Titel: „You Killed The Underground Film Or The Real Meaning Of Kunst Bleibt ... Bleibt ...“

Drei junge Cineasten haben Hein nach Frankfurt geholt: Louise Burkart, Felix Fischl und Gary Vanisian. Zusammen gründeten sie in diesem Jahr das Filmkollektiv Frankfurt, um die ungehobenen Schätze des Kinos zu präsentieren: Raritäten, die in Frankfurter Programmkinos nicht gezeigt werden, internationale, experimentelle, politische und erotische Filme wenig bekannter oder vergessener Regisseure. Die Filmemacher sollen im Idealfall den Vorführungen beiwohnen, damit das Publikum mit ihnen ins Gespräch kommen kann.

Die drei Freunde haben selbst Verbindungen zum Filmbetrieb: Louise Burkart studiert Theater-, Film- und Medienwissenschaft und gestaltet das Programm des Uni-Kinos Pupille mit, Felix Fischl arbeitet für das Deutsche Filminstitut (DIF) und das Filmforum Höchst, Gary Vanisian wirkt ebenfalls am DIF mit und hat selbst einige Kurzfilme gedreht. Zusammengefunden haben die Gleichgesinnten bei Filmvorführungen. „Wir haben uns gefragt: Warum nicht mal selbst Programm machen?“, sagt Fischl.

Viel Raum für Interpretation

Auf Wilhelm Hein sind sie im vergangenen Jahr gestoßen, als er zu Gast bei der Jack Smith-Retrospektive „Extra Trouble“ war. Der 73-Jährige Künstler aus Duisburg hat sich in den 1960ern zusammen mit seiner Frau Birgit als Experimentalfilmer einen Namen gemacht, war unter anderem auf der Documenta und auf Filmfestivals wie der Berlinale vertreten.

Die drei Filmfans waren sich zwar der Bedeutung Heins für den Experimentalfilm bewusst, und als sie auf diesen einen Film aufmerksam wurden, den er seit 1989 immer mal wieder in Teilen, doch nie ganz gezeigt hatte, brachten sie Hein dazu, sein Werk zu vollenden. Burkart und Vanisian fuhren nach Berlin, um sich einige Stunden des Fragments anzusehen.

Fragt man die beiden, wie die Vorführung auf sie gewirkt habe, suchen sie nach Worten: „Es ist furios, unerwartet“, sagt Vanisian. „Als ob jemand einem mit der Taschenlampe in die Augen leuchtet. Zuerst brennt es, man sieht bunte Farben.“ Mit der Zeit gewöhne man sich daran. „Es sind überraschende Szenen“, sagt Burkart. „Man muss sich darauf einlassen, gucken, was kommt. Es gibt viel Raum für Interpretationen.“

Die Veranstalter erwarten von ihrem Publikum nicht, dass es zwölf Stunden lang durchhält. Allerdings kommen sie ihm auch entgegen: Von dem Film wird je eine Hälfte am Samstag und am Sonntag gezeigt. Zwischendrin wird es Pausen mit Speisen und Getränken geben. Die Veranstalter wollen ein gemütliches Beisammensein. Am Sonntag werden Filmexperten, die Hein persönlich kennen, zu einer Podiumsdiskussion zusammenkommen. Zum Warmwerden sind am Donnerstag Heins „Kali-Filme“ aus den 1980er Jahren zu sehen; das Programm kündigt „tabuisierte Phantasien von Sexualität und Gewalt“ an.

„Für uns ist es eine Ehre und Herausforderung, die Uraufführung präsentieren zu dürfen“, sagt Vanisian. Obwohl Heins Filme nicht im konventionellen Sinne Geschichten erzählen, sollen sie dem Künstler zufolge mitreißen, begeistern und unterhalten. Im besten Fall dürfte das Sehen seines Zwölf-Stunden-Werks dem Zuschauer vorkommen wie „unendlicher Spaß“.

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