Gut gebrüllt

Der Skandal von 1897

Manche Wahrheit kommt in Hessen nach 120 Jahren ans Licht. Die Kolumne aus dem hessischen Landtag.

Den 22. November des Jahres 2134 sollten Sie sich in Ihrem Kalender rot anstreichen. Das ist ein Montag, und auf die Ausgabe der Frankfurter Rundschau an diesem Tag können Sie schon gespannt sein. Nicht nur wegen des Spielberichts über den Eintracht-Sieg.

Denn außerdem finden Sie darin einen Artikel über rechtsextremistische Umtriebe, Informationen von V-Leuten aus dieser Szene und Versäumnisse der hessischen Verfassungsschutz-Behörden im 20. und 21. Jahrhundert. Wir würden gerne früher darüber berichten. Aber das geht leider nicht.

Denn das Dokument, in dem all dies steht, ist geheim. Für 120 Jahre. Da der Bericht mit dem Titel „Abschlussbericht zur Aktenprüfung“ am 20. November 2014 ans Innenministerium gesandt wurde, endet diese Frist erst 2134. Dann werden wir bei der Landesregierung nachhaken. Versprochen.

Wobei wir unsere Leserinnen und Leser nicht ganz so lang auf die Folter spannen wollen. Es lohnt sich auch, einen Blick in die Zeitung vom 20. Dezember 2103 zu werfen, einem Donnerstag. Darin können wir schon über einen „Abschlussbericht zur Aktenprüfung“ schreiben, der im Jahr 2013 im Innenministerium vorgelegt wurde und nur für 90 Jahre geheim gehalten werden soll.
Nur ist der vielleicht nicht ganz so aufschlussreich. Das Ministerium wies ihn jedenfalls 2013 als unzureichend zurück, so dass sich die Verfassungsschützer erneut an die Arbeit machen mussten. Das Ergebnis dieses Anlaufs wird, wie gesagt, in weiten Teilen erst 2134 öffentlich.

Selbst wenn dort Skandale und Sensationen enthalten sind, muss man bezweifeln, dass sie in 117 Jahren noch für Aufregung sorgen. Bei aller Hoffnung auf ein längeres Leben durch technischen Forschritt: Sehr wahrscheinlich ist dann kein Ministerpräsident, Minister oder Verfassungsschutz-Chef mehr im Amt, der für die Vorgänge aus den Jahren 1992 bis 2012 verantwortlich zu machen wäre. Die meisten davon sind ja heute schon abgelöst, lächerliche fünf Jahre danach. Vielleicht sollten wir stattdessen heute die Skandale des Jahres 1897 ans Tageslicht bringen. Wer hat im Hintergrund dafür gesorgt, dass Grundbesitzer durch die „Landgemeindeordnung für die Provinz Hessen-Nassau“ vom 4. August 1897 bis zu fünf Mal so viele Stimmen erhalten konnten wie andere Gemeindemitglieder? Gab es Mauscheleien, als die gesamten hessischen Eisenbahnen im selben  Jahr in der Preußisch-Hessischen Eisenbahngemeinschaft aufgingen?

Und wie ging es überhaupt bei der Gründung der „Historischen Kommission für Hessen und Waldeck“ im Jahr 1897 an der Universität Marburg zu? Gibt es dazu geheime Akten, die jetzt erst öffentlich werden? Nun, das wird die Kommission am besten beantworten können, denn es gibt sie noch heute (nur ohne das „Waldeck“ im Namen). Die Landgemeindeordnung ist dagegen ebenso Geschichte wie die Preußisch-Hessische Eisenbahngemeinschaft. Gut möglich, dass ein „Landesamt für Verfassungsschutz“ die Zeitgenossen von 2134 genau so befremdet wie uns heute diese früheren Institutionen.

Ach, und übrigens: Vielleicht verfügt die Frankfurter Rundschau ja im Jahr 2134 über eine Sonntagsausgabe. Dann sollten Sie nicht bis Montag warten, sondern schon die Sonntagsausgabe vom 21. November 2134 am Kiosk erwerben. Falls es in der fernen Zukunft noch Kioske gibt.

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