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An die Prospektpfeifen kommen die Orgelbauer nur mit einem Spezialgerüst.

Bad Homburg

Überarbeitung der Bach-Orgel in Bad Homburg: Alle 1500 Pfeifen müssen ausgebaut werden

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1500 Klangteile der Bach-Orgel in Bad Homburg mussten ausgebaut werden und nun kommt das zweite Instrument dran

Schon bei der Einführung von Andreas Hannemann, dem neuen Vollzeit-Gemeindepfarrer, Ende Januar fiel in dem wuchtigen Gotteshaus das Gerüst an der Empore auf. Da war die evangelische Erlöserkirchengemeinde schon ihre nächste Baustelle angegangen: die Überarbeitung der Bach-Orgel. Alle 1500 Pfeifen müssen ausgebaut, überprüft und gereinigt werden.

Dass auf der Empore zwei Orgeln ihren Platz haben, sehen Laien nicht immer auf den ersten Blick. Bei der Einweihung 1908 war die Kirche mit der damals angesagten Sauer-Orgel ausgestattet worden – es ist die große Orgel an der Rückwand der Empore. Doch sie klingt romantisch-symphonisch und ist weniger geeignet für barocke Musik vor allem von Johann Sebastian Bach. Ohne diese ist Kirchenmusik aber nicht denkbar. Die Musik Johann Sebastian Bachs ist polyphon, das heißt, die diversen Stimmen sind melodisch gleichberechtigt, müssen also alle gut hörbar sein. Mit der Wiener Klassik wird die Musik homophon: Alle Stimmen stützen die Melodiestimme. Dies wurde im Orgelbau berücksichtigt.

Also ließ die Gemeinde eine zweite Orgel bauen, die „Neue Bach-Orgel“ – vor genau 30 Jahren wurde sie mit einer Festwoche eingeweiht. „Sie hat damals ziemlich Furore gemacht“, sagt Kantorin Susanne Rohn. Der ins Leben gerufene Orgelbauförderverein ließ, allein aus Spenden finanziert, ein Instrument aus dem thüringischen Bad Berka nachbauen, für das der Thomaskantor 1742 selbst die Disposition entwarf. Für Bad Homburg wurde es noch auf 31 Register erweitert – „eine Meisterleistung bei ihrer Größe“, so Rohn.

Denn da die Bach-Orgel die Sauer-Orgel nicht verdecken durfte, wurde sie sehr schlank gestaltet. Auch mit Hilfe von Tricks: Motor und Balganlage wurden in der Empore versenkt.

ORGEL-PODCAST

Auch wenn die Kirchegeschlossen ist und keine Gottesdienste stattfinden, kann man Kantorin Susanne Rohn ganz aktuell auf der just reparierten Orgel spielen hören und sehen. Denn sie stellt jetzt regelmäßig über Youtube Orgelpodcasts ins Netz – Filme, in denen sie ganz nahbar Orgelwerke präsentiert und darüber spricht.

Zum 335. Geburtstagvon Johann Sebastian Bach geht es natürlich zuerst um den Thomaskantor. Auch leicht verkürzte Gottesdienste mit den beiden Pfarrern Andreas Hannemann und Hans-Joachim Wach sind über www.erloeserkirche-badhomburg.de („Predigten zum Nachhören“) ab- rufbar, ebenso wie die Orgelpodcasts. Wer mag, kann einen Kommentar senden. ahi

„Orgelbauer Gerald Woehl hat wahnsinnig gut konstruiert, um alle 1500 Pfeifen in dem schlanken und eleganten Gehäuse unterzubringen“, sagt die Kantorin. Woehl hatte drei Jahre lang an dem „schöpferischen Umgang mit dem Klangvorschlag Bachs“ gearbeitet. Es wurde so lange gepuzzelt, bis die klanglichen Proportionen der verschiedenen Register im Gehäuse Platz hatten und auch genug Orgelwind vorhanden war, „der dieses zierliche Instrument zur großen Orgel macht“. Inzwischen aber sind etliche Pfeifen korrodiert, bei manchen sind im Laufe der Zeit die schmalen Füßchen umgeknickt. „Einzelne funktionierten gar nicht mehr“, erzählt die Kantorin – was sie aber zu kaschieren wusste.

Kosten hören nicht auf

Bei der Überholung des Instruments wurde nun jede einzelne Pfeife begutachtet, gereinigt und anschließend in einer Halterung aufgehängt. Dann lagert nicht so viel Gewicht auf den schmalen Pfeifenfüßchen. Wie ein riesiges Puzzle lagen die Pfeifen in den vergangenen Wochen nach Größe sortiert auf der Empore. Vier Experten derselben Firma von damals aus dem Elsass weilten in Bad Homburg, wohnten bei Gemeindemitgliedern und setzten die Pfeifen Stück für Stück wieder ein.

Gut 50 000 Euro wird die Sanierung der Bach-Orgel kosten. Die Hälfte werde durch Rücklagen der Orgel-Instandhaltung gedeckt, so Petra Kühl, Vorsitzende des Kirchenvorstands. „Den Rest muss die Gemeinde noch finanzieren.“ Gerade werden Ideen für eine Spendenaktion entwickelt.

Und das Baustellenaufkommen in der Erlöserkirche reißt nicht ab: Tönt die Bach-Orgel wieder, ist die große Sauer-Orgel dran: „Sie ist nach zwei Baumaßnahmen – 2018 kam eine neue Heizung, 2019 wurde das Dach saniert – und mehr als 100 Jahren stark verschmutzt und bedarf einer Grundreinigung“, berichtet Kühl. Obwohl die Orgel bei der Heizungssanierung eingehaust worden war. Auch sei eine neue Setzeranlage nötig. Im Kirchenvorstand rechnet man hierfür erneut mit Kosten im „hohen fünfstelligen“ Bereich. „Die Bach-Orgel hat sich, weil akuter Handlungsbedarf bestand, vorgedrängelt.“

Eigentlich war „Deadline“ für die Orgelbauer der 2. April. Doch da der Poesie-Festival-Auftakt mit Ben Becker wegen der aktuellen Coronavirus-Pandemie abgesagt wurde, ebenso die „Johannespassion“ von Bach Anfang April, wartet die Orgel auf bessere Zeiten. Dann gilt, was 1990 der damalige Pfarrer Michael Schweitzer sagte: „Möge die Orgel immer spielen zum Lobe Gottes, zu seiner und unserer Freude!“

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