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Ukraine: „Schrecklich, was man da erlebt“

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Von: Thomas Stillbauer

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Team am Ziel an der polnisch-ukrainischen Grenze, von links: Sophie Willberg, Sven Curland, Elena Rohlenko, Michael Görbing.
Team am Ziel an der polnisch-ukrainischen Grenze, von links: Sophie Willberg, Sven Curland, Elena Rohlenko, Michael Görbing. © privat

Der Kelsterbacher Rettungsdienst Veritas spendet der Ukraine seinen eigenen Ambulanzbus.

Von einer Tragödie zu sprechen, sagt Michael Görbing, sei „weit untertrieben“. Er meint die Situation an der polnisch-ukrainischen Grenze, und er weiß, wovon er spricht. Er kommt gerade aus diesem Gebiet zurück.

Wie können wir den Ukrainerinnen und Ukrainern helfen, die der russische Präsident Wladimir Putin seit bald zwei Wochen bombardieren lässt? Das haben sich auch die Leute vom Rettungsdienst Veritas Ambulanz am Standort Kelsterbach gefragt – und sich zu einer besonderen Aktion entschlossen. Veritas-Geschäftsführer Görbing, Notfallsanitäterin Sophie Willberg, Rettungsdienstleiter Sven Curland und Mitarbeiterin Elena Rokhlenko, sind am Wochenende mit einem großen Ambulanzbus gen Osten gefahren. Sie brachten medizinische Hilfsgüter, versorgten Geflüchtete – und ließen den voll ausgerüsteten Großraumrettungsbus gleich da.

Die 1200 Kilometer lange Reise führte mit einem Zwischenstopp in Krakau in den polnischen Grenzort Medyka. Die Lage dort sei schwer zu beschreiben, erzählt Michael Görbing am Montag nach der Rückkehr. „Was da auf die Helferinnen und Helfer zukommt, ist eigentlich menschlich, physisch und psychisch nicht zu leisten.“

Tausende Geflüchtete aus der Ukraine hielten sich auf beiden Seiten der Grenze auf, lagerten auf freiem Feld, teilten sich den spärlichen Platz auf einem baumarktgroßen Gelände beim tagelangen Warten. Eine junge Mutter habe mit ihrem erst drei Wochen alten Neugeborenen und 20 Kilo Gepäck auf der blanken Erde gekauert. Den meisten fehle es am Nötigsten. „Es ist schrecklich, was man da erlebt“, sagt Görbing, „es gibt null Infrastruktur. Babys sind völlig wundgelegen, weil sie auf der Flucht teilweise erst nach zwei Tagen frische Windeln bekommen“.

Der Umgang der Behörden an der Grenze mit den Menschen sei aber gut. Es werde dort kein Unterschied gemacht zwischen denen, die kommen. Auch der deutsche Zoll habe auf der Reise gut geholfen.

Spendenkonto

Wer den privaten Rettungsdienst unterstützen will, kann spenden unter IBAN DE45 5019 0000 4303 1025 53 bei der Frankfurter Volksbank.

Gleich einen ganzen Bus spenden – wie ist der private Rettungsdienst darauf gekommen? „Für uns geht es um die gesellschaftliche Verantwortung“, sagt der Geschäftsführer. „Wir waren schon bei vielen anderen Katastrophen im Einsatz, und hier haben wir sofort gesehen, als der Krieg losging: Das ist eine Lage, in der unser Bus helfen kann.“ Das Fahrzeug ist nicht mehr ganz neu. 30 Jahre hat es auf dem Buckel, weit über 200 000 Kilometer in den Achsen. „Aber voll einsatzbereit.“ Besorgt sich Veritas dafür selbst einen neuen Bus? Görbing: „Nein. Wir haben dann keinen mehr.“ Ob es Ersatz gibt, müsse die Zeit weisen.

Decken, Schlafsäcke, Windeln und Babynahrung hat der Bus für die Soforthilfe an Bord. Für den weiteren Einsatz in der Ukraine ist er komplett autark dank eigener Stromversorgung und Sauerstoff an Bord. Weil das gelbe Fahrzeug sehr auffällig ist, fährt es bei Nacht weiter in die Ukraine hinein, Richtung Kiew. „Dort wird die Schlacht wohl zu ihrem Ende kommen“, vermuten die Helfer. Wo genau die Fahrt hingeht, erfährt selbst das Veritas-Team nicht – aus Sicherheitsgründen. Eine Dolmetscherin aus Rhein-Main bleibt mit einem weiteren Einsatzfahrzeug vor Ort.

Wie gefährlich war die Unternehmung? „Wo viele Menschen in Not zusammenkommen, gibt es immer gewisse Gefahren“, sagt Görbing. Nicht nur Corona, auch andere Infektionskrankheiten grassierten. Zumindest der Krieg habe sie jedoch nicht direkt bedroht.

„Wenn jeder seinen Teil beiträgt, kann man viel erreichen“, sagt der Veritas-Geschäftsführer. Er rät, den Menschen in der Ukraine am besten mit Geldspenden zu helfen. Kleidung sei akut nicht das Wichtigste: „Die Menschen, die über die Grenze kommen, sind nicht nackt.“ Dringend benötigt würden Unterkünfte für Geflüchtete und Medikamente – aber nicht aus deutschen Apotheken, sondern besser vor Ort erworben, damit die Menschen lesen können, was draufsteht. Veritas prüft gerade, ob sie auch Personal ins Kriegsgebiet schickt.

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