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Durch zwei Tunnel und über drei Viadukte führt die Strecke der Draisinen. 

Ferien zu Hause

Wie im Tretboot durch den Wald

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Auf der Überwaldbahn im Odenwald sind Draisinen unterwegs. Eine Fahrt ist nicht nur umweltfreundlich, sondern garantiert auch Landluft und Denkmäler.

Das erste Treten in die Pedalen sorgt für einen Ruck im Fahrwerk, der Elektromotor schaltet sich ein und setzt die Solardraisine in Bewegung.

Zuvor wurde der Stecker, der einen Akku an Bord aufgeladen hat, gezogen und das Schienenfahrzeug rumpelt langsam bergan. Vier Bein-Paare strampeln mit wenig Widerstand und einer gedrosselten Geschwindigkeit von höchstens 15 Kilometern pro Stunde die eingleisige Strecke der ehemaligen Überwaldbahn von Mörlenbach hinauf nach Wald-Michelbach. Rund zehn Kilometer sind das auf der ausgedienten Bahnstrecke im Landkreis Bergstraße.

Draisinenrennen im Stollen.

Betrieben wird das „muskelelektrische Hybrid-Schienenfahrzeug“ größtenteils durch Strom, außerdem mit etwa 10 bis 15 Prozent Sonnenenergie – durch Solarzellen auf dem Dach – sowie eigener Muskelkraft. Auch über Bremsen wird Antriebsenergie zurückgewonnen. An Bord finden insgesamt acht Passagiere Platz, die angeschnallt, teils entgegen der Fahrtrichtung, sitzen. Ein bisschen wirkt das so, als würde man im Tretboot sitzen. Vier der Mitfahrer können sich zunächst ausruhen und die Landschaft genießen. Auf der Rückfahrt kann dann gewechselt werden, sodass jeder mal in die Pedale tritt.

Bei einer Steigung von moderaten zwei bis drei Prozent ruckelt die Draisine durch den Odenwald und klettert dabei Meter um Meter in die Höhe. Links und rechts am Wegesrand wachsen Farne, darüber hölzerne Riesen mit Schatten spendendem Laubdach. Wenn sich das dichte Geäst lichtet, ist der Blick frei auf einsame Dörfer und Bauernhöfe. Der teils zugige Fahrtwind weht frische und nicht ganz so frische Landluft um die Nasen der Passagiere. „Man riecht’s, hier gibt’s echte Tiere“, sagt eine junge Mitfahrerin, die ihre Nase rümpft. Kühe, Pferde, Schafe und Ziegen grasen an sanft ansteigenden, grünen Hängen. Auch eine Gänseschar ist zu sehen.

Durch zwei Tunnel und über drei Viadukte führt die Strecke. Leider können die „denkmalgeschützten Bauwerke“ von der Draisine aus nicht in voller Pracht bewundert werden. Dafür eignet sich der Wanderweg, der unterhalb der jahrhundertealten Sandstein-Brücken entlang führt. Ein Hingucker ist die Felswand des Mackenheimer Steinbruchs, aus dem „gneisige Metamorphiten“ geschlagen werden, die für Betonstraßen, Garten- und Landschaftsbau sowie Schotter für Gleisbetten von Eisenbahnstrecken genutzt werden.

Vor mehr als 100 Jahren befuhren erstmals Schienenfahrzeuge die Strecke der Überwaldbahn, die von 1898 bis 1902 erbaut worden war. Zunächst für den Gütertransport genutzt, pendelten später Passagiere in Schienenbussen zwischen Mörlenbach und Wald-Michelbach, ehe die heute denkmalgeschützte Trasse 1994 stillgelegt wurde.

Seit August 2013 fährt die Solardraisine. Der Landkreis Bergstraße hatte der Bahn, gemeinsam mit den angrenzenden Gemeinden Mörlenbach, Abt Steinach und Wald-Michelbach, die Trasse für 300 000 Euro abgekauft, um sie vor dem Rückbau zu bewahren. Aufgrund der hohen Kosten, auch für die regelmäßige Instandhaltung der Gleise, war das Projekt umstritten.

Durch den Wald in die Dunkelheit.

„Die Strecke zu erhalten war eine politische Entscheidung“, sagt Holger Kahl, Geschäftsführer der gemeinnützigen GmbH, die nach eigenen Angaben die „weltweit erste Solardraisine“ betreibt. Überlegt worden sei auch, das Gleisbett in einen Rad- oder Wanderweg umzugestalten. Eine solche Draisine habe jedoch den „größten touristischen Nutzen“, so Kahl. Außerdem wurde der Schienenstrang mit einem Hintergedanken bewahrt: „Irgendwann könnte die Trasse vielleicht wieder vom öffentlichen Nahverkehr genutzt werden“, sagt Kahl.

Bis dahin befördern sich Besucher selbstständig in insgesamt 26 Draisinen, deren Name übrigens auf den badischen Erfinder Karl von Drais zurück geht, über die Schienen der Überwaldbahn. Hintereinander starten die einzelnen Fahrzeuge. „Wie ein Schneckenrennen“ sehe das aus, bemerkt ein Fahrgast, während sich die gelben Schienenfahrzeuge voran schieben. Tatsächlich ist das Tempo gemächlich.

Mehrere Bahnübergänge müssen überquert werden, einige sogar mit Licht-Signal-Anlage. Ein besonderer Spaß für die Kinder: Denn dort muss ein Knopf – ähnlich wie bei einer Fußgängerampel – betätigt werden, damit das Signal auf Grün umspringt und Autos sowie andere Verkehrsteilnehmer am Übergang zum Stehen kommen. Alle Besonderheiten, wie das Verhalten an Bahnübergängen, werden vor Fahrtantritt in einem Erklär- video vorgestellt, so auch die verschiedenen Bremsfunktionen.

Kurz vor Einfahrt in den langen, beleuchteten Wald-Michelbacher Tunnel schaut sich ein Passagier um, und fragt erstaunt: „Wie sind wir so hoch gekommen?“. Fast sei die „Baumgrenze“ erreicht, ergänzt er. Bei der sanft, kaum zu merkenden, Steigung hat das Gefährt bis Wald-Michelbach immerhin 180 Höhenmeter zurück gelegt. Die Passagiere haben ordentlich Landluft getankt und können ein wenig rasten, ehe es wieder nach unten geht.

Solardraisine

In eine Solardraisine einsteigen können Besucher an den jeweiligen Endstationen, den „Draisinenbahnhöfen“ in Mörlenbach, Weinheimer Straße 16, oder in Wald-Michelbach, Am Bahnhof 10. Rund eine Stunde dauert die einfache Fahrt von Mörlenbach nach Wald-Michelbach oder umgekehrt. Die meisten Besucher fahren aber hin und zurück.

Pro Einzelfahrt und Person betragen die Kosten 15 Euro werktags und 25 Euro an Wochenenden. Eine ganze Draisine für acht Personen kann ab 69 Euro bis 139 Euro gemietet werden. Die Preise variieren je nach Saisonzeitpunkt und Wochentag.

Weitere Infos zu den Preisen und Fahrtzeiten: https://solardraisine-ueberwaldbahn.de oder per Telefon unter: 06207 / 204 913 0.

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